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Blind durch den Alltag stolpern

Projektleiterin Sabine Rau (r.) mit Maria Maasberg aus Lauchhammer sowie Mitarbeiterin Birgit Teichmann (M.) mit den syrischen Asylbewerbern Cherin und Hasan Rashid, die in Hohenleipisch wohnen. Beide sind primäre Analphabeten. Sie können nicht einmal in der Muttersprache lesen und schreiben.
Projektleiterin Sabine Rau (r.) mit Maria Maasberg aus Lauchhammer sowie Mitarbeiterin Birgit Teichmann (M.) mit den syrischen Asylbewerbern Cherin und Hasan Rashid, die in Hohenleipisch wohnen. Beide sind primäre Analphabeten. Sie können nicht einmal in der Muttersprache lesen und schreiben. FOTO: Feller
Elbe-Elster. Die Anzahl ist erschreckend hoch: Im Landkreis Elbe-Elster kann etwa jeder zehnte Erwachsene im erwerbsfähigen Alter zwischen 18- und 64-Jahren nicht richtig lesen und schreiben. Der Wert ist heruntergerechnet auf diese Region und basiert auf einer Studie der Universität Hamburg. Manfred Feller

Deutschlandweit gehören zu der Gruppe der funktionalen Analphabeten etwa 7,5 Millionen Menschen im genannten Alter.

Weitere rund 13 Millionen Menschen haben hör- beziehungsweise sichtbare Probleme beim Lesen und Schreiben, aber auch beim Rechnen. 60 Prozent sind Männer, 40 Prozent sind älter als 50 Jahre, 20 Prozent zwischen 18 und 29 Jahren alt und 58 Prozent haben Deutsch als Erstsprache erlernt. Wer nicht richtig lesen und schreiben kann, ist überdurchschnittlich oft arbeitslos. Nur 57 Prozent der funktionalen Analphabeten sind erwerbstätig.

Die gelernte Köchin Maria Maasberg (Name geändert) aus Lauchhammer möchte wieder in das Arbeitsleben einsteigen. Deswegen paukt sie seit Monaten an einem der drei Standorte (Elsterwerda, Finsterwalde, Herzberg) der Lernstube des Grundbildungszentrums in Elsterwerda. Dieses gehört zur Kreisvolkshochschule. Träger ist der Landkreis. Das Land unterstützt angesichts der Dramatik des Problems.

Maria Maasberg war viele Jahre sprichwörtlich gefangen in der ihr bekannten Umgebung. Wer nicht lesen kann, der fühlt sich selbst in der Nachbarstadt unsicher. Heute ist das Kaufen der Bahnfahrkarte am Automaten kein Problem. Maria kann Schilder lesen, auf dem Smartphone mit den Kindern schreiben und den Rechner bedienen, um Lernprogramme aufzurufen. Was einzukaufen ist, hat sie sich bislang merken müssen. "Heute schreibe ich den Einkaufszettel fast fehlerfrei", freut sie sich über die deutlichen Fortschritte. Ihr Traum: "Ich möchte einmal ein Buch lesen." Für Menschen wie sie gibt es einfach geschriebene Lektüre. Mit ihren wachsenden Kenntnissen hat die 41-Jährige nach Angaben des Jobcenters Oberspreewald-Lausitz, das sie zur Schule "delegiert" hat, immer bessere Chancen bei der Arbeitssuche. Maria Maasberg ist von ihrem Lebensgefährten zum Lernen gedrängt worden. Sabine Rau, Projektleiterin im Grundbildungszentrum, macht Betroffenen Mut, sich zu melden. Oder Familienangehörige, Freunde und Kollegen geben den Anstoß. Denn: "Sachen, die man nicht gern macht, weil man sie nicht gut kann, benutzt man nicht häufig. Was man nicht übt, das kann man verlernen. Das gilt auch für das Lesen, Schreiben und Rechnen."

Laut Studie haben 20 Prozent der funktionellen Analphabeten keinen Schulabschluss. Ost und West nehmen sich dabei nichts. Bemerkenswert: Zwölf Prozent besitzen einen höheren Bildungsabschluss. Sabine Rau bemerkt, dass es ohne gewisse Grundkenntnisse immer schwieriger wird, selbst Hilfsarbeiterstellen zu besetzen. In nicht wenigen Branchen, vor Jahren nicht vorstellbar, geht ohne Computer fast nichts mehr. "Wer eine gewisse Qualifikation nicht vorweisen kann, ist für immer größere Teile des Arbeitsmarktes ungeeignet", stellt sie fest. Viele Volkshochschulen bieten schon immer Grundkurse an. Weil die nicht ausreichen, sind fünf Grundbildungszentren im Land geschaffen worden.

Kontakt: Regionales Grundbildungszentrum, Schlossplatz 1 a, Elsterwerda, Tel. 03533 6208570, Dienstag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 16 Uhr