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Das Thema Kies spaltet das Dorf

Altenau. Der Ton wird schärfer. Zur bisher überwiegend als Zwei-Fronten-Debatte geführten Auseinandersetzung zwischen Gegnern des großflächigen Kies-Abbaus und Kieswerk-Betreibern kommt eine weitere Sicht auf die Dinge. Frank Claus

Proklamiert wird sie von der Arbeitsgruppe "Hässliche Heimat" und federführend durch dessen Kopf, den Altenauer Künstler Paul Böckelmann. Das Ergebnis: Auch in der Bevölkerung ist das Meinungsbild zum Kiesabbau gespaltener denn je.

Am Sonnabend hatte die Bürgerinitiative "Für eine Heimat mit Zukunft" zu einer Sternfahrt ins Kiesabbaugebiet zwischen Burxdorf, Mühlberg und Altenau eingeladen. Danach erläuterten die Vereinsvorsitzende Sigrid Käseberg und ihre Tochter Sonja vor gut 90 Zuhörern in der Altenauer Festhalle die Dimensionen des jetzigen und geplanten Kiesabbaus und den enormen Rekultivierungsstau. Bereichert wurde das durch eine umfangreiche Dokumentation auf mehreren Schautafeln.

Der Landwirtschaft werde immer mehr hochwertiger Boden, unter anderem in der Mühlberger Elbaue mit Bodenwertzahlen um die 50 entzogen. Völlig ungenügend betrachtet würden die Folgen des Kiesabbaus auf das Grundwasser, die Gefahren, die bei Hochwasser von der benachbarten Elbe drohen, die Verinselung der Ortschaften - Altenau werde, wenn alle Abbaupläne umgesetzt würden, nahezu komplett von Wasser eingekreist sein - die Beeinträchtigung der Lebensqualität und der Verlust der Ressourcen an Boden und Kies. Bislang, so Sonja Käseberg, werde im Zuge von Genehmigungsverfahren immer nur der jeweils beantragte Teil für den Kiesabbau betrachtet, keiner schaue auf die Effekte, die dieser großflächige Kiesabbau für die gesamte Mühlberger Region bedeute. Schon jetzt würden in den ersten Dörfern die Dorfteiche austrocknen, sinke der Grundwasserpegel, würden Bäume im Bereich des Lagers Mühlberg vertrocknen.

Unterstützung erhielt die Bürgerinitiative von der wirtschaftspolitischen Sprecherin der bündnisgrünen Landtagsfraktion, Heide Schinowsky: "Das ist der pure Wahnsinn. Sollten alle Bergbauvorhaben umgesetzt werden, wird die Elbestadt Mühlberg fast vollständig von Kiestagebauen umzingelt." Laut einer aktuellen Antwort der Landesregierung auf eine parlamentarische Anfrage existieren im Raum Mühlberg Bergbauberechtigungen für Flächen von insgesamt 2790,7 Hektar. "Es ist ein Unding, dass das vollkommen veraltete Bundesberggesetz dem Interesse von privaten Bergbaubetreibern immer noch einen weitgehenden Vorrang vor anderen Interessen gibt", erläutert Schinowsky. Für die Mühlberger Region müsse stattdessen grundsätzlich abgewogen werden, ob beziehungsweise in welchem Umfang die hochwertigen Aueböden auch zukünftig durch die Landwirtschaft genutzt werden sollen oder dem Abbau von Kies zum Opfer fallen, so die Abgeordnete.

Für Paul Böckelmann ist die Sichtweise der Bürgerinitiative zu einseitig. Seine Kritik richte sich nicht "gegen ihren Kampf gegen den Kiesabbau", sondern, dass die Bürgerinitiative übersehe, dass auch die Landwirtschaft mit ihrer großflächigen Agrarwirtschaft umdenken müsse. Da sehe aber die Bürgerinitiative seiner Auffassung nach keinen Handlungsbedarf. "In der Praxis wird sie sozusagen zu einem Lobbyisten gegenwärtiger Agrarwirtschaft."

Ein Vorwurf, den sich Jörg Fabian, selbst Mitglied der Bürgerinitiative, Ortsvorsteher in Altenau und Bereichsleiter in der Agrargenossenschaft Mühlberg, so nicht gefallen lassen will: "Ich schäme mich für diese Aussage von Herrn Böckelmann. Wir sind nicht Lobbyisten der Agrarwirtschaft, sondern Lobbyisten unserer Heimat."

Für gehörige Diskussionen in Altenau sorgt der Vorstoß des Künstlers Böckelmann, die in der Kritik stehende Kieshalde, vom Unternehmen Berger Rohstoffe fast doppelt so hoch angelegt wie genehmigt, beizubehalten und zur Landmarke mit Aussichtsplattform umzugestalten. In einer vom Unternehmen angeregten Unterschriftensammlung hätten sich große Teile Altenauer Bürger ebenfalls dafür ausgesprochen.