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Bundestagswahl
Darum haben so viele die AfD gewählt

Der starke Zulauf für die AfD in Kröbeln? Michael Scheibe sagt, warum er die Partei gewählt hat.
Der starke Zulauf für die AfD in Kröbeln? Michael Scheibe sagt, warum er die Partei gewählt hat. FOTO: Frank Claus
Elbe-Elster-Kreis. Kröbeln gestern Vormittag. Vereinzelt hängen noch Wahlplakate im Dorf. Gabi Böttcher, Frank Claus, Manfred Feller, Sylvia Kunzeund Birgit Rudow

Am Sonntag haben 42,6 Prozent der Wähler auf ihrem Wahlzettel der AfD ihre Stimme gegeben. "Ich verstehe das nicht", sagt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen will. "Uns geht es doch gut. Es gibt kaum Leute ohne Arbeit. Wir haben noch eine Gaststätte, eine Kita, eine Bäckerei mit kleiner Verkaufsstelle." Etwas später schiebt sie nach. "Naja, manchmal fühlen wir uns etwas abgehängt. Die Stadt Bad Liebenwerda steckt mehr Geld nach Zeischa und Dobra. Bei uns ist die Zukunft der Kita ungewiss. Beim Feuerwehrumbau tut sich nichts. Selbst unseren versprochenen Radweg zum Burgwall haben wir noch nicht. Aber deswegen AfD wählen?"

Wurde wirklich Kommunales mit der großen Bundespolitik in einen Topf gehauen? "Hier gibt es eine starke AfD-Anhängergruppe", erzählt eine weitere Frau und berichtet, dass es am Sonntagabend sogar eine Siegesfeier mit Feuerwerk gegeben habe. Stattgefunden hat sie bei Michael Scheibe (55), der einen Hausmeisterservice betreibt. An seinem Grundstückszaun haben bis Sonntag mehrere AfD-Plakate gehangen, ein blaues Rad mit AfD-Aufschrift steht noch auf dem Hof.

"Stimmt, wir waren zwölf bis 14 Leute, die das Ergebnis gefeiert haben", sagt der Mann, der für das kurze Gespräch seine Schlosserarbeiten unterbricht. "Warum ich die AfD gut finde? Weil die großen Parteien keine Politik mehr für die kleinen Leute machen. Das Ergebnis ist ein Weckruf", sagt er. Und Arbeit haben sei ja nicht alles. Viele könnten gerade so davon leben, müssen mehrere Jobs annehmen, fahren stundenlang oder schrubben Überstunden. "Ich muss auch sehen, wie ich über die Runden komme. Die Regierung soll doch endlich die kleinen Leute wieder mehr unterstützen." Keiner habe was gegen Kriegsflüchtlinge, "aber dass wir Deutschen jetzt Sozialstaat für alle sind und auch noch die Schulden für andere bezahlen", er versteht das nicht. "Und guck' doch im Gegenzug unsere Schulen, die maroden Brücken, die abgespeckte Polizei an!" Wie er zu den nationalistischen Äußerungen von Teilen der Parteispitze steht? Er bewertet sie nicht und erklärt: "Ich kenne keinen Nazi hier im Dorf. Keiner von uns will wieder Krieg."

In Thalberg, ebenfalls ein Bad Liebenwerdaer Ortsteil, erreichte die AfD 41,8 Prozent. Kurstadtbürgermeister Thomas Richter (CDU) vermutet, dass neben anderen bundespolitischen Gründen das lokale Flüchtlingsthema bis heute nachwirkt. "Es hat das Dorf entzweit", sagt er. Zu der übergangsweisen Nachnutzung der leeren Oberschule bis 2016 hatte es unterschiedliche Auffassungen gegeben. Das Dorf sei seitdem politisch gespalten. Die Annäherung brauche Fingerspitzengefühl und Zeit.

