Von Jenny Theiler

Nur wenige Plätze sind im Festsaal des Guts Saathain noch frei. Rund 250 Literatur- und Kulturbegeisterte aus dem gesamten Landkreis Elbe-Elster haben an diesem sonnigen Sonntagnachmittag den Weg nach Saathain gefunden, um den kulturellen Abschluss der diesjährigen LiteraTour durch Elbe-Elster zu genießen. Die Diskussionen über die Veranstaltungen der vergangenen Woche stellen sich im Publikum allmählich ein, als der Amtsleiter des Kulturamtes Elbe-Elster, Andreas Pöschl, die Bühne betritt.

Weit über 2000 Besucher haben sich bei der diesjährigen LiteraTour von der vielseitigen Welt der Bücher verzaubern lassen. Mit 39 öffentlichen und 15 internen Veranstaltungen konnte das Kulturamt des Landkreises Elbe-Elster mit den Kooperationspartnern jeder Altersklasse einen bunten Einblick in die volle Bandbreite der aktuellen literarischen Werke bieten. „Im vergangenen Jahr freuten wir uns über knapp 2000 Besucher. In diesem Jahr hatten wir einen kleinen Ausreißer, denn wir sind eindeutig über den Zahlen des vergangenen Jahres“, freut sich Andreas Pöschl.

Dass Bücher auch bei jungen Menschen gut ankommen, beweisen Amelie Wäßnig, Vivien Deutschmann und Joy-Gwen Triebke. Die Sechstklässlerinnen aus dem Elbe-Elster-Kreis haben sich für den regionalen Vorlesewettbewerb qualifizieren können. In Saathain wird ihnen eine Generalprobe, für den Vorentscheid in der kommenden Woche ermöglicht. Mit Begeisterung und Leidenschaft für das Lesen tragen die Finalistinnen kurze Textstücke aus ihren Lieblingsbüchern vor. Damit der Lesevorrat nicht ausgeht, gibt es als Dankeschön noch einen Büchergutschein für jede Schülerin. „Ich bin sehr froh, dass wir der Jugend hier eine Plattform geben können, um sich zu profilieren. Mit den Veranstaltungen haben wir auch junge Menschen erreicht“, sagt Marion Ballnat, Leiterin des Kreismedien­zentrums Elbe-Elster und meint damit die Lesungen in den Schulen und die anschließenden Diskussionsrunden.

Anlässlich des Theodor-Fontane-Jahres erwartet die Besucher gegen 17.30 Uhr der Höhepunkt des Abends. Schauspielerin Annekatrin Bürger liest unter dem Motto „Fontane – Ganz privat“ ausgewählte Briefe des Schriftstellers an seine Familie vor. Musikalisch begleitet wird sie von Hartmut Behrsing am Flügel und der Posaune.

Die Texte, die Annekatrin Bürger aus den rund 500 veröffentlichten Briefen Theodor Fontanes an seine Familie ausgewählt hat, zeigen den bedeutendsten Vertreter des deutschen Realismus von einer ganz anderen – einer menschlichen – Seite. Das Publikum lernt einen Theodor Fontane kennen, der nicht länger vom Olymp der deutschen Spitzenliteraten auf die Mark Brandenburg blickt. Seine persönlichen Zeilen offenbaren einen normalen Menschen mit Ängsten, Vorlieben und Erfahrungen, wie sie jedem Zuschauer im Publikum bekannt sein dürften. Ein junger ambitionierter Mann der seine Familie liebte, oft in Geldnot geriet, sich selbst als Vielfraß bezeichnete und eine Schwäche für Frauen mit kleinen Ohrläppchen und schmaler Oberweite hatte. Fontane nutzte das Medium Brief, um leidenschaftlich über den preußischen Staat zu schimpfen und gegen seine Verleger auszuteilen. Sogar seine Ehekrise ist postalisch dokumentiert.

Auch die Bezüge zur heutigen Zeit bleiben dem Publikum nicht verborgen, wie das Gedicht „Das Trauerspiel von Afghanistan“ zeigt. Gespickt mit ein paar bekannteren Gedichten, wie „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und „An George Fontane“ bleibt das Programm in einem lockeren Rahmen. Annekatrin Bürger liest mit jener angenehmen Leichtigkeit, mit der Fontane seine Briefe verfasste. Die musikalische Untermalung durch Hartmut Behrsings Piano- und Posaunenspiel ist den Stimmungen der Briefe angepasst und ermöglicht einen tieferen Zugang zu Fontanes Gedanken. Am Ende der 90-minütigen Vorlesung wird eine Zugabe gewünscht. Das Gedicht „Es kribbelt und wibbelt weiter“ ist der humoristische Rausschmeißer einer gelungenen Abschlussveranstaltung, die sicher in Fontanes Sinne gewesen wäre.

„Ich bin von der Lesung begeistert“, äußert sich Wolfgang Seifling aus Plessa. Der 78-Jährige hat sechs weitere Veranstaltungen in der vergangenen Woche besucht und freut sich schon auf das nächste Jahr. „Es wäre schön gewesen, wenn heute Abend auch ein paar jüngere Zuschauer da gewesen wären“, sagt der Rentner.