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Bauer, Imker, Sägewerksbesitzer – Stillsitzen ist nicht

Werner Graf, ehemaliger Chef der Agrar GmbH Hirschfeld, ist noch immer Imker. Foto: Frank Claus
Werner Graf, ehemaliger Chef der Agrar GmbH Hirschfeld, ist noch immer Imker. Foto: Frank Claus FOTO: Frank Claus
Hirschfeld. Die Kartoffel lässt ihn nicht mehr los, der Honig sowieso nicht, und jetzt hat es ihm auch noch das Holz angetan. Werner Graf, der einstige Geschäftsführer der Hirschfelder Agrar GmbH, inzwischen 71 Jahre alt (oder jung?), streift noch immer am liebsten seinen blauen Kittel oder den graublauen Arbeitsanzug drüber. Von Frank Claus

Er hat alle Etappen der landwirtschaftlichen Entwicklung nach dem Krieg erlebt. Da war die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft Typ I, wo das Feld schon gemeinsam bewirtschaftet wurde, aber das Vieh noch in heimischen Ställen stand. Der Hirschfelder, er wohnt noch heute in seinem Geburtshaus in der Gartenstraße, hat die Fachschule für Landwirtschaft in Bautzen besucht und konnte sich mit 19 Jahren 1962 stolz Agronom nennen. Er kam schnell in leitende Funktionen, obwohl er als späteres Mitglied der Bauernpartei nicht das richtige Parteibuch in der Tasche hatte. Aber, er hatte was drauf, verstand und versteht heute noch was vom Metier. Neben seiner Arbeit in Hirschfeld absolvierte er an der Humboldt-Uni in Berlin sein fünfjähriges Fernstudium zum Diplom-Agraringenieur.

Typ II, da brachten alle Bauern ihre Maschinen in einen gemeinsamen Verbund ein, haben die Hirschfelder seinerzeit übersprungen. Sie bildeten - auch auf Druck der SED - gleich Typ III, die Flächen, Vieh und Maschinen vereinte.

Später folgten zunächst der Zusammenschluss der LPG Tier- und Pflanzenproduktion, die später wieder getrennt wurden und dann auch noch der Kooperationsverband, der Großthiemig, Hirschfeld, Gröden, Merzdorf und Plessa vereinte. Das Schradenland war längst zum "Großbetrieb" der Landwirtschaft geworden. Die 4000er-Milchviehanlage und später die 1000er-Sauenanlage waren Vorzeigeobjekte der "sozialistischen Landwirtschaft".

Hirschfeld war mit fast 1000 Hektar Anbaufläche einer der Kartoffel-Großproduzenten und baute ein Kartoffellagerhaus. Die Erdknolle hat Graf bis heute nicht losgelassen. Hinzu kam das große Meliorationsprogramm, das kleine Gräben radikal beseitigte, um Flächen für die Großproduktion zu gewinnen. Wie sich später zeigte, nur einer der Fehler in der über die Maßen intensiv betriebenen Landwirtschaft der DDR. Etwa 400 Leute waren damals in der Tier- und Pflanzenproduktion beschäftigt. Werner Graf arbeitete als Bereichsleiter in Hirschfeld.

Die Wende? Werner Graf wird nachdenklich und sagt als Erstes: "Wir haben unheimlich viel Lehrgeld bezahlt." Er erinnert sich an die teils ruinösen Preise, die erzielt wurden. Zugleich waren Großinvestitionen in moderne Technik und Anlagen nötig. Die LPG wurden umgewandelt, Flächennachweise mussten erbracht werden, um Ausgleichszahlungen zu erhalten. "Hochgelobte Berater", wie Graf sagt, haben Spuren hinterlassen, die man lieber nie gezogen hätte. "Wegen eines Formfehlers war bei der Umwandlung der LPG sogar eine Löschung der Löschung nötig gewesen. Wir waren plötzlich wieder eine LPG in Liquidation."

