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| 15:59 Uhr

Schützenswert, aber derzeit nicht ganz ungefährlich
Betreten verboten am Bertzit-Turm

 Ausgerechnet Graffiti rückt den Bertzit-Turm in Kahla jetzt wieder in den Fokus.
Ausgerechnet Graffiti rückt den Bertzit-Turm in Kahla jetzt wieder in den Fokus. FOTO: Veit Rösler
Kahla. Zeitzeugnis der Industriegeschichte bei Kahla wartet auf eine sinnvolle Verwendung und wird vorerst eingezäunt. Von Veit Rösler

Nahezu jeder Einwohner der unmittelbaren Region kennt den Bertzit-Turm in Kahla als unverwechselbare Landmarke, an deren Fuß in etwa die gemütliche Gastwirtschaft Waldeslust zu finden ist. Dem Zeitgeist zur Bauzeit in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entsprechend soll das dreistufige Bauwerk bewusst dem Leuchtturm von Alexandria nachempfunden worden sein. Seit 88 Jahren liegt das verwunschene Gebäude, in dem eine tragische Geschichte steckt, in einem Dornröschenschlaf. Ein rotes Graffiti hinter einer desolaten geländerlosen Treppenanlage hat jetzt den alten Bertzit-Turm in den Fokus gerückt.

Mitarbeiter der Firma Packroff aus Elsterwerda haben im Auftrag des Eigentümers des Turmes, der Firma Wolff und Müller Baustoffe aus Haida, das Gebäude mit einem Sicherheitszaun umgeben – eine Objektsicherungsmaßnahme als Auflage der Bauaufsichtsbehörde. Der Turm wird immer wieder von Touristen, insbesondere von Radfahrern vom nahen Radweg aus besucht. In aller Regel bleibt es bei Fotoaktionen und Selfies, gilt doch der Turm als eine der ältesten, noch erhaltenen Investruinen Deutschlands.

Noch vor der endgültigen Fertigstellung des technischen Turmes waren die Gründe für den Bau überholt, weil die aus dem Kohlebergbau vor Ort zu erwartenden Abbaukapazitäten sich unter den Erwartungen entfalteten und der Grubenbereich zukünftig nur noch zum Abbau von Sand genutzt wurde. Der bereits begonnene Abriss wurde 1930 eingestellt und nie wieder aufgenommen, nachdem der Arbeiter Otto Krampe aus Hohenleipisch durch ein herabfallendes Bauteil tödlich verunglückte.

Leider werden dort in jüngster Zeit von aufmerksamen Nachbarn immer wieder spielende Kinder und eben auch die Graffiti-Künstler be­obachtet. Im vergangenen Jahr sollen am Himmelfahrtstag sogar Betrunkene den Turm bestiegen haben.

Da das nicht fertig gestellte Treppenwerk über große Strecken über kein Geländer verfügt und gefährliche Scherwinde um den Turm pfeifen, besteht für nicht gesicherte Personen permanente Lebensgefahr. Im Innern lauern ungesicherte Löcher in den Fußböden, unter denen es bis zu 30 Meter in die Tiefe geht. Deshalb musste der Eigentümer des Gebäudes nun seiner Verkehrssicherungspflicht nachkommen.

Der Denkmalschutz hat das Bauwerk nach der Wende nach einem Gutachten als schützenswert eingestuft und die historische Einrichtung unter Denkmalschutz gestellt. Ist es doch ein wichtiges Zeitzeugnis der Kohleveredlung mit überregionaler Bedeutung, auch wenn es niemals in Betrieb gegangen ist. Da die ursprüngliche Nutzung ausgeschlossen ist, werden solche Gebäude nach Möglichkeit unter Beibehaltung großer Teile der ursprünglichen Bausubstanz einer neuen, sinnvollen Verwendung zugeführt. Neben der Nutzung als Denkmal steht für den Bertzit-Turm zum Beispiel die Option eines Aussichtspunktes an. Wie es konkret mit dem Bauwerk weiter gehen soll, ist unklar. Kahlas Ortsvorsteher Steffen Klotzsch (57) würde das Gebäude nahe des Radweges und der Gastwirtschaft gern saniert und als Aussichtspunkt ausgebaut sehen. Doch in Zeiten knapper Kassen und umständlicher Förderrichtlinien wäre dies eine Herkulesaufgabe, zudem gehört das Gebäude ja nicht der Gemeinde. Das Stahlbetonbauwerk hat schon einige Stürme, Kältewellen und Hitzeperioden und vor allem den Zweiten Weltkrieg überstanden. Im Jahr 2007 wurde schon einmal eine Initiative gestartet, den Turm als Denkmal zu erhalten und möglicherweise eines Tages als Ausflugsziel mit Aussichtspunkt auszubauen.

Auch wenn das markante Gebäude am Rande nur ein Schattendasein fristet, möchten ihn die Kahlaer nicht missen, gibt er doch der Region einen unverwechselbaren Charakter und ein Stück Heimatgefühl.