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| 18:02 Uhr

Bedrohung an der Firmentür
Erhängte Strohpuppe an Schradener Agrar-Verwaltung

Diese Puppe im ausgestopften Hygiene-Anzug ist am Donnerstagfrüh am Eingang des Verwaltungsgebäudes der ehemaligen Agrargenossenschaft Schraden aufgefunden worden.
Diese Puppe im ausgestopften Hygiene-Anzug ist am Donnerstagfrüh am Eingang des Verwaltungsgebäudes der ehemaligen Agrargenossenschaft Schraden aufgefunden worden. FOTO: Agrar GmbH Plessa / LR
Schraden/Plessa. Aufgehängte Strohpuppe am Agrar-Verwaltungsgebäude in Schraden: Frust nach Entlassung? Von Frank Claus

Es ist ein bedrohliches Bild, das Bild einer Hinrichtung. Am Eingang zum Verwaltungsgebäude der ehemaligen Agrargenossenschaft Schraden (Elbe-Elster) hängt am Donnerstagmorgen eine lebensgroße Puppe. Um ihren Hals ist  ein blauer Plastikbindfaden geschlungen. Das andere Ende ist an der Kugellampe über der Tür befestigt. Zur Darstellung der Figur ist ein Hygieneanzug benutzt worden, wie ihn Mitarbeiter in der Lebensmittelindustrie tragen. Ausgestopft ist dieser mit Stroh. Doch damit nicht genug. An der Puppe ist ein Schild befestigt auf dem steht: „Auch du wirst deine Strafe kriegen!“ Ein daneben gemaltes weibliches Gesicht und ein großer Pfeil, der ins Innere des Gebäudes zeigt, lassen nur einen Schluss zu: Gemeint ist eine Frau, die in diesem Verwaltungsgebäude arbeitet. Es ist eine eindeutige Bedrohung, eine Gewaltandrohung.

Sogar eine, die auf einen ganz persönlichen Bezug schließen lässt, denn in dem Gebäude arbeitet nur noch eine Frau.

Die mit großer Wahrscheinlichkeit gemeinte Frau  ist völlig geschockt, als sie am Donnerstagmorgen auf Arbeit kommt. Sie informiert Geschäftsführerin Kerstin Hennig, die sich sofort ins Auto setzt, nach Schraden fährt und nach Begutachtung vor Ort die Polizei verständigt. Die sichtlich verunsicherte Mitarbeiterin wird nach Hause geschickt. Auch Stunden später ist Geschäftsführerin Kerstin Hennig noch aufgewühlt: „Das ist menschenverachtend“, sagt sie und Prokuristin Simone Alkier ergänzt: „Das geht ganz, ganz weit unter die Gürtellinie.“ Vermutungen, wer für die Bedrohung verantwortlich zeichnen könnte, wollen beide öffentlich nicht äußern.

Fakt ist, das Unternehmen befindet sich seit dem vergangenen Jahr in einer Umbruchphase. Im August 2017 sind die Agrargenossenschaft Schraden und die Agrargenossenschaft „Elstertal“ Plessa zur Agrar GmbH „Elstertal“ Plessa fusioniert; Kerstin Hennig, vormals Chefin der Plessaer Genossenschaft, wurde zur Geschäftsführerin bestimmt.

Die Fleischerei in Schraden und vier Verkaufsstellen in Elsterwerda, Plessa, Schraden und Lauchhammer waren eine einhundertprozentige Tochter der Schraden-Genossenschaft und sind ebenfalls in die GmbH überführt worden. In der Fleischerei in Schraden wurden Rinderhälften aus dem eigenen Bestand und Schweinehälften aus einem Hirschfelder Agrarbetrieb zu Fleisch und Wurstwaren verarbeitet. Geschlachtet wurde wegen der hohen EU-Standards in einem Schlachtbetrieb außerhalb.

Wirtschaftlich gestaltete sich die Situation immer schwieriger, wurde nach Firmenangaben sogar zum Verlustgeschäft. Deshalb habe sich die Gesellschafterversammlung zu einer Schließung zum 31. März entschlossen. Im Februar ist den 15 Mitarbeitern in der Fleischerei und in den Geschäften gekündigt worden. In dieser Woche wurden in Schraden zum letzten Mal kleinere Mengen produziert.

„Wir haben versucht, einen Käufer für die Fleischerei und die Geschäfte zu finden. Das ist uns nicht gelungen“, so die Geschäftsführerin. Zuletzt sei es immer schwieriger geworden, die Läden aufrechtzuerhalten. In Elsterwerda musste das Geschäft schon Mitte des Monats geschlossen werden, weil keine Verkäuferinnen mehr zur Verfügung standen.

Die Frau, die in der ehemaligen Verwaltung der damaligen Agrargenossenschaft in Schraden verblieben ist und der jetzt vermutlich diese Bedrohung gilt, hat an der einen oder anderen Stelle geholfen, den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten.

Sicher scheint, die Puppe muss irgendwann am Morgen aufgehängt worden sein. Eine Zustellerin habe erzählt, ihr sei sie beim Austragen der Zeitung noch nichts aufgefallen. Kerstin Hennig hat sich am Morgen dann gleich noch einmal geärgert – über die Polizei, die ihrer Schilderung nach zu unentschlossen reagiert habe und bis auf das Anfertigen von Fotos am Fundort nichts unternommen hätte. Dabei, so ist sich Kerstin Hennig sicher, seien allein an der Pappe Spuren sichtbar, die vielleicht sogar auf deren Herkunftsort schließen lassen würden. Die Polizei habe trotzdem Puppe und Schild am Fundort belassen.

Polizeisprecherin Ines Filohn erklärte auf Nachfrage, sich umgehend mit der betreffenden Dienststelle in Verbindung setzen zu wollen. Am späteren Nachmittag informierte der Dienstgruppenleiter in der Finsterwalder Polizeiinspektion die RUNDSCHAU, dass die zuständige Revierpolizistin beauftragt sei, im Umfeld zu ermitteln. Gleichzeitig habe er nochmals eine Streifenwagenbesatzung nach Schraden geschickt. Die Geschäftsführerin der Agrar GmbH bestätigte dann, dass die Polizei sowohl die Puppe als auch das Schild für weitere Ermittlungen sichergestellt habe. „Jeder kann seine Meinung sagen und auch protestieren. Aber diese gewählte Form geht entschieden zu weit“, stellt sich Kerstin Hennig vor die mutmaßlich diskreditierte Mitarbeiterin. Da müsse auch der Rechtsstaat klare Kante zeigen.