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| 11:46 Uhr

Betriebsversammlung
Runder Tisch in Brottewitz bittet Zucker-Konzern um Aufschub

 Gelbe Westen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und Plakate des Protestes gegen die Werksschließung hängen im Sitzungssaal der Zuckerfabrik in Brottewitz, wo am Montag der Runde Tisch zusammentraf. Einlader war der Betriebsrat. Mit dabei Konzernvertreter der Südzucker AG, der Wirtschaftsstaatssekretär Brandenburgs, die Gewerkschaft NGG, Landes-, Kreis- und Kommunalpolitiker, die IG Brottewitz und die Landwirtschaft.
Gelbe Westen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und Plakate des Protestes gegen die Werksschließung hängen im Sitzungssaal der Zuckerfabrik in Brottewitz, wo am Montag der Runde Tisch zusammentraf. Einlader war der Betriebsrat. Mit dabei Konzernvertreter der Südzucker AG, der Wirtschaftsstaatssekretär Brandenburgs, die Gewerkschaft NGG, Landes-, Kreis- und Kommunalpolitiker, die IG Brottewitz und die Landwirtschaft. FOTO: LR / Manfred Feller
Brottewitz. Krisenstimmung in der Zuckerfabrik, in Brottewitz und der ganzen Region. Akteure vom Runden Tisch wenden sich an Vorstand und Aufsichtsrat der Südzucker AG. Wie sich Brandenburger Landespolitiker um Lösungen für den Erhalt des Werkes bemühen. Von Manfred Feller

Die Einwohner des Dorfes Brottewitz, die Stadt Mühlberg, die Kurstadtregion, der Landkreis Elbe-Elster, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und das Land Brandenburg geben die von der Schließung bedrohte Zuckerfabrik so einfach nicht auf. Der Betriebsrat und die 90 Mitarbeiter erst recht nicht. Davon künden Protestaktionen, Transparente im Ort und die Ankündigung einer Demonstration am Freitag „Fünf vor Zwölf“. Am Montagnachmittag fand der Runde Tisch statt. Zwei Stunden lang wurde diskutiert.

Die spontanen Reaktionen in Brottewitz kommen für den Betriebsratsvorsitzenden Stefan Born keineswegs überraschend: „Viele arbeiten in der Fabrik, manche in zweiter und dritter Generation. Es herrscht eine große Verbundenheit wie in einem Familienbetrieb.“ Einige wenige Mitarbeiter hätten bereits die zurückliegenden Betriebsschließungen in Löbau und Delitzsch hinter sich und pendeln oder wohnen zeitweise in Elbe-Elster. Jetzt könnte es sie erneut treffen.

 Die öffentliche Straße in Brottewitz hin zur Zuckerfabrik wird seit Sonntag von mehreren Transparenten gegen das drohende Aus des Werkes gesäumt. Die Interessengemeinschaft Brottewitz hatte die Wortes des Protestes nach Auskunft von Nancy Weidner vom Vorstand mit Zustimmung der Grundstückseigentümer an deren Zäunen und Toren angebracht.
Die öffentliche Straße in Brottewitz hin zur Zuckerfabrik wird seit Sonntag von mehreren Transparenten gegen das drohende Aus des Werkes gesäumt. Die Interessengemeinschaft Brottewitz hatte die Wortes des Protestes nach Auskunft von Nancy Weidner vom Vorstand mit Zustimmung der Grundstückseigentümer an deren Zäunen und Toren angebracht. FOTO: LR / Manfred Feller

Gewerkschaft appelliert an den Konzern

Bei dem Runden Tisch am Montag unter Ausschluss der Öffentlichkeit habe es „einen sehr deutlichen Appell an die Vertreter der Südzucker AG“ gegeben, ergänzt Ingolf Fechner von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Demnach wurde der anwesende Direktor Philipp Schlüter, Leiter Geschäftsbereich Zucker/Produktion in Mannheim, eindringlich darum gebeten, dass der Aufsichtsrat des Konzerns am 25. Februar nicht die Entscheidung zum Aus des Werkes in Brottewitz treffen möge. Auch die Fabrik in Warburg (NRW) wäre betroffen. „Vielmehr sollen Alternativen zur Fortführung des Betriebes geprüft werden“, so der Gewerkschaftssekretär.

