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VEB Schraubenwerk
Das wurde aus Schraubenwerkern

Diese ehemaligen Schraubenwerker haben in Zeischa in Erinnerungen geschwelgt. Viele genießen inzwischen ihren Ruhestand.
Diese ehemaligen Schraubenwerker haben in Zeischa in Erinnerungen geschwelgt. Viele genießen inzwischen ihren Ruhestand. FOTO: Manfred Feller
Elsterwerda/Zeischa. Zehntausende Südbrandenburger hatten in den Nachwendejahren ihre Arbeit verloren. Dazu gehörten 1995 die letzten rund 80 Beschäftigten der Fassonteile GmbH Elsterwerda, ehemals VEB Schraubenwerk. Manfred Feller

Mit den zwei kleinen Betriebsteilen in Zittau zählte die "Schraube" einst ungefähr 460 Mitarbeiter. Dahinter stehen Schicksale und bewegte Lebensgeschichten.

Was ist aus den Kolleginnen und Kollegen geworden? Die eine oder andere Abteilung und Gruppe, wie die Meister und die Verwaltung, treffen sich in Abständen. Maschinenbau-Ingenieur Helfried Ehrling hatte nun versucht, möglichst viele Ehemalige zu einem großen Treffen zu bewegen. Einige sind verstorben, andere sind in alle Winde verstreut. Dennoch hat sich ein Grüppchen in Zeischa eingefunden, um Erinnerungen auszutauschen.

Zeischa wurde mit Bedacht gewählt. Denn der Gasthof "Zum Elstertal", die letzte verbliebene Lokalität im Ort (vom Waldcafé im Sommer abgesehen) war einst die Betriebsgaststätte der Schraubenwerker. Sie ist bis heute auch aufgrund der Nähe zu Bad Liebenwerda eine sehr beliebte Einkehr, in der auch noch regelmäßig meisterhaft Skat gespielt wird.

Betrieben wird der Gasthof von Astrid Dehnz. Die heute 55-Jährige hatte 1986 als Ökonomin in der Planung des Schraubenwerkes angefangen, aber bereits im Mai 1989 die Seiten gewechselt. Zunächst als Angestellte der Betriebsgaststätte, 1990 als Pächterin und ab 1992 als Eigentümerin. Dafür hatte sie gute Gründe, sagt sie in ihrer unnachahmlich flotten Art: "Die geplante Mangelwirtschaft hat mich vom Schreibtisch in die Gastronomie getrieben. Den Kauf eines Schraubenziehers musste man fünf Jahre im Voraus planen. So ein Quatsch!"

Helfried Ehrling, Organisator des Treffens, ist mit dem späteren Betriebsdirektor Bernd Tenner in die Lehre (ab 1968) und zum Studium gegangen. Diese komplexe Ausbildung zum Automateneinrichter mit Drehen, Fräsen, Schmieden und mehr gebe es heute gar nicht mehr, sagt er. Hergestellt wurden Schrauben, Muttern und Formdrehteile für die Produktion vom Auto bis zum Panzer. 1995 habe die verwaltende Treuhand den Laden dichtgemacht. "Wir wollten selbst übernehmen", erinnert sich der 65-Jährige. Doch dies sei nicht erwünscht gewesen, wirft ein ehemaliger Kollege ein.

Viele der Verbliebenen fanden sich in einer Auffanggesellschaft oder sofort in einem neuen Job wieder. Der Technologe Helfried Ehrling war in der ABM, in der Weiterbildung, arbeitete ab 1999 bis 2008 bei der Fimag in Finsterwalde, wurde arbeitslos und durfte mit seinem Wissen und Können von 2011 bis 2017 in der Heeresinstandsetzung in Doberlug-Kirchhain letztmalig durchstarten. Seit 1. Oktober ist er Rentner und arbeitet wie viele Nachwende-Arbeitslose trotzdem auf 450-Euro-Basis weiter. "Die Rente reicht vielen unserer Generation nicht. Auch deshalb haben nicht wenige die AfD gewählt", weiß der Elsterwerdaer.

Andere hat es besser getroffen. "Ich genieße den Ruhestand in vollen Zügen", schaut Christine Schlenger (65) aus Elsterwerda auf ihr Arbeitsleben zurück. Als Sachbearbeiterin hatte sie 1970 in der "Schraube" angefangen, leistete ab 1987 sozialistische Hilfe als Lehrerin in der Kommunalen Berufsschule, studierte Pädagogik und lehrte bis zu ihrer Altersteilzeit im Jahr 2012.

Auch Christina Manig (59) aus Hohenleipisch blickt zufrieden zurück: "Die Wende war gut. Wir hatten die Nase voll vom Anstehen. Endlich konnte man was sagen." In dem VEB wurde sie ab 1974 zur Schreibtechnikerin ausgebildet und blieb bis zum Ende. Heute arbeite sie mit Begeisterung in einem Schuhgeschäft in Elsterwerda.

"Ich könnte ein Buch schreiben. Auch darüber, wie Arbeitnehmer behandelt und Firmen in die Pleite getrieben werden", sagt Christian Fleischer (66) über sein Berufsleben. Der Prösener hat Stationen hinter sich, die Seiten füllen. Hier nur ein Auszug: bis 1975 Drehautomateneinrichter, Montage in Berlin, zurück zur "Schraube", Radeberg (Karosseriearbeiten für das Wartburgwerk Eisenach), Montage an der Ostsee, 1990 Werkstattleiter einer Recyclingfirma in Stuttgart, Zweigstellenleiter in Lauchhammer, Tankstellenbau in Nürnberg, selbstständiger Schlosser, europaweit Riesendrehmaschinen endmontiert, Hydraulikschlosser in einer Erdölraffinerie in Wilhelmshaven … Etwa eineinhalb Millionen Kilometer habe er im Auto zurückgelegt. Jetzt ist Feierabend.