Hirschfeld wurde erst zur Agrargenossenschaft, später zur Agrar GmbH. Noch heute ist Graf den Mitarbeitern für ihren Einsatz dankbar. "Wir haben nur überlebt, weil wir alle im Prinzip zu DDR-Löhnen weitergearbeitet haben." Im Nachbarort war der neu gebildete Betrieb an den Baum gefahren, weil "der Chef sich zuerst selbst sanierte und sich ein hohes Gehalt gab", wie Graf konstatiert.

Er mischte sich politisch ein, saß im Bad Liebenwerdaer Kreistag, war eines der Zugpferde im Bauernverband. Immer hat er versucht, an Stellschrauben zu drehen. Um möglichst viele Leute nach der Wende in Lohn und Brot zu halten, hat er wie kaum ein anderer im Verbund mit den Agrarbetrieben im Schradenland auf Direktvermarktung gesetzt. 20 Leute arbeiten noch heute in den Fleischereifilialen der Schradenlandunternehmen in Elsterwerda, Plessa, Lauchhammer, Schraden, Großthiemig, Hirschfeld, Gröden, Hohenleipisch und Gröditz, zehn weitere in der Schlachtung. Die Geflügelproduktion wurde aufgebaut, die Straußenschlachtung übernommen.

Und als kaum einer noch Kartoffeln anbaute, hielten die Hirschfelder an den Knollen fest und halfen, die Verarbeitungsstrecke vor Ort aufzubauen. Auf 100 Hektar werden noch heute Kartoffeln angebaut. Graf wacht darüber wie ein Luchs. Es gab auch Rückschläge: Helmer, der Gemüseverarbeiter, ging pleite. Der Kartoffelspezialist Grünlichtenberg folgte und kämpft mit Pommes und Co. um Anteile am Markt.

Der Bauer Graf hat alles erlebt nach der Wende: Preisverfall, Dürre, Flächen unter Wasser, BSE, Schweinegrippe, Geflügelpest. Graf, der mit 65 ausschied, war bis vor zwei Jahren noch fast jeden Tag im Unternehmen. Und er kann es bis heute nicht lassen. "Das ist einem eben alles ans Herz gewachsen, und wenn ich helfen kann…", sinniert er und packt an. "Wir haben keine Zeit zu sterben", sagt er über Leute seiner Generation, die ähnlichen Schlags sind wie er.

Es liegt scheinbar im Naturell des Hirschfelders: Wenn er sich richtig festgebissen hat, kann er nicht loslassen. So wie bei der Imkerei, der er seit Jugendjahren frönt. 20 Völker betreut er jetzt noch.

Weil die aber nur im Sommer fliegen, hat er sich für den Winter ein neues "Hobby" gesucht. Gemeinsam mit drei weiteren Bauern hat er das alte Sägewerk in Gröden gekauft und es wieder flott gemacht. "Auf dem Lande braucht man immer mal eine Bohle oder ein Brett, die Auftragslage ist gut", sagt er und schmunzelt.

Um am Ende des Gespräches doch noch einmal nachdenklich zu werden: "Ich bin allen Regierungen, egal welchen Systems, dankbar, dass meine Generation keinen Krieg mehr erleben musste. Ich habe die Worte meines Vaters, als er geschunden aus dem Krieg kam, nie vergessen - lieber jeden Tag trock'nes Brot, aber nie wieder Krieg."

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Zur Person Das freut Werner Graf: Die Hirschfelder Agrar GmbH hat sich gut entwickelt, der Betrieb ist in guten Händen.Das stimmt ihn manchmal traurig: "Dass sich unsere Essgewohnheiten so ändern. Nudeln und Pizza stehen heute scheinbar vor Kartoffeln."Seine Familie: Werner Graf ist 71 Jahre alt und zum zweiten Mal verheiratet. Er hat fünf Kinder und drei Enkel. Und er meint stolz: "Meine Frau Rita ist begeisterte Ornithologin."