Kreiskirchentag in Bad Liebenwerda. Bunt flattern Stoffbänder auf dem Platz zwischen Rathaus und Kirche, stehen kleine Buden anein andergereiht und suchen Menschen das Gespräch über die offerierten Angebote. Etwa vom Herzberger Friedenskreis, den am Sonntagvormittag Bernhard Willner und Reinhard Straach vertreten. Oder beim Mühlberger Greenteam, das auf die Belastungen der Umwelt aufmerksam macht. Auch Pfarrer Karl-Heinz Zahn nimmt sich Zeit und hat Tafeln vom Saxdorfer Pfarrgarten mitgebracht.

In der Kirche zappeln die bunten Wimpel zwar nicht so schön im Sommerwind wie vor der Tür, aber schnell erkennt der Betrachter, dass sich jede Gemeinde des Kirchenkreises, der immerhin die Altkreise Bad Liebenwerda und Herzberg sowie Lauchhammer und Schwarzheide umfasst, mit Fotos und kurzen Texten darauf vorstellt. Dann schon die erste Überraschung, selbst für Wahrenbrücks Pfarrer Michael Seifert: "Dass die Kirche schon vor zehn Uhr so gut besucht war, hätte ich nicht erwartet", konstatiert er am Tag nach der Veranstaltung und berichtet: "Die gute Resonanz haben wir den ganzen Tag über gespürt."

Ein bisschen so was wie Heimatluft hat auch Reinhard Höppner, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident zwischen 1994 und 2002, in Bad Liebenwerda aufgesogen. Sein Vater war einst Pfarrer in Prösen, er selbst Schüler am Elsterwerdaer Elsterschloss. Gemeinsam mit seiner Frau Renate, die in Magdeburg in einer Pfarrei beschäftigt ist, setzt er sich mit dem Thema des Kirchentages auseinander: Rückenwind. Das Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages kommt schnell aufs aktuelle Zeitgeschehen, als er meint, dass man heute öfter "das Gefühl hat, dass einem ein eisiger Wind ins Gesicht weht". Und er konstatiert, "wer sich nur vom Wind treiben lässt, hat zwar keine Schwierigkeiten im Leben, aber geht eben auch nur irgendwo hin". Höppner beginnt seine Bibelarbeit mit der Entstehungsgeschichte, mit Adam und Eva, zeigt menschliche Schwächen auf und fordert Regeln: "Jedes Zusammenleben braucht eine Ordnung, eine Hausordnung." Genau wie der Mensch für Höppner ein gesellschaftliches Wesen ist, hat die christliche Botschaft für ihn auch immer eine Bedeutung für die Politik. Mehr haben zu wollen, als man braucht, das ist für ihn der "kapitalistische Sündenfall", der Ungerechtigkeiten in der Welt erzeuge. Er kommt schnell von Einzelnen, "die nach persönlichem Besitz streben, weil sie sich sonst schämen" zum gesellschaftlichen Wachstum auf Pump, das schließlich die Finanzkrise erzeugt habe. Die Mentalität, "immer mehr haben zu wollen, als wir uns leisten können und als man braucht" rufe immer wieder neue Konflikte hervor. Und ist Konkurrenz in der Arbeitswelt wirklich der einzige Motor für Fortschritt, hinterfragt er und stellt dem vernünftige Zusammenarbeit entgegen. Der Druck auf die Menschen wachse immer mehr, Mobbing und das Pendeln zur Arbeit zerreiße Familien. "Arbeiten, um mehr zu haben, aber keinesfalls um glücklicher zu sein? (…) Arbeit, Arbeit, aber lebt man?"

Er spricht vom Politiker und meint selbstkritisch, dass sie ganz "oft nicht wissen, was richtig ist und was falsch" und setzt noch mehr als bisher auf eine "gemeinsame Meinungsbildung", denn "wir sind selbst verantwortlich für das, was wir tun." Und Höppner fordert zum Rücken- auch den Gegenwind, "weil der uns manchmal sagen will, es macht keinen Sinn, wir müssen vom falschen Weg umdrehen."