In Schacksdorf, dem Heimatort des AfD-Bundestagsdirektkandidaten Peter Drenske, liegt die CDU wie insgesamt im Amt Kleine Elster in der Gunst der Wähler an der Spitze. Michael Stübgen erhielt hier 30,9 Prozent der Stimmen, Peter Drenske 22,7 Prozent. Bei den Zweitstimmen sieht es allerdings knapper aus. Hier liegt die CDU mit 27,8 vor der AfD mit 26,3 Prozent. Gesprächsthema ist die Wahl auch hier zu Wochenbeginn allemal.

Für einen Schacksdorfer Rentner ist der große Zuspruch für die AfD nicht verwunderlich. Mit der Agenda 2010 von Kanzler Schröder kam für ihn der Einbruch. Hoch in den Norden zur Arbeit - und das für sechs beziehungsweise acht Euro Stundenlohn und mit eigenem Pkw. Nach 49 Arbeitsjahren sei er mit 820 Euro Rente eingestiegen.

Und auf die Grünen habe er regelrechten Hass. Wegen des teuren Stroms. Auf Merkel und die CDU habe er immer große Stücke gehalten, aber das sei seit 2015 vorbei. "Da kam der totale Bruch. Als sie die vielen Flüchtlinge hereingelassen hat", sagt der Rentner. Wobei er nichts gegen diejenigen hätte, die vor Krieg fliehen mussten. An die Adresse der AfD richtet er den Wunsch, dass sie in der Tonlage vernünftig bleibt und konstruktive Vorschläge macht. - Denn alles in allem sei er doch froh, in Deutschland zu leben. Aber die bisher Regierenden hätten eben doch einen Denkzettel verdient.

Drei Straßen weiter sieht ein Schacksdorfer um die 30 die Lage anders. "Wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke, kann ich nicht verstehen, dass die AfD so viel Zustimmung hat. Ich verstehe auch nicht, wo die Unzufriedenheit herkommt. Die Schacksdorfer Jugend hat Arbeit, viele ein großes Auto. Sie befassen sich nicht mit Politik, schnappen irgendetwas auf und sprechen es nach", meint der junge Mann. Der Weg mit der AfD sei jedenfalls nicht der richtige, die Androhung Alexander Gaulands gegenüber Merkel, sie zu jagen, sei beängstigend.

Bei Holger Ulbricht, Ortsvorsteher im Falkenberger Ortsteil Kölsa, ist das Entsetzen groß. Auch in seinem Dorf ist die AfD stärkste Kraft geworden, fast jeder dritte Wähler machte bei ihr sein Kreuz. "Ich bin schockiert", sagt Ulbricht. "Das hat sich im Vorfeld nicht angedeutet. Aber mancher hat wohl die Schnauze voll und aus Protest so abgestimmt", vermutet er. Der Dorfchef steht selbst in der Verantwortung und weiß, wie schwer es ist, Politik vor Ort zu erklären, zumal sie nicht wenig von oben bestimmt wird. Wenn aus Finanzgründen nicht mehr Personal für den Bauhof eingestellt werden könne, der aber nicht mehr nachkomme, die städtischen Grünflächen zu pflegen und die Einwohner selbst ran müssen, "dann sagen manche Leute eben: Jetzt ist es genug!", versucht Ulbricht Erklärungen für den Wahlausgang zu finden.

Nach denen sucht auch Helmut Boche, Ortsvorsteher im Herzberger Ortsteil Mahdel. Nirgends im Herzberger Stadtgebiet ist der AfD-Anteil zur Wahl so hoch wie hier - 32,7 Prozent. Neben einer allgemeinen Unzufriedenheit sieht Boche einen Grund dafür in der Arbeitssituation vor allem der jungen Leute. "Die fahren früh um 5 los zur Arbeit und kommen abends um 9 Uhr wieder. Manche pendeln bis hinter Berlin und sie verdienen noch nicht mal besonders gut dabei ", sagt er.