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Blick zurück mit feuchten Augen

Auf dem Foto ist der Vereinsvorsitzende Gert Anders (63) bei der Gestaltung der Festschrift zu sehen.
Auf dem Foto ist der Vereinsvorsitzende Gert Anders (63) bei der Gestaltung der Festschrift zu sehen. FOTO: Veit Rösler/vrs1
Hohenleipisch. Kein anderer Verein hat das Ortsbild von Hohenleipisch so lange und so nachhaltig geprägt, wie der 1962 gegründete Obst- und Gartenbauverein. Veit Rösler / vrs1

Am Wochenende feiern die Vereinsmitglieder im Rahmen des 16. Lobenburgfestes und des 13. Heidetages das 55. Jubiläum der Vereinsgründung auf dem Festgelände zwischen Hohenleipisch und Dreska.

Viele Hohenleipischer denken heute zum Teil mit feuchten Augen an die Vergangenheit zurück, als die blühenden Gärten und Felder mit ihren unter schweren Früchten ächzenden Obstbäumen noch von Hunderten emsigen Menschen bevölkert waren.

Der Obstanbau begann in Hohenleipisch nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, als ein gewisser Ley die ersten Kirschbäume anpflanzte. Die ersten Erdbeerpflanzen brachte Herrmann Markwardt nach Hohenleipisch. Kirschen und Erdbeeren gediehen auf den durchlässigen und leichten Böden besonders gut. Über die staatlichen Sammelstellen, aber auch durch viele ambulante Händler wurde das wegen seiner Qualität geschätzte Obst über das gesamte Land verteilt. Für viele ältere Hohenleipischer bedeutet der Obstanbau Kindheit, Jugend, Urlaub und neben dem Berufsalltag den größten Teil der Freizeit. Tagtäglich ging es in der Saison mit selber gebauten Traktoren, Fräsen und Mopeds in der Frühe auf die Plantagen, um sich am späten Nachmittag im Staub der Sammelstellen stundenlang in die Schlangen zur Ablieferung des Obstes einzureihen. Zwischen den Erdbeerzeilen machten Kleinkinder im unmittelbaren Kontakt mit der Natur ihre ersten Erfahrungen mit umherkrabbelndem Getier.

Obst hält gesund und jung - heute sind die Vereinsmitglieder der beste Beweis für die Qualität ihrer Produkte. Der größte Teil der 73 Mitglieder ist bereits fern der 70 und dennoch rege im Leben aktiv. Die Schädlingsbekämpfung, Zusatzdünger und ertragreiche winterfeste Sorten waren stets die Themen, über die man sich auf den Straßen in und um Hohenleipisch unterhielt. Bereits im Jahre 1923 wurde von Schmidts Oskar ein Obstbaumverein gegründet. Er organisierte Dünger, Rückenspritzen und preiswertes Pflanzgut im Direktbezug vom Großhandel.

Schwer getroffen wurde der Obstanbau vom Zweiten Weltkrieg. Viele Männer mussten zum Kriegseinsatz, die Erzeuger wurden mit hohen Sollauflagen belegt, was für die Frauen, Kinder und alten Leute auf den Plantagen Schwerstarbeit bedeutete. Wichtige Hilfe leisteten Arbeitsmaiden und ausländische Kriegsgefangene. "Aber wir wären nicht Hohenleipischer, wenn wir und vor allem unsere Eltern nicht bald den Obstanbau wieder angekurbelt hätten", beschrieb einst der langjährige Vorsitzende Rudolf Schmidt bei einem Jubiläum vor Jahren den Beginn des neuen Lebens nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches.

Rudolf Schmidt führte die Obstanbauer und Kleingärtner von 1971 bis 2002. Nach zwischenzeitlich Gunter Feldner und Ernst Wagner wird der Verein seit 2016 vom Schwiegersohn von Rudolf Schmidt, Gert Anders (63), gelenkt. Der unmittelbar und noch ohne Hürden erreichbare Hohenleipischer Bahnhof sorgte in den Nachkriegsjahren für bescheidenen Wohlstand der Hohenleipischer, denn der "Schwarze Markt" in Westberlin wurde für viele Obstanbauer vorübergehend eines der wirtschaftlichen Standbeine. Absatzsorgen gab es keine, vieles wurde bereits unmittelbar am Feldrand abgesetzt. Neben den wenigen Pferdegespannen und Bodenfräsen geschah der größte Teil der Feldarbeit per Hand. Die bessere Versorgung mit Gerätschaften, Maschinen, Dünger, Spritzmitteln und Saatgut war schließlich nur in geordneten Bahnen möglich.

Nachdem unter der Anregung des BHG-Vorsitzenden Horst Mewes durch Bürgermeister und Kreisvorstand entsprechende Beschlüsse gefasst worden waren, mobilisierte man innerhalb von zehn Tagen unter dem Motto "Einigkeit macht stark und sichert unsere Rechte" 140 Interessierte. Sie gründeten am 9. Februar 1962 die "Sparte Obst- und Gartenbau". Einem schlagkräftigen Vorstand unter der Leitung von Richard Kümmel und Rudolf Schmidt gelang es, ein effektiv arbeitendes System aufzubauen, das mit seinen 280 Mitgliedern in Spitzenzeiten pro Jahr 3000 Tonnen Kirschen und Erdbeeren allein auf den Sammelstellen ablieferte.