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| 20:18 Uhr

Hochwasserschutz: In Brandenburg passiert zu wenig
„Das nächste Mal erwischt es uns!“

 Reinhard Wild zeichnet Schüler der Klasse 8b vom Elsterschloss-Gymnasium als Sieger in einem Gestaltungswettbewerb aus.
Reinhard Wild zeichnet Schüler der Klasse 8b vom Elsterschloss-Gymnasium als Sieger in einem Gestaltungswettbewerb aus. FOTO: Dieter Babbe
Bad Liebenwerda. Naturschützer machen sich Gedanken und Sorgen um die Zukunft der Schwarzen Elster. Von Dieter Babbe

Mühlberg ist beim dramatischen Elbe-Hochwasser nur deshalb mit dem blauen Auge davon gekommen, weil in Sachsen Dämme gebrochen sind. Inzwischen ist in Sachsen in puncto Hochwasserschutz mehr passiert, in Brandenburg dagegen zu wenig. „Das nächste Mal erwischt es uns!“ Eine Kernaussage in einer Runde auch mit Fachleuten, in der es eigentlich um sie ging: die Schwarze Elster.

Dieser Fluss befinde sich seit Jahrzehnten in einer „jammervollen Situation“. Und weiter heißt es: „In ein enges Korsett gezwängt hatte sie über 99 Prozent ihrer natürlichen Aue verloren und dürfte 1990 nach der Emscher im Ruhrgebiet der naturfernste Fluss Deutschlands gewesen sein.“ Das schreibt Axel Vogel, der nach der Wende aus dem Westen nach Brandenburg kam, wo er als Abteilungsleiter bei der Landesanstalt für Großschutzgebiete tätig war. Mit einem Grußwort beteiligt sich Vogel, seit 2009 Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der Fraktion von Bündnis90/Die Grünen, am „Forum Schwarze Elster“, zu dem Reinhard Wild, Sprecher des Kreisverbandes, letzten Sonnabend nach Bad Liebenwerda eingeladen hat. Gekommen waren eine Vielzahl von Menschen, denen die Schwarze Elster am Herzen liegt: Imker, Angler, Jäger, Deichläufer, Historiker, Anlieger des Flusses, aber auch Wasser- und Flussexperten. In der Villa Nuova, nur einen Katzensprung von der Schwarzen Elster entfernt, ging es einen Vormittag lang um die Geschichte, vor allem aber um die Zukunft einer wichtigen Lebensader einer ganzen Region.

Am Ufer der Schwarzen Elster, im Jahre 1017 das erste Mal erwähnt, hat sich in den zurückliegenden 800 Jahren eine völlig neue Kulturlandschaft entwickelt, erinnert Ralf Uschner. Der Leiter des Bad Liebenwerdaer Heimatmuseums zeigt eine alte Illustration mit früheren pyramidenförmigen Grabhügeln, die inzwischen eingeebnet und nur noch bei Kleinrössen erhalten geblieben sind. Mit zunehmender Besiedlung entstanden Dörfer, wo die Menschen nicht nur an, sondern auch mit und von der Schwarzen Elster gelebt haben – Tätigkeiten, die es heute hier nicht mehr gibt: Fischer, die noch Lachse aus dem Fluss zogen, Korbflechter, die den bekannten Behnert herstellten, Hopfenbauern, die nahezu alle sächsischen Brauereien mit Hopfen versorgt haben.

Weil die Dörfer und die Ländereien immer mehr an die Schwarze Elster heranrückten und so von den Hochwassern betroffen waren, haben im Jahr 1852 die ersten Meliorationsmaßnahmen begonnen. Die Deiche wurden immer höher gebaut, der Flusslauf ist immer mehr begradigt, mitten durch die Schleifen geführt und eingetieft worden. Die Folgen: Versandungen verstopften das Flussbett, Fische verloren ihre Laichplätze, der schnurgerade Fluss mit hoher Fließgeschwindigkeit verlor seine Natürlichkeit – Lutz Otto, ein erfahrener Angler, spricht bei der Schwarzen Elster von einer „Wasserautobahn“. Nach den Jahrhunderthochwassern von 2010 und 2013 das andere Extrem im vorigen Jahr: Der Fluss stellt wegen der langen Hitze das Fließen auf einer Länge von 4,5 Kilometer einfach ein.

Das Hochwassermanagement der Landesregierung habe jahrelang in der Regel nur vorgesehen, die Deiche zu erhöhen. Es müsse aber darum gehen, dem Fluss mehr Raum zu geben, sagen die Experten in der Runde. Wohlwissend, dass damit Konflikte insbesondere zu den Bauern entstehen, die man entschädigen müsse. Wie es gehen kann, hat Siegrun Höhne vom Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg anschaulich am Beispiel vom Emscher Projekt dargestellt. Der einst am stärksten eingezwängte Fluss in Deutschland sei zur „Kloake des Ruhrgebietes“ geworden. Für fünf Milliarden Euro wird die Emsch seit 1992 und noch bis 2020 renaturiert. Der Fluss hat sein altes Bett wieder bekommen, an den Ufern entstand der größte Park des Ruhrgebietes. Gute Beispiele gebe es auch mit der Mulde im Bitterfelder Revier und im Bereich der Mittelelbe, wo der alte Deich geöffnet wurde und auf einer Fläche von 600 Hektar ein Auenwald entstand.

Wie könnte die Schwarze Elster, die etwa 60 Kilometer, größtenteils gerade wie ein Kanal, durch den Elbe-Elster-Kreis führt, gestaltet werden? Mit einem Gestaltungswettbewerb wandte sich der Kreisverband von Bündnis90/Die Grünen an die Schüler. Sieben Klassen aus Elsterwerda und Doberlug-Kirchhain haben sich beteiligt, die Erstplatzierten sind beim Forum bekannt gegeben worden: Sieger sind Paul Görlich, Hendrik Weinkauf und Luca Thiere von der Klasse 8b vom Elsterschloss-Gymnasium. Die Schüler können sich über ein Preisgeld von 300 Euro freuen.

„Was wir brauchen, ist ein Gesamtkonzept für die Schwarze Elster“, fordert Reinhard Wild, mit dem sich seine Partei auch bei den bevorstehenden Wahlen stark machen will. Im Rhythmus von vier Jahren sei mit Hochwasser zu rechnen, sagen die Experten. Wild erinnert daran: Die EU fordere in der europäischen Wasserrichtlinie, dass alle Gewässer bis zum Jahr 2027 in einen „guten ökologischen Zustand“ gebracht werden. „Doch das ist erkennbar für die Schwarze Elster bis dahin nicht mehr zu erreichen“, ist sich nicht nur Axel Vogel sicher.