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| 17:45 Uhr

Bad Liebenwerda
Bad Liebenwerda wird zur Weinstadt

Auf dem neuen, einen Hektar großen Weinberg in Theisa kommt Technik zum Einsatz. Im Vordergrund ist einer der noch zierlichen Stöcke zu sehen.
Auf dem neuen, einen Hektar großen Weinberg in Theisa kommt Technik zum Einsatz. Im Vordergrund ist einer der noch zierlichen Stöcke zu sehen. FOTO: LR / Frank Claus
Bad Liebenwerda. Jetzt gibt es schon drei Winzerfamilien in der Kurstadt: die Leonhardts in Bad Liebenwerda, Schurigs in Lausitz und nun ganz neu die Riegers in Theisa. Von Frank Claus

Na, wenn das nichts ist! Bad Liebenwerda mausert sich immer mehr zur Weinstadt. Sind die Einheimischen wegen ihres Bad- und Kurstadttitels schon stolz und geben ihrer Stadt mit Schalk im Nacken auch gern mal den Namen Residenzstadt, wird die Stadt mit den drei Herzen im Wappen nun auch noch ein Ort, in dem sich Einheimische und Gäste einen guten Wein munden lassen können. Ein Weinfest, einst auf Initiative der RUNDSCHAU begründet, gibt es jedenfalls schon.

Die Winzer Rico Leonhardt und Gunter Schurig kennt jeder. Seit diesem Monat kommen nun Alida (36) und Rouven Rieger (41) dazu. Sie haben für Theisa das Rebrecht erworben und auf einem Hektar Wein von Spezialisten für historischen Weinanbau aus Polen anpflanzen lassen. „Exakt 4226 Stöcke haben wir dort, wo es Überlieferungen zufolge schon einmal Weinhänge gab, in den Boden bringen lassen.“ Die Weißweinsorten Elbling und Solaris sowie roter Pinotin, Tauberschwarz und Blauer Arbst sollen dort gedeihen.

Der Industriedesigner und die Hotelfachfrau wohnen in Wolfsburg, Ehemann Rouven hat aber familiäre Bindungen nach Theisa. Gegenüber der RUNDSCHAU erzählte er vor zwei Jahren zum ersten Mal von seinem Vorhaben: „Ich möchte die Familientradition in Theisa wieder beleben. Das ist mir wichtig. Auch wegen meiner eigenen drei Rangen, die auch zwischen Winzerhaus und Weinlaub heranwachsen und nebenbei die Region der Vorfahren kennenlernen sollen“, sagt der Familienvater. Und er scheint alles richtig zu machen: Die Großstadtkinder Jette (7), Korbinian (5) und Tristan (2) fühlen sich pudelwohl – toben am Hang, entdecken Schnecken und Käfer und tollen mit dem Familienhund. Belege für einen Weinberg an dieser Stelle bei Theisa sind übrigens Karten, die auch im Kreismuseum lagern. Auf das Jahr 1848 sind sie datiert. Aus anderen Quellen ist zu erfahren, dass Theisa bereits seit 1499 eine Verbindung zum Weinbau hat. Richard Rieger, der Großvater von Rouven Rieger, erwarb die Hanglage mit dem alten Winzerhaus vom letzten Gutsherren. Das Haus soll das letzte Stampflehmgebäude mit Fachwerkgiebel sein, hat Rouven Rieger recherchiert. Der Familienvater hat daraus einen Zweitwohnsitz gemacht und viel Ursprüngliches beibehalten. Selbst den alten Kohleherd in der Küche hat er denkmalgerecht saniert. Alida Rieger war sich nicht zu schade, eigenhändig den Lehmputz aufzubringen. Finger schmutzig machen, kein Problem für die junge Frau, die sich freut, wenn ihre Kinder die Natur entdecken und genießen. Deshalb sind sie so oft wie möglich in Theisa. Den Hof ziert ein alter Nussbaum. Er wurde zur Geburt von Vater Wolf Rieger gepflanzt. Der Schattenspender wurde genutzt, um darunter die Bündel Weinreben, die per Post nach Theisa kamen, in großen Trögen vorm Pflanzen noch mal gut zu wässern. Das Winzerhaus gleich nebenan ist längst neuer Dreh- und Angelpunkt für die große Familie geworden. Oberhalb des Hauses im Wald, wo nun die Flächen gerodet sind, lassen sich alte Weinbaustrukturen erkennen – drei Terrassenebenen sind sichtbar. Idyllisch mutet das windgeschützte Fleckchen zwischen Wohnbebauung und Wald an.

Alida und Rouven Rieger aus Wolfsburg wollen Familientraditionen bewahren, legen auf elterlichem Grundstück einen Weinberg an und sind hier mit ihren Kindern Korbinian (5), Tristan (2) und Jette (7, v.l.) und den Weinstöcken zu sehen.
Alida und Rouven Rieger aus Wolfsburg wollen Familientraditionen bewahren, legen auf elterlichem Grundstück einen Weinberg an und sind hier mit ihren Kindern Korbinian (5), Tristan (2) und Jette (7, v.l.) und den Weinstöcken zu sehen. FOTO: LR / Frank Claus

„Ich muss etwa 17 Jahre alt gewesen sein“, erzählt Rouven Rieger, „da habe ich mir das erste Mal ernsthaft Gedanken um meine familiären Wurzeln gemacht. Theisa ist ein schönes Fleckchen Erde“, schwärmt er und verhehlt nicht, dass Baumschulgärtner Roland Graeff aus Zeischa eine treibende Kraft in Sachen Wein war. Der Kontakt kam zustande, als die Familie in die Baumschule fuhr, um heimische Heckenpflanzen zu erwerben. Über das europäische Leader-Programm konnte die junge Familie jetzt Fördermittel zur Umsetzung des wertintensiven Vorhabens in Anspruch nehmen.

Dass die Profis aus Polen die Weinstöcke in die Erde gebracht haben und später auch fachgerecht das Spalier ziehen – „in vielen alten polnischen Gutslagen boomt der Weinanbau“, so Rouven Rieger – soll das Risiko minimieren. Dabei würden aber auch die anderen Bad Liebenwerdaer Winzer schon helfen. Am Anfang ist nun das Wässern ganz besonders wichtig. Und damit beginnt in diesen Hitzetagen schon das erste große Problem.

In Theisa wachsen jetzt die Weinsorten Elbling, Solaris (beide weiß) sowie Pinotin, Tauberschwarz und Blauer Arbst (alle rot). Die Weinbauernfamilie Rieger dankt vor allem auch der Landwirtefamilie Lehmann aus dem Ort. Sie hat geholfen, die Flächen vorzubereiten.
In Theisa wachsen jetzt die Weinsorten Elbling, Solaris (beide weiß) sowie Pinotin, Tauberschwarz und Blauer Arbst (alle rot). Die Weinbauernfamilie Rieger dankt vor allem auch der Landwirtefamilie Lehmann aus dem Ort. Sie hat geholfen, die Flächen vorzubereiten. FOTO: LR / Frank Claus