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| 12:27 Uhr

Schritt für Schritt zum Ziel
Auf der längsten historischen Schnitzeljagd der Welt

Der Franzose Laurent Guillet (Mitte) ist auf seinem Gedächtnislauf in Mühlberg angekommen. An seiner Seite: Bad Liebenwerdas Stadtoberhaupt Thomas Richter und Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel.
Der Franzose Laurent Guillet (Mitte) ist auf seinem Gedächtnislauf in Mühlberg angekommen. An seiner Seite: Bad Liebenwerdas Stadtoberhaupt Thomas Richter und Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel. FOTO: Karsten Bär
Mühlberg/Bad Liebenwerda. Der französische Autor Laurent Guillet ist auf seinem Gedächtnislauf nach 67 Tagen im Lager Mühlberg angekommen. Von Karsten Bär

In Mühlberg und in Bad Liebenwerda ist Laurent Guillet nicht das erste Mal. Noch nie allerdings kam er auf diese Weise aus seiner Heimat, der Bretagne, in die Kurstadtregion: den kompletten  Weg zu Fuß. Am Dienstag hat der 48-jährige Autor am 67. Tag seines „Gedächtnislaufs“ Mühlberg und Bad Liebenwerda erreicht. Gestartet ist er am 26. Mai. Von Mühlberg aus begleitete ihn Bürgermeisterin Hannelore Brendel bis ins ehemalige  Kriegsgefangenenlager in Neuburxdorf. Dort übernahm Bad Liebenwerdas Bürgermeister Thomas Richter die Begleitung und lief mit dem Franzosen, mit dem er seit einigen Jahren befreundet ist, weiter nach Bad Liebenwerda.

Mit seinem insgesamt mehr als 2000 Kilometer langen Marsch quer durch Europa will Laurent Guillet der Toten des Ersten und Zweiten Weltkrieges ebenso Tribut zollen, wie auch jenen verstorbenen Menschen, die ihm und anderen am Herzen liegen. Seine Strecke orientiert sich weitgehend an der Route seiner „Längsten historischen Schnitzeljagd der Welt“. Sie verfolgt den in einem Buch von Guillet beschriebenen Leidensweg seines Großonkels Joseph Santerre, der als Kriegsgefangener im Juli 1940 ins Lager Mühlberg kam und nach weiteren Stationen schließlich im tschechischen Most  sein Leben lassen musste.  In den neun Tourstädten – Limerzel, Sarrebourg, Mühberg, Bad Liebenwerda, Hartmannsdorf bei Chemnitz, Irfersgrün bei Lengenfeld, Plauen, Litvinow und  Most – hat Guillet mithilfe der jeweiligen Bürgermeister Gedenktafeln aufstellen lassen. „Alle Bürgermeister haben Zeit für mich vorgehalten, um sich bei meinem Gedächtnislauf mit mir zu treffen“, freut sich der Autor, der sich den Stadtoberhäuptern nach mehreren Treffen in den vergangenen Jahren freundschaftlich verbunden fühlt.

Im Marschgepäck hat beziehungsweise hatte Laurent Guillet für jede der neun Tourstädte eine Kerze, auf die die jeweiligen Bürgermeister ihrerseits Namen von Verstorbenen schreiben sollten, derer sie gedenken wollen. Auch wenn der Franzose unterwegs Menschen traf und mit ihnen ins Gespräch kam, bat er sie, einen Namen auf die Kerzen zu schreiben. Was mitunter auch sehr betroffen machen konnte: „Im Ort Lengfeld habe ich jemanden kennengelernt, der an seine Enkeltochter erinnern möchte, die nach schwerer Krankheit und etlichen Operationen mit vier Jahren verstarb“, verdeutlicht er.

Die Toten, sagt Guillet, begleiteten ihn gewissermaßen auf seinem Weg, den er konsequent zu Fuß zurücklegt. Er erlaubt es sich lediglich, sein Gepäck für kurze Abschnitte von Menschen tragen zu lassen, die ihn mitunter begleiten. Ins Gespräch gekommen sei er bereits mit vielen. Und die allermeisten Begegnungen seien überaus positiv. Ohne viel Geld unterwegs, ist er auf Leute angewiesen, die ihm Unterkunft geben. Er hat  bei Pfarrern und Kirchengemeinden wie auch bei Privatleuten übernachten dürfen, einige wenige Male auch im Freien.

Rund 30 Kilometer beträgt das tägliche Marschpensum. Der Tag in Bad Liebenwerda sei erst der vierte gewesen, an dem er sich Ruhe gönnt. Muskelkater habe er keinen, lacht Laurent Guillet. Nur den Füßen merke er die lange Strecke inzwischen deutlich an. Die große Hitze der letzten Tage hat den Marsch nicht eben einfacher gemacht. „Schlimm ist es, wenn man keine Gelegenheit hat, um Wasser  zu kaufen, und 14 Kilometer durstig laufen muss.“

Von Bad Liebenwerda aus wollte Laurent Guillet am Donnerstag nach Großenhain weiterlaufen und von dort aus die verbleibenden Stationen der Tour ansteuern. Am 16. August will er nach 83 Tagen Most in Tschechien erreichen. Bis dahin hofft er, noch mehr Menschen darauf aufmerksam gemacht zu haben, wie wichtig es ist, die Erinnerung an vergangenes Leid zu bewahren, aus der Versöhnung und Freundschaft wachsen können.