Kritisiert worden sei am Runden Tisch, dass zwischen der Ankündigung des Südzucker-Vorstandes im Januar und der beabsichtigten Entscheidung des Aufsichtsrates Ende Februar zu wenig Zeit für die Suche nach einer anderen Lösung bleibe.

 Mit einer Unterschriftenaktion beteiligen sich die Mitarbeiter der WDG-Tankstelle am Haidchensberg in Bad Liebenwerda gegen das mögliche Schließen des Südzucker-Werkes in Brottewitz. Seit dem Start am Sonnabend seien bereits mehrere Listen mit Unterschriften gefüllt. Etwa jeder dritte Kunde schließe sich dem Protest an, sagt Mitarbeiterin Andrea Masser (31).
Mit einer Unterschriftenaktion beteiligen sich die Mitarbeiter der WDG-Tankstelle am Haidchensberg in Bad Liebenwerda gegen das mögliche Schließen des Südzucker-Werkes in Brottewitz. Seit dem Start am Sonnabend seien bereits mehrere Listen mit Unterschriften gefüllt. Etwa jeder dritte Kunde schließe sich dem Protest an, sagt Mitarbeiterin Andrea Masser (31). FOTO: Veit Rösler

Leere Versprechen gemacht

Nach der Betriebsversammlung am Montagvormittag mit etwa 90 Prozent der Belegschaft wisse man den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der Arbeitnehmerseite, Franz-Josef Möllenberg, hinter sich, berichtet zum Beispiel Tilo Pokryfke. Er ist stellvertretender Behindertenvertreter in der Südzucker AG und im Brottewitzer Werk Schwerbehindertenvertreter. „Erst werden den Rübenbauern Versprechen gemacht und Prämien gezahlt, damit sie Lieferanten bleiben und die Flächen noch ausbauen, und nun das“, versteht nicht nur Tilo Pokryfke den Sinneswandel nicht. Nur so viel: Das angekündigte Aus wird mit dem verlustreichen Preisverfall bei Zucker auf dem Weltmarkt begründet.

Dr. Markus Lorenz, Werkleiter Zeitz/Brottewitz, versichert nach dem Runden Tisch, an dem lange und sachlich diskutiert worden sei, dass die einvernehmliche Bitte um Aufschub an Aufsichtsrat und Vorstand der AG herangetragen werde. Ebenso werde der Brief von Elbe-Elster-Landrat Christian Heinrich-Jaschinski an die jeweiligen Vorsitzenden weitergeleitet.

„Unsere Bedeutung für die Region ist uns bekannt, und wir wissen, was wir an unseren Mitarbeitern haben“, so Dr. Markus Lorenz weiter. Auch er erwähnt und schätzt den Begriff der „großen Familie“ hier im ländlichen Raum. Es sei ein Geben und Nehmen in der Region.

Brandenburg will Brottewitz nicht sterben lassen

Nach dem Willen auch des Landes Brandenburg möge sich daran am besten nichts ändern. „Wir brauchen Zeit, um Alternativen zur Schließung dieses Brandenburger Traditionsbetriebes zu entwickeln. Dafür wird sich das Wirtschaftsministerium beim Bund mit aller Kraft einsetzen. Insbesondere der Bund ist aber aufgefordert, sich in der EU für faire Wettbewerbsbedingungen auf dem Zuckermarkt einzusetzen. Und wir erwarten auch von Südzucker, dass das Unternehmen in diesem Sinne aktiv wird und keine voreiligen Entscheidungen trifft“, sagt Wirtschaftsstaatssekretär Hendrik Fischer.

Landespolitiker gegen Schließung

In diese Kerbe schlägt auch die SPD-Landtagsabgeordnete Barbara Hackenschmidt: „In dieser gebeutelten Region darf so ein Betrieb nicht schließen!“ Außerdem zeige sich während der aktuellen Aktionen und Proteste, wie wichtig Gewerkschaften seien.

Rainer Genilke, Landtagsabgeordneter der CDU, hat nach eigener Aussage umgehend den Wirtschaftsminister über die Hiobsbotschaft informiert. Der Fall Brottewitz sei in Potsdam Thema. „Wir wollen die Werksschließung verhindern“, sagt der Landespolitiker.