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| 17:46 Uhr

Interview
Brütende Hitze über hunderte Kilometer

Eine Momentaufnahme bei der Rallye von Dresden nach Gambia: das Team „Westafrikanische Pistenwiesel“ mitten in der Wüste bei brütend heißer Sonne.
Eine Momentaufnahme bei der Rallye von Dresden nach Gambia: das Team „Westafrikanische Pistenwiesel“ mitten in der Wüste bei brütend heißer Sonne. FOTO: privat
Region. Die „Westafrikanischen Pistenwiesel“ sind bei einer Rallye von Dresden bis Banjul in Gambia gefahren. Ein Abenteuer mit Hintergrund.

Die „Westafrikanischen Pistenwiesel“, junge Leute, unter anderem aus Elsterwerda, Merzdorf und Ruhland, haben im Team bei einer gemeinnützigen Rallye von Dresden bis nach Gambia mit ihren drei Fahrzeugen Kilometer um Kilometer hinter sich gebracht und dabei so manche unvorhergesehene Situation meistern müssen. Jetzt fand sich die Zeit, die Tour Revue passieren zu lassen:

Wie viele Fahrkilometer und -stunden liegen hinter dem Team?

Sicker: Beim Roten Baron, dem Opel Kadett, haben wir den Kilometerstand vor Start und Ziel verglichen und sind bei 18 Tagen Fahrt auf 7382 Kilometer gekommen. Die Fahrzeit haben wir allerdings nicht gemessen. Laut Google Maps hätten es 1000 Kilometer weniger in gerade mal 72 Stunden sein müssen. Aus unserer Sicht unrealistisch, weil es umso schleppender vorangeht, je weiter man gen Süden fährt. Unsere Fahrzeit müsste ungefähr bei 148 Stunden liegen.

Ging die Strecke „geradlinig“, oder mussten Umwege gefahren werden? Wenn ja, warum?

Sicker: Den einen oder anderen Umweg sind wir schon gefahren. Entweder, um die Fahrzeuge bei abenteuerlichen Steilpässen nicht zu überlasten, oder um den einen oder anderen Einkauf zu machen. Bei diesen ist man auch mal in Kontakt mit Einheimischen gekommen.

Erstens ist es sinnvoll, längere Etappen im Konvoi mit mehreren Fahrzeugen zu fahren, um sich bei Pannen auch gegenseitig helfen zu können. Zweitens muss man auch die eine oder andere Oase oder Stadt ansteuern, um sich mit Nahrungsmitteln und Wasser einzudecken. Das war gerade bei der Wüstenetappe von hoher Wichtigkeit. In der Wüste haben wir dann auch sehr lange Pausen über die Mittagszeit gemacht, um Fahrer und Fahrzeuge bei der Hitze nicht zu überlasten.

Lief alles reibungslos?

Sicker: Natürlich verlief nichts reibungslos, und die Probleme gingen bei vielen Teams schon in Europa los. Von zerschlissener Kupplung über undichte Kühler bis zur gerissenen Kraftstoffleitung war alles dabei. Im afrikanischen Nirgendwo war dann Erfindergeist gefragt.

Wir hatten uns in Europa so gut es ging auf die größten Macken unserer Fahrzeuge vorbereitet. Bei Olaf, dem Golf, zeichnete sich bei Anstiegen in Spanien bereits ab, dass wir damit maximal bis zur Wüste kommen. Unser Fiat, der Pugnator Desertum (lateinisch für Wüstenkämpfer), hatte Probleme mit der Kraftstoffversorgung. Also wurden noch kurzerhand eine Austauschkupplung bei einem Autoverwerter besorgt und bei einem Teilehändler eine neue Benzinpumpe. Einzig und allein der Rote Baron hat sich nichts anmerken lassen.

Mit welchen Widrigkeiten musste man noch umgehen?

Sicker: Die widrigen Bedingungen sind: Es wird trocken, staubig und sandig - und niemand kann sich dagegen wehren. Dazu kommen Hitze und brütend heiße Sonne. Ohne Sonnencreme, ausreichend Wasser und eine Kopfbedeckung hat man in kürzester Zeit einen Sonnenstich. Die Freude ist groß, wenn man wieder in feuchtere Gegenden kommt. Durch die tropischen Bedingungen ist das dann aber nicht besser.

Moskitos übertragen Malaria, und auch andere Krankheiten machen einem das Leben schwer. Die Einheimischen können da ein Lied von singen und haben alle fast jährlich das Malariafieber. Deshalb ist die wichtigste Regel in Afrika: gesund bleiben. Dementsprechende Vorbereitung ist daher wichtig.

Außerdem sinkt die Bevölkerungsdichte, je südlicher man fährt, und damit einhergehend werden Infrastruktur und Versorgung schlechter. Mehrere Tage Wüstenaufenthalt muss man entsprechend vorbereiten und mit Lebensmitteln haushalten. Aber das ist ja daheim auch so.

In Europa haben wir es dennoch echt gut. Man kann sich gegen fast jede Tropenkrankheit impfen lassen und muss dann nur noch darauf achten, was man zu sich nimmt, um keine Magenverstimmung und keinen Durchfall zu bekommen. Unsere sensiblen europäischen Mägen sind da nicht abgehärtet genug. Mit entsprechenden Medikamenten bekommt man aber auch das schnell wieder in den Griff.

Benennen Sie bitte besondere Momente auf der Tour. Was ging echt unter die Haut?

Sicker: Nouakchott – Mauretaniens Hauptstadt gehört dazu. Ich weiß nicht, ob man das jetzt unbedingt als Moment sehen kann, aber die Bedingungen in so einer Stadt selbst zu sehen, das ist unglaublich. Überall Müll, es stinkt und die Autos sind fahrende Schrotthaufen. In den Cafés laufen aber auf Fernsehgeräten Blockbuster-Filme, der Superbowl bzw. Werbefilme aus Amerika oder Europa. Der totale Kontrast. Es ist alles so unwirklich und weit weg.

Und dann war da die Nacht im Natur-Reservat: Im Gegensatz zu allem davor lag da bis auf ein oder zwei Plastikflaschen kein Müll mehr. Natur und Tiere schienen weitestgehend unberührt und sich selbst überlassen. Dort auf Rangerwegen durchzufahren und im Camp zu übernachten, war ein richtig tolles Erlebnis und Erholung nach den Tagen davor. Bis auf die Ranger und ein paar Naturvölker waren da keine weiteren Menschen, keine Zivilisation.

Außerdem waren die Tage in Gambia sehr intensiv. Wir haben verschiedene Projekte wie Grundschulen oder Krankenstationen für Arme besichtigt, die entweder mit der Rallye, aber teilweise auch durch Privatpersonen entstanden sind. Ich glaube, keiner von uns wird vergessen, wie 100 afrikanische Mädchen und Jungen uns voller Freude singend in ihrer Grundschule empfangen haben.

Gab es zwischendurch mal den Gedanken: Wir geben hier jetzt auf? Wenn ja, warum? Wenn nein, was machte das Team so „siegessicher“?

Sicker: Den Gedanken aufzugeben gab es in keiner einzigen Sekunde. Das wäre die größte Schande für einen Pistenwiesel. Aber klar gab es auch mal Probleme, doch nichts war unlösbar. Selbst als sich in Ad-Dakhla beim Tauschen von Olafs Kupplung gezeigt hat, dass sie nicht passend war, hat keiner den Kopf in den Sand gesteckt. Vor Ort haben wir passende Scheiben gefunden und konnten die wechseln bzw. haben das dann die Mechaniker vor Ort gemacht – pfiffige Kerle.

Es war nach der Tadschik-Rallye nun die zweite Tour dieser Art. Was einte beide Herausforderungen? Wo lagen die Unterschiede?

Sicker: Geeint werden beide Rallyes darin, dass karitativer Zweck, Fairness und Geschicklichkeit vor motorsportlicher Höchstleistung und lebensgefährlichen Verfolgungsjagden stehen. Beide haben zum Ziel, Aufmerksamkeit für die armen Länder der Welt zu erzeugen, es werden Erfahrungen ausgetauscht und Völkerfreundschaften unterstützt.

Die Distanz war zwar 3000 Kilometer weniger, aber die Armut flächendeckend und sichtbarer. Es war egal, wo man hielt. Sobald eine Siedlung oder eine Stadt in der Nähe war, dauerte es nicht lange, bis bettelnde Menschen kamen. Entweder waren es Kinder oder junge Frauen, die nach Geld, Nahrung oder oft auch nur nach Stiften und anderem Schulmaterial fragten. Das war gerade an Grenzpunkten stärker ausgeprägt, da Reisende dort lang genug stehen, und nimmt zu, je weiter man gen Zentralafrika fährt.

Im Gegensatz zur ersten Rallye, gehörte es diesmal mit zum Programm, die Entwicklungsprojekte im Land selbst zu besuchen. Das war sehr gut und hat geholfen, Gesehenes zu verstehen.

Sie waren bei der Versteigerung der Autos dabei. Was kam dabei raus?

