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| 19:02 Uhr

Unschuldig Inhaftierte und Angehörige erzählen
Einsatz mit beklemmenden Gefühlen

 Arbeiten an einer Großlatrine: Werner Jentsch (89) aus Rostock, Eberhard Hoffmann (91) und Konrad Donner (80) aus Cottbus (von links) - Eberhard Hoffmann ist 1945 als 17-Jähriger in das Speziallager verbracht worden; von beiden anderen waren die Väter dort inhaftiert. Hoffmann und Donner sind Mitglieder der Initiativgruppe.
Arbeiten an einer Großlatrine: Werner Jentsch (89) aus Rostock, Eberhard Hoffmann (91) und Konrad Donner (80) aus Cottbus (von links) - Eberhard Hoffmