Was gestern in der Corona-Krise galt, ist heute schon wieder überholt. Ergotherapeutin Solveig Reinisch hatte ihre Praxis in Elsterwerda vor mehr als einer Woche nach vielen Terminabsagen geschlossen. An diesem Freitag öffnet sie auf Bitten vieler Patienten wieder, natürlich unter den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen. „Sehr viele Eltern haben signalisiert, dass sie uns gerade jetzt brauchen, auch wenn die Therapien sicher anders ablaufen als vor der Krise“, sagt Solveig Reinisch.

Der Entschluss, eine Zwangspause einzulegen, war nur zwei Tage nachdem die Bundesregierung am vorvergangenen Wochenende die speziellen Sicherheitsgebote im Umgang der Menschen untereinander bekanntgegeben hatte. „Am Montag hatten wir die ersten Absagen von Eltern für ihre Kinder. Dann schloss das Seniorenheim Plessa für Besucher, und damit auch für uns, um die Bewohner zu schützen. Das war richtig so. Weitere Patienten sagten am Dienstag ihre Termine ab. Schließlich haben wir mit Angehörigen und Patienten gesprochen, und daraufhin die Behandlungen für mehrfach schwerstbehinderte Kinder und erwachsene Risikopatienten ausgesetzt“, erinnert sich die 52-jährige Großthiemigerin.

Mangelware Desinfektionsmittel

Auch ein Grund für die konsequenten Schritte sei gewesen, dass Desinfektionsmittel nicht zu bekommen waren. „Wir haben nur drei kleine Flaschen zu je 125 Milliliter in der Apotheke zur Handdesinfektion kaufen können“, kritisiert sie. Am Dienstag vor einer Woche hatte sich das vierköpfige Praxisteam schließlich entschieden, die Türen vorerst zu schließen. Therapie und Beratung würden über Telefon und Video angeboten. „Das ist aber nur bei einem kleinen Teil der Patienten sinnvoll“, sagt Solveig Reinisch.

Während landauf und landab schon einige Therapiepraxen geschlossen haben oder Umsatzrückgänge zwischen 60 und 90 Prozent verkraften müssen, wie der Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV) informiert, laufen die Kosten für Kredite, Mieten und Medien weiter.

Kurzarbeit bis Ende April

Solveig Reinisch hat für ihre Mitarbeiterinnen bis einschließlich April Kurzarbeit angemeldet. Sie selbst müsse sehen, wo sie bleibt. „Die finanziellen Rücklagen sind schnell aufgebraucht, wenn es sie überhaupt gibt“, stellt SHV-Vorsitzende Ute Repschläger fest. Der Spitzenverband mit Sitz in Köln vertritt nicht weniger als bundesweit 75 000 Therapeuten, davon viele auch in Elbe-Elster.

Große Hoffnungen hatten die Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen in die Mittwochsitzung des Bundestages gesetzt. Doch sie wurden enttäuscht. Finanzielle Hilfe gibt es nun für Krankenhäuser, Vertragsarztpraxen und Pflegeheime. Dabei habe der Spitzenverband SHV, so teilt er mit, der Politik Vorschläge zur Erweiterung des Gesetzentwurfes gemacht. Die Folgen könnten nun gravierend sein: Praxissterben und eine massive therapeutische Unterversorgung. Schmerzpatienten, Patienten mit neurologischen Erkrankungen, jene nach Operationen oder nach Krebsdiagnosen, so heißt es weiter, wären besonders betroffen. Aus Sicht von Ute Repschläger vom Spitzenverband der Heilmittelverbände seien die Heilmittelerbringer ebenso systemrelevant und gehörten zum Kern der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker.

Vornehmlich Kinder betroffen

Ergotherapeutin Solveig Reinisch betreibt eine Schwerpunktpraxis für Kinder, die etwa 80 Prozent der Patienten ausmachen. Darunter sind verhaltensauffällige sowie Kinder mit Lernproblemen und Behinderungen. Daneben gehören alte Menschen im Seniorenheim Plessa sowie Erwachsene mit unterschiedlichen neurologischen Erkrankungen zum Klientel.

„Wir wünschen und hoffen, dass es irgendwie weitergeht, weil vor allem die Familien uns brauchen“, sagt sie, die seit dem Jahr 2000 Ergotherapeutin mit mehreren Spezialisierungen ist und seit neun Jahren ihre eigene Praxis betreibt. Vor der Corona-Krise sei die Warteliste riesenlang gewesen. So groß sei der Bedarf.

Familien brauchen Hilfe

Rückschritte durch die derzeitige Zwangspause seien aufzuholen. „Aber wir haben auch Multiproblemfamilien. Das sind psychisch schwache Eltern und verhaltensauffällige Kinder, die jetzt gemeinsam ständig zu Hause sind ohne Kita, Schule und die wegbrechende sozialpädagogische Hilfe der Jugendämter. Das ist überhaupt nicht gut für die Kinder“, bedauert die Großthiemigerin den gegenwärtigen Zustand.

„Wir waren schon immer die Stiefkinder des Gesundheitswesens“, kommentiert sie die ausbleibenden Bundeshilfen für den Therapeutenstand. Unterdessen fordert der Spitzenverband SHV finanzielle Soforthilfen von der Gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen für die Umsatzeinbußen. Finanzielle Schwierigkeiten entstünden der Versicherung nicht, da Kosten für die Leistungen der Praxen ohnehin eingeplant waren.

Millionen von Patienten

Solveig Reinisch und deutschlandweit ihren Kolleginnen und Kollegen bleibt gar nicht anderes übrig, als weiter zu kämpfen. Im Interesse von Hunderttausenden Arbeitsplätzen in Deutschland und Millionen von Patienten, die auf Fortschritte ihres Heilungsprozesses bauen, müsse es weitergehen. Vielen Praxen werden wahrscheinlich und nach jetzigem Stand nur die jeweiligen Landeshilfen als kleine Unterstützung in der Krise bleiben.

Wenn die Großthiemigerin ihren Praxisbetrieb langsam wieder anlaufen lässt, dann mit allen erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen. Termine würden so gelegt, dass sich Patienten in den Räumen nicht begegnen. Im Mittelpunkt stünden die Kinder, die Therapien dringend bräuchten, wie sie sagt. Aber auch Erwachsene mit psychischen Problemen hätten wieder um Termine gebeten.