ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 11:23 Uhr

Betriebsschließung
Brottewitzer Zuckerfabrik ist nach 146 Jahren Geschichte

 Die Zuckerfabrik in Brottewitz im Jahr 2019. Weit mehr als 100 Millionen Euro hat Südzucker in beinahe drei Jahrzehnten in das Werk investiert.
Die Zuckerfabrik in Brottewitz im Jahr 2019. Weit mehr als 100 Millionen Euro hat Südzucker in beinahe drei Jahrzehnten in das Werk investiert. FOTO: LR / Jens Berger
Brottewitz. Die Schließung des Südzucker-Werkes im Mühlberger Ortsteil Brottewitz bewegt Menschen in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die RUNDSCHAU blickt auf Meilensteine einer mehr als 140 Jahre alten Tradition. Von Henry Blumroth

Mehr als ein Jahrhundert lang roch es alljährlich für drei Monate nach einer Mischung aus Rübenschnitzel und Zuckerwatte. Kenner wussten: In der Zuckerfabrik Brottewitz, dem Wahrzeichen des kleinen Dörfchens, läuft die Rübenkampagne – und zwar auf vollen Touren.

Keine zwei Weltkriege und auch nicht die politische Wende können der Produktion des weißen Goldes der Elbaue etwas anhaben. Erst eine neue Zuckermarktordnung und wohl auch das fehlende Vertrauen in die Zukunft des Produkts sorgen für die Stilllegung der Fabrik in Elbe-Elster.

Die Zuckerfabrik in Brottewitz wurde 1873 in Betrieb genommen

Seit der Inbetriebnahme der Zuckerfabrik 1873 lebten die Menschen mit und vor allem von ihrer Zuckerfabrik. Bettina Broneske schreibt in einem RUNDSCHAU-Artikel im Juni 2005: „Die Elbe, direkt vor der Haustür des Ortes, ist stets eine Bedrohung für die Menschen hier, aber auch eine Gabe. Denn nur des Flusses wegen wurde einst Brottewitz als Sitz der „Actien-Zuckerfabrik“ gewählt. Nach dem Bau der Zuckerfabrik brechen für Brottewitz erfolgreiche und entwicklungsreiche Jahre an.“

Aus einem Kreisblatt des Jahres 1901 ist bekannt, dass die Fabrik während der Rüben-Kampagne Arbeiter suchte. Immer mehr Menschen finden in Brottewitz Arbeit und eine Heimat. Ein weiterer wirtschaftlicher Höhepunkt ist der Bau der Eisenbahnlinie zwischen Neuburxdorf und Mühlberg im Jahr 1909. Hunderttausende Tonnen an Rüben, Rohzucker, Braunkohle und Kalkstein rollen in den folgenden Jahren per Schiene in die Fabrik und die gleiche Anzahl an Tonnen Weißzucker, Melasse und Rübenschnitzel aus dem Werk heraus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Zuckerfabrik in Brottewitz zum Volksgut

Nach 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde die Brottewitzer Zuckerfabrik zum Volkseigentum. In den sozialistischen Jahren wird ein Lehrinternat errichtet, das zur Ausbildung von Facharbeitern dient. Im Ort entstehen außerdem Eigenheime, Wohnblöcke mit Garagen und ein Kindergarten. Bis zur politischen Wende zählte Brottewitz mehr als 500 Einwohner, dazu über 300 Lehrlinge und Kampagnenarbeiter.

Das ändert sich schlagartig nach 1990. Vielerorts sterben Betriebe und Menschen verlieren ihre Jobs – auch in der süßen Dame. Die Lehrlingsausbildung wird eingestellt und die Einwohnerzahl schrumpft in den nächsten 15 Jahren auf knapp über 300 Seelen. Etwa jeder fünfte Dorfbewohner ist 2005 arbeitslos. Doch die Zuckerfabrik nimmt auch diese Hürde und produziert weiter. Die Südzucker-AG in Mannheim übernimmt das Werk und entwickelt es in den Folgejahren zu einem hochmodernen Betrieb.

Bis 1997 fließen mehr als 100 Millionen Mark in die Erneuerung der Anlagen, davon etwa elf Millionen in den Umweltschutz. Auch von außen erkennen jene, die das Werk noch aus Vorwendezeiten in Erinnerung haben, die süße Dame kaum wieder. Die Außenanlagen und auch die Fassade des Werks können sich sehen lassen, genauso wie die Sozialräume einschließlich Kantine.

Zulieferer von Torgau bis Luckau von Meißen bis Jessen

 Die Südzucker AG übernimmt das Werk nach der Wende und investiert sofort kräftig in die Anlagentechnik.
Die Südzucker AG übernimmt das Werk nach der Wende und investiert sofort kräftig in die Anlagentechnik. FOTO: privat

Das Vertrauen der Angestellten in ihren Arbeitsplatz wächst. Mehr als 500 landwirtschaftliche Betriebe aus dem Raum zwischen Jessen und Meißen sowie Torgau bis Luckau gehören zu den Zulieferern des Zuckerwerkes. Handwerker in Brottewitz und Umgebung leben von Aufträgen des Rübenverarbeiters. Ganz zu schweigen von den Fuhrunternehmen, die etwa drei Monate lang jeden Tag Zuckerrüben aus einem Umkreis von etwa 55 Kilometern nach Brottewitz bringen.

Neben der Freude über die Verbesserungen beim Zuckerertrag gehen die Preisturbulenzen auf dem Weltzuckermarkt im Jahr 1999 nicht spurlos an den heimischen Rübenanbauern und Zuckerherstellern vorbei. Im Laufe des zurückliegenden Jahres hatte sich der Tonnenpreis nahezu halbiert. Das Wort „Anbaureduzierungen“ steht plötzlich im Raum. Südzucker investiert dennoch auch in diesem Jahr kräftig in das Werk in Brottewitz: Rund 1,5 Millionen Mark in die Ertüchtigung und Modernisierung der Produktionsanlagen sowie 4,5 Millionen Mark in Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen.

Erste Südzucker-Werke schließen ab 2000

Im Jahr 2000 müssen die Südzucker-Werke in Löbau und Delitzsch schließen. Für den Südzucker-Konzern ist das die Konsequenz aus einer Vereinbarung zwischen Welthandelsorganisation (WTO) und Europäischer Union, wonach der Zuckerexport aus der EU gesenkt werden müsse. So jedenfalls wird ein Mannheimer Unternehmenssprecher zitiert. Für das strukturschwache Ostsachsen eine Katastrophe. Die Ankündigung aus der Mannheimer Konzernzentrale hatte die Mitarbeiter der Fabriken wie der Blitz getroffen. Erst kurz zuvor war noch von Investitionen in Millionenhöhe gesprochen worden. Für den Delitzscher Betriebsratschef Rüdiger Omlor steht das Ziel der Schließungen zweifelsfrei fest: Gewinnoptimierung.

Die Zuckerwerker in Brandenburg atmen derweil auf. Nach der Zitterpartie um Werksschließungen ist das Brottewitzer Werk erstmal gesichert. Die Zuckermarktordnung wurde bis 2006 verlängert. Darin wird festgeschrieben, zu welchen Preisen die Landwirte ihre Rüben loswerden.

Rund 200 Lastwagen rollen in der Kampagne 2001 täglich auf das Betriebsgelände. Bis zum Jahr 2004 sollen weitere 20 Millionen Mark in Brottewitz investiert werden. Inzwischen hat die Südzucker AG seit der Übernahme der Fabrik 50 Millionen Euro in das Werk in Brottewitz gesteckt.

2004: erste Hiobsbotschaften für Brottewitzer Fabrik

Und dennoch: Schon Ende September 2004 gerät auch die süße Dame in die Schlagzeilen. „Zuckerfabrik durch EU-Reformpläne gefährdet“ titelt die RUNDSCHAU am 24. September. Der Leiter der Rübenabteilung, Werner Stohr, macht keinen Hehl daraus: „Wenn das in aller Härte umgesetzt wird, was EU-Agrarkommissar Franz Fischler umsetzen will, dann ist der Standort Brottewitz in Gefahr.“

Fischler will die Subventionen, die dazu geführt hätten, dass der Zuckerpreis in der EU drei Mal so hoch sei wie auf dem Weltmarkt, abbauen. In Brottewitz, aber auch bei Zuckerrüben-Produzenten der Region, vernimmt man diese Vorhaben mit Schaudern. In Brottewitz stehen mehr als 100 Arbeitsplätze auf dem Spiel, hinzu kommen zwölf Lehrlinge und 25 Saisonkräfte. Im Mai 2005 gilt der Standort in Brottewitz als der gefährdetste in Deutschland – „mit dramatischen Auswirkungen für die Landwirtschaft“, wie RUNDSCHAU-Reporter Frank Claus schreibt.

Doch die Zuckerfabrik übersteht auch dieses Beben. Ende 2006 steht fest: Der Standort Brottewitz bleibt erhalten. Trotz einer umfassenden EU-Zuckermarktreform und Preissenkungen haben die Produzenten in unmittelbarer Nähe der Zuckerfabrik an der Elbe vergleichsweise die geringsten Einbußen. Auf durchschnittlich 18,6 Prozent Zuckergehalt bringen es die in Brottewitz verarbeiteten Rüben in der Kampagne 2005. Das ist einer der besten Werte innerhalb der Südzucker-AG in ganz Europa. Erstmals wird auch die 60-Tonnen-Marke geknackt.

Im Jahr 2009 bricht der Preis für Zuckerrüben ein

Da die ursprünglich vorgesehene Kürzung der Zuckerquote nicht in Kraft tritt, ist die Auslastung der Zuckerfabrik Brottewitz vorerst auch für die kommenden Jahre gesichert. Einkommensverluste für Landwirte sind dennoch zu erwarten. Der Rübenpreis sinkt schrittweise von bisher 43,63 Euro pro Tonne auf 26,30 Euro im Jahr 2009. Auch die Bezuschussung der Transportkosten wird verändert. Südzucker bezahlt jedem Landwirt künftig nur noch den Antransport der vertraglich vereinbarten Rübenmenge. Landwirte aus ferneren Regionen, wie der Oberlausitz, müssen ihre Anbaupläne daher scharf kalkulieren, um möglichst genau die Vertragsmenge zu ernten. Seit der Übernahme der Südzucker AG im Jahr 1991 wurden bis Oktober 2006 etwa 100 Millionen Euro in neue Anlagentechniken investiert.

Nur wenige Wochen später stehen die nächsten deutschen Südzucker-Werke vor dem Aus: Zwei Fabriken in Regensburg und Groß-Gerau. Betroffen sind insgesamt 278 Mitarbeiter. Als Grund für die Schließungen nennt das Unternehmen die Reform der EU-Zuckermarktordnung. Die damit verbundenen Rahmenbedingungen hätten sich gegenüber den bisherigen Erwartungen nachhaltig verschlechtert. Die 1899 gegründete Zuckerfabrik in Regensburg war die älteste in Bayern. Das 1883 gegründete Werk in Groß-Gerau war die größte Zuckerfabrik in Hessen.

Fortbestehen der Zuckerfabrik ist 2007 gesichert – vorerst

Nur wenige Tage später heißt es aus Brottewitz: Die Zukunft der Zuckerfabrik ist gesichert: „Der Rübenanbau ist hier wettbewerbsfähig“, erklärte der Südzucker-Gebietsleiter Dr. Georg Vierling, am 4. April 2007 während einer Stippvisite des CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Stübgen. Die Länge der Kampagne und der preiswerte Energieträger Braunkohle hätten den Standort, an dem gegenwärtig 91 Mitarbeiter beschäftigt sind, wettbewerbsfähig gemacht. Auch der Zuckerrübenverband sieht keine Konkurrenz für Brottewitz.

Nach diesen Schreckensjahren wird es in der süßen Dame für einige Jahre deutlich ruhiger. Im Jahr 2014 berichtet die RUNDSCHAU sogar vom besten Jahr der Fabrikgeschichte. Das Brottewitzer Werk lässt sich Rüben von etwa 500 Landwirten aus Sachsen (bis Löbau, westlich bis Wurzen), aus Brandenburg (bis Forst) und aus Sachsen-Anhalt (bis Jessen) liefern. 6000 Tonnen Rüben werden täglich im Werk zu Zucker beziehungsweise Dicksaft verarbeitet. Fünf Jahre später kommt dann der große Schock.

Schlechte Nachrichten für Zuckerfabrik 2019 – Mitarbeiter geschockt

Frank Matthiesen ist gerade im Urlaub, als er am 1. Februar 2019 von seinem Schwager eine E-Mail mit einem abfotografierten RUNDSCHAU-Artikel bekommt. Die Worte „Zuckerfabrik Brottewitz steht vorm Aus“ treffen den 62-Jährigen, der als Mechatroniker in dem Werk arbeitet, mitten ins Herz. Und dabei denkt er nicht an sich. Der Koßdorfer steht 28 Tage vor seinem Schritt in die Altersteilzeit. Ihm unterstehen 36 Mitarbeiter. Sie und mehr als 60 weitere Kollegen stehen bei einer Schließung vor dem Nichts. Sie – das sind qualifizierte Fachkräfte, die neben der Technik und Technologie der Zuckergewinnung auch Reparatur und Wartung der hochmodernen Anlagen beherrschen. Ganz abgesehen von den etwa 370 Landwirten, die das Werk am Ostufer der Elbe beliefern. Viele der Zuckerwerker sind über 50 Jahre alt.

Frank Matthiesen ist gerade 17 Jahre alt, als er seine Lehre in der süßen Dame beginnt. Das Werk kannte er bereits aus der Schule. Für die Schüler in der Region ist das Werk Bestandteil des Unterrichtsfachs Technische Produktion. „Eigentlich wollte ich nach der Lehre auf Montage gehen, aber wie sagt man so schön? Zucker klebt.“ Frank Matthiesen bleibt in Brottwitz, lernt seine Frau in der Fabrik kennen. Frank Matthiesen bekommt die Chance zum Aufstieg. Am Ende ist er Leiter Sichtung und Versand. „Ich hätte damals als Lehrling nie gedacht, dass ich später mal ein paar Millionen Tonnen Zucker verarbeite“, blickt er wenige Tage, nachdem auch der letzte Strohhalm nicht mehr greifbar ist, zurück.

Das war am 26. Februar, als die komplette Brottewitzer Belegschaft zur Südzucker-Zentrale nach Mannheim aufgebrochen war, um den dort tagenden Vorstand von seiner Entscheidung abzubringen.

Gewerkschafter: Knapp 100.000 Beschäftigte von Zuckermisere betroffen

Der Arbeitnehmervertreter und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Südzucker AG Franz-Josef Möllenberg bringt die Fakten auf die Ohren der hoffnungsvollen Menge: „28.000 Landwirte sind von der anhaltenden Zuckermarkt-Misere betroffen, mehr als 5000 Beschäftigte in der Zuckerwirtschaft, etwa 40.000 bis 45.000 in Nachfolgewerken sowie 50.000 Beschäftigte in der Süßwarenindustrie.“

In Brottewitz bricht eine über Jahrzehnte gewachsene Fabrik-Familie auseinander, wie es Frank Matthiesen formuliert. Egal ob zu DDR-Zeiten oder nach der Wende: Die Zuckerverarbeiter hätten sich bei Havarien immer gegenseitig und ohne großes Nachfragen unterstützt.

Der qualmende Schornstein, der mehr als 140 Jahre lang süß duftend den Start in die Rübenkampagne verkündet hat, wird fehlen. Nicht nur den Mitarbeitern und Zulieferern, auch den Bewohnern von Brottewitz und der umliegenden Orte. Mit dem Aus der Fabrik wird der Niedergang eines Wahrzeichens eingeläutet. Einen Weiterverkauf an einen Konkurrenten schließt Südzucker aus. „Ich bin sehr enttäuscht vom Südzucker-Vorstand. Nicht nur wegen der abrupten Schließung unseres Werks, sondern auch, weil eine Konzentration auf eines der anderen Brottewitzer Standbeine wie die Tiefkühl-Pizza-Produktion keine Chance bekommt und mit stirbt.“