| 18:53 Uhr

Blinde erobern Welt der Sehenden

Wie hier in Elsterwerda ist in vielen Orten einiges für die Älteren und Behinderten baulich verbessert worden. Willfried Krüger mit Gattin Monika.
Wie hier in Elsterwerda ist in vielen Orten einiges für die Älteren und Behinderten baulich verbessert worden. Willfried Krüger mit Gattin Monika. FOTO: Feller
Elsterwerda. Im ersten Moment scheint die Welt unterzugehen. Dann folgen Leere und Ratlosigkeit – wenn ein Sehender erfährt, dass er blind wird, ein Hörender nicht mehr wird hören können und einem Sprechenden die Stimme für immer versagt. Manfred Feller

Willfried Krüger aus Elsterwerda hat das Beste aus seiner Situation gemacht. Mit 30 Jahren wusste er, dass er in absehbarer Zeit nicht mehr sehen können wird. Fortan hat er optisch alles aufgesaugt und gespeichert und mit in die Dunkelheit genommen, die ihn bald darauf ereilte. Zerbrochen ist er daran nicht. Im Gegenteil! "Aus mir ist kein Häufchen Unglück geworden", sagt er heute selbstbewusst und lebensbejahend.

Der heute 69-Jährige macht Dinge, natürlich auch mit Unterstützung seiner Ehefrau Monika, die man einem Blinden nie und nimmer zutrauen würde. Handwerkliches zum Beispiel. Das sprechende Bandmaß sagt ihm, wie lang etwas ist. Die piepende Wasserwaage zeigt an, ob alles im Lot ist.

Überhaupt habe die Elektronik den Alltag von Behinderten sehr erleichtert. "Da gibt es riesige Fortschritte", erinnert der Vorsitzende der Bezirksgruppe Bad Liebenwerda des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Brandenburg anlässlich des Tages der Sehbehinderten, der alljährlich im Juni begangen wird. So sorgt beispielsweise ein Farberkennungsgerät dafür, dass sich Willfried Krüger auch ohne die Hilfe seiner Frau farblich korrekt anziehen kann, ohne auszusehen, als wenn er zum Fasching geht. "Das erste Gerät kostete etwa 1000 Euro. Dieses zu bekommen, war ein harter Kampf mit der Kasse", sagt er sich. Heute kostet der Farber- kenner einen Bruchteil dessen. Lange Zeit war das Radio die wichtigste Informationsquelle für Blinde und Sehschwache. Bald ermöglichten Scanner das Vorlesen. Es folgten Hörbücher.

Ein Schwachpunkt war das Fernsehen. Solange viel gesprochen wird und reichlich Geräusche zu hören sind, sind auch Nichtsehende halbwegs gut "im Bilde". "Schlecht sind für uns lange Kameraführungen ohne Dialoge", sagt Willfried Krüger. Hier hilft die Audiodeskription. Ein Sprecher beschreibt, was gerade passiert, wie die handelnden Personen und das Umfeld aussehen. Monika Krüger, ausgebildete Lehrerin für Seh- und Lernbehinderung und selbst sehend, nutzt dieses Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender auch sehr gern: "So verpasse ich nichts, wenn ich nicht auf den Bildschirm schaue und kann nebenbei in der Wohnung arbeiten."

Nicht jeder Fernseher verfügt über die Funktion Audiodeskription. Und wo die passende Beratung finden?

Der Bezirksverband hat jetzt einen ersten Partner gefunden, der die Blinden und Sehschwachen dabei unterstützt. In den Expert-Filialen sei das Personal, also Techniker und die entsprechenden Verkäufer, geschult worden, so auch bei Expert Pötzsch in Elsterwerda, versichert Geschäftsführer Andreas Pötzsch. Der spezielle Service geht soweit, dass den Behinderten das TV-Gerät zu Hause eingestellt und erläutert wird.

Willfried Krüger hat mit der Technik gar keine Probleme. In Sachen Unterhaltungselektronik ist er fit wie kaum ein anderer ohne Sehvermögen. An seinem großen Mischpult kann er vom Plattenspieler über das Aufnahmegerät bis hin zum Laptop alles anschließen. Sein besonderes Hobby sind hörbare Reisereportagen. Die gesammelten mündlichen Notizen, Geräusche und Erläuterungen der Reiseleiter werden zu einem Hörerlebnis zusammengeschnitten. Bislang haben die Krügers mehr als 100 Länder besucht.

Ihre Erfahrung: In Deutschland wird im öffentlichen Raum sehr viel für Behinderte getan. Allerdings sollten die Planer generell Behindertenverbände einbeziehen, so der Wunsch. Übertriebene Forderungen hätten diese allerdings nicht. "Wir verlangen keine Wunder", sagt Willfried Krüger. "Ich muss als Blinder auch nicht alles machen können. Das gilt ebenso für andere Behinderungen." Einen großen Wunsch hat er noch: "Mehr Toleranz gegenüber Behinderten."