Sicker: 31 000 Dalassi für den Roten Baron (Opel Kadett), 46 000 Dalassi für den Pugnator Deserum (Fiat Cinquincento), 96 000 Dalassi für Olaf (Golf 3). Also 173 000 Dalassi in Summe. Umgerechnet sind das etwa 3100 Euro.

Für den Baron war das dann doch weniger als erwartet, wurde aber vom Pugnator und Olaf wieder wettgemacht. Zusätzlich hatten wir noch 800 Euro Geld- und weitere Sachspenden für die einzelnen Projekte dabei.

Alle Teams, die es ins Ziel geschafft hatten, brachten dann in Summe 74 100  Euro ein.

Welchen Eindruck haben Sie von den Projekten gewonnen, für die der Erlös der Auktion bestimmt war?

Sicker: Unser Eindruck war sehr positiv! Auf dem Weg von Dresden nach Gambia hatten wir sehr viel Zeit, darüber zu diskutieren, wie zukunftsfähig soziale Projekte sind, die durch Mittelzufuhr aus reicheren Industriestaaten getragen werden. Die Rallye Dresden-Dakar-Banjul wird nicht ewig sein, und was kommt danach?

Der Eine oder Andere von uns hat das dann schon etwas kritischer betrachtet und diese Fragen dann auch in Gambia gestellt. Positiv überrascht waren wir über die Antworten und Ziele. Langfristig sollen sich die Projekte irgendwann selbst erhalten können. Diese Hilfe zur Selbsthilfe kann man ganz gut mit dem Kind vergleichen, dem man unter die Arme greift, bis es selbst Laufen gelernt hat.

Folgen jetzt eventuell auch noch Rallye Nummer drei, vier …..? Wenn ja, schon Ideen im Kopf?

Sicker: Erstmal ist das Rallye-Fieber geheilt, alle sind ausgebrannt und es hat noch keiner von uns was Neues im Kopf. Aber nach der Rallye ist vor der Rallye. Bei Rally Nummer drei sollte allerdings der karitative Zweck wieder im Vordergrund stehen. Der Eine oder Andere kann sich aber auch vorstellen, an der Rallye Dresden-Dakar-Banjul ein zweites Mal teilzunehmen.

Werden Sie wieder mit Vorträgen über das Abenteuer berichten – eventuell auch demnächst mal in der Heimat in Elsterwerda?

Sicker: Sehr gern! Der erste Vortragstermin ist sogar schon am Donnerstag, 18.Januar, allerdings in Dresden. Wir sind dazu eingeladen, den Eröffnungsvortrag der Vortragsreihe „Winterreisen“ im Atelier Schwarz (Förstereistraße) zu halten. Bisher ist darüber hinaus nichts Konkretes geplant, aber gern halten wir den Vortrag auch in Elbe Elster oder in der Lausitz.

Gehen Sie jetzt mit den Erfahrungen, die Sie vor Ort in Afrika gesammelt haben, Ihr Leben etwas anders und mit neuem Blickwinkel an?

Sicker: Auf jeden Fall! Wir haben das Glück der Geburt. Das wird einem so richtig bewusst, wenn man nach so einem Trip zum 2. Advent zurückgeflogen kommt. Plötzlich ist man mitten im Weihnachtsrummel der ersten Welt. Alles ist weihnachtlich geschmückt, es gibt alles, was das Herz begehrt, und an jeder Ecke ertönen Weihnachtslieder. Es ist mindestens 30 Grad kälter, und überall herrscht hektischer Weihnachtskonsum. Eine jährliche Ausnahmesituation, die man sich auch leisten können muss.

Daher sollte sich jeder bewusst machen, wie gut er es eigentlich hat. Auch wenn es viele tragische Einzelschicksale und Ungleichheiten gibt, geht es uns im gesellschaftlichen Durchschnitt sehr gut. Jeder genießt den freien Zugang zur Bildung und es gibt Sozialsysteme. Das ist in anderen Teilen der Welt undenkbar. Aber egal, wo man ist, Regel Nummer eins lautet: gesund bleiben!

⇥Es fragte Sylvia Kunze.

Tourimpressionen sind nachzulesen in den Blogs auf Facebook:
https://www.facebook.com/pistenwiesel/
sowie auf Visionbakery:
http://www.visionbakery.com/Westafrikanische-Pistenwiesel/news

Der Augenblick, als die afrikanischen Kinder die deutschen Gäste singend empfingen, wird lange in Erinnerung bleiben.
Der Augenblick, als die afrikanischen Kinder die deutschen Gäste singend empfingen, wird lange in Erinnerung bleiben. FOTO: privat