| 02:38 Uhr

Auch Puppen können "luttern"

Bei der Langen Nacht des Puppenspiels in Bad Liebenwerda erobern Budapester Marionetten die Herzen der Besucher.
Bei der Langen Nacht des Puppenspiels in Bad Liebenwerda erobern Budapester Marionetten die Herzen der Besucher. FOTO: Frank Claus
Bad Liebenwerda. Blühende 19, immer noch charmant und in diesem Jahr mit besonderem Faible für die Geschichte: Kein Wunder, wenn es ja überall "luttert". Elbe-Elsters Internationales Puppentheaterfestival kommt im Jubiläumsjahr der Reformation an diesem weltverändernden Ereignis nicht vorbei. Frank Claus

Dabei, so wissen die Festivalmacher um Dr. Olaf Bernstengel und EE-Kulturamtsleiter Andreas Pöschl, hat Luther Puppenspieler schon immer angeregt. Bereits um 1880 wurde das Marionettenspiel "Doctor Martin Luther - oder Der Reichstag zu Worms" aufgeführt, erfahren die Liebhaber von Marionetten, Überkopfpuppen und Schauspiel aus dem Programm. Der Einführung lag damals ein Schauspiel aus dem Jahre 1808 zugrunde.

Im 20. Jahrhundert sei das Luther-Thema jedoch weitestgehend in Vergessenheit geraten. Erst in Vorbereitung des 500. Jubiläums der Reformation ist es wieder aus den Puppenspielarchiven hervorgekramt worden, allerdings mit der Bemerkung "Nicht mehr spielbar!" Ein, die Person Luthers stark verklärender Pathos war nicht mehr zeitgemäß, heißt es zur Begründung. Also keine Chance für Luther im Puppenspiel?

Im Gegenteil! Verschiedene Puppenspieler machen sich an eine Neuinterpretation des Ereignisses für ihre Bühne. Drei davon haben beim am Sonntag zu Ende gegangenen Festival mit dem Luther-Thema gastiert: Das Theatrium Dresden, die TheaterGärtnerei Magdeburg und das Theater Rudolf & Voland aus Birkwalde (Sonnewalde). Mit Erfolg! Sie haben Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistert, so Andreas Pöschl. Auch wenn der genaue Überblick noch nicht vorliegt, "die Veranstaltungen waren fast alle gut besucht, wir sind zufrieden", meint ein gut gelaunter Kulturamtsleiter einen Tag vor Festivalende.

Kein Wunder, auch bei der Langen Nacht des Puppenspiels sind alle Plätze an den Tischen vom Bad Liebenwerdaer Bürgerhaus und Stühle rundherum besetzt.

Dabei beschert das "Theater of Marionettes" aus Ungarn mit seinem locker-heiteren Spiel schon vorm Haus gute Laune. Nur mit Musik und der Körpersprache der größeren und kleinen Puppen sorgt das Einmann-Theater für Abenteuer ohne Worte. Schnell springt der Funke zum Publikum über, klettert die kleine Marionette auf den Schoß eines Zuschauers, zerzaust einem älteren Herren dessen weiße Haare und liebkost eine Frau Nase an Nase. Niedlich, die wissenschaftlichen Versuche eines Professors, sich seine Traumfrau zu erschaffen. Was freilich am Labortisch misslingt.

Der heute mitunter spürbaren Luther-Manie setzt die Puppenbühne rudolf & voland dann mit ihrer "Legende Luther" mit erstaunlicher spielerischer und gestalterischer Vielfalt ein kritisches Stück gegenüber. Immer wieder ändert sich das Bühnenbild, wird verdeckt, mal offen, mal mit Licht mal ohne gespielt. Hand- und Großpuppen wechseln einander ab. Luthers Werdegang wird nicht geradlinig dargeboten: Die Widersprüchlichkeit, innere Zerrissenheit und das nicht vollends abgelegte Obrigkeitsdenken zeigt den Reformator und Wegbegleiter eingebettet in seine Zeit. Geschickt werden Parallelen zum Heute gezogen. Das Publikum ist immer wieder gefordert, innerlich selbst Position zu beziehen, wird mit humorvollen Einlagen aber auch entlastet. Langanhaltender Beifall ist der Lohn für ein inhaltsschweres Stück, übrigens ein "Auftragswerk" des Landkreises zum Luther-Theater(jahr).

Ganz anders dann Frau Dr. Günmeffert in ihrem "literarischen Salon". Das Felgentreu-Grünmeffert-Theater mit Wolfgang Lasch und Cathrin Bleyl ist der amüsante Ausklang für die Lange Nacht des Puppenspiels. Dabei spielt Wolfgang Lasch die schrullige Mutter der Literaturwissenschaftlerin und bürstet die wissenschaftlichen Überhöhungen zu Luther mit eigenen Lebenserfahrungen und der einfachen Sicht aus dem Volke weg. Sehr zum Spaß der Zuschauer.