Von Frank Claus

Prächtige Wolkenkissen und strahlender Sonnenschein malen ein zauberhaftes Bild an den Sonntagshimmel in der Kurstadt. Klare, unverbrauchte Luft fordert auf, tief einzuatmen. Vogelgezwitscher. Im Wäldchenbrunnen plätschert das Wasser. Dazu das junge Hellgrün des Blätterwaldes, Blüten überall, wohin man schaut. Was stört’s da, dass die Temperaturen gerade mal so über die Zehn-Grad-Marke klettern? Die frische Luft treibt den Wanderern schnell rote Wangen und kalte Nasen ins Gesicht.

Der Kneipp-Verein hat zur Kräuterwanderung geladen. Der Wanderverein des TSV Lubwart Bad Liebenwerda bittet aus Anlass seines zehnten Geburtstages gemeinsam mit dem Heimatverein Weinberge zu einem Rundgang durch den Bad Liebenwerdaer Stadtteil. Unterstützt werden beide von den FC-Fußballern. 15 Kräuter- und knapp 70 Wanderfans lassen sich die Termine nicht entgehen.

Gudrun Kuhl von Gudrun’s Wiesenapotheke aus Herzberg ist bestens vorbereitet. Sie hat kleine Kräuterfibeln mitgebracht. Auf einer Bank im Kurpark hat der Bad Liebenwerdaer Kneipp-Verein nur eine kleine Kräuterauswahl zurechtgelegt, gepflückt im Kräutergarten. Wenig später folgt  der Beweis: Fast alle wachsen in freier Natur, sind Wildkräuter. Jedes Wandermitglied erhält ein Heftchen. Mit Klebestreifen werden Blätter und Blüten auf je eine Seite geklebt und jede Frau – noch sind es nur Frauen – kann sich selbst eintragen, was sie am meisten von dem Gesagten interessiert. Dann geht es aus dem Park in die „Wiesenapotheke“. Gudrun Kuhl klappert mit drei Schlüsseln. Dabei sind die nur symbolisch, denn die Apotheke in der Natur ist für jeden geöffnet. „Und sie wird wieder neu entdeckt“, hat Alexandra Winter vom Kneipp-Verein beobachtet. „Gesunde Lebensweise, die wird heute vielen wieder sehr wichtig“, sagt sie. Am Elsterdamm blüht und grünt es. Dass man Gänseblümchenblüten essen kann, wissen viele, dass die Knoblauchsrauke ein ideales Gewürz ist und nach dem Verzehr ohne den sonst üblichen strengen Geruch auskommt, auch. Dass Schöllkraut Warzen den Garaus machen kann, beschwören die Kräuterkenner in der Gruppe ebenso wie die Wunderwirkung von Spitzwegerich und Johanniskraut bei Schürfwunden. Hirtentäschel wirkt blutstillend, Löwenzahn wird gern als der Ginseng des Nordens bezeichnet und ist als Heilmittel genauso anerkannt wie als Salatbeigabe.

Dass aber eine „langweilige Torte“ mit Kräutern aus der Natur optisch und vor allem gesund aufgepeppt werden kann, das ist die News des Tages. Mitgebracht hat sie eine Frau, die selbst Kneipps Lehren anwendet und  eigens wegen der Wanderung nach Bad Liebenwerda gekommen ist. Das Handyfoto ihrer blüten- und kräuterdekorierten Torte macht die Runde. Und nicht nur das. Kontakte werden ausgetauscht, im September wollen sich alle wiedersehen.

Genauso informativ ist es beim Rundgang von Wander- und Heimatverein, der sich vor allem der Geschichte der Weinberge, bis 1939 selbstständig, widmet. Wer weiß schon, dass die Liebenwerdaer einst den Bahnhof nicht wollten und der deshalb in Weinberge gebaut wurde? Oder dass in Liebenwerda erst eine Brikettfabrik stand und später in der sogenannten Ofenbude Kacheln produziert wurden? Genauso interessant die Erläuterung zum Grab von Dr. Franz Bludau, zum Franzosengrab, zum Zeppelindenkmal und zum Wasserturm, der 1988 gesprengt wurde.  Zeitzeugen kriegerischer Auseinandersetzungen finden sich auf dem Bergfriedhof genauso wie in der verlängerten Borstorfstraße, wo der Heimatverein an einen hingerichteten polnischen Zwangsarbeiter erinnert. Überhaupt hat der 1996 gegründete Heimatverein mit mehreren Gedenksteinen dafür gesorgt, dass Geschichte in diesem Bad Liebenwerdaer Stadtteil gut bewahrt bleibt.

Wandern hat in Bad Liebenwerda eine lange Tradition, reicht bis in DDR-Zeiten zurück als Wandern unter dem Dach des Eisenbahnvereins Lok stattfand. Nach der Wende waren es vor allem Rosi und Karl Herbig sowie Ilona Wendt, die sich dafür einsetzen, Schönheiten der Heimat zu erlaufen. Seit 2009 ist der Wanderverein Bestandteil des TSV Lubwart, seit 2017 Annemarie Schöne Chefin. 15 Wanderungen sind in diesem Jahr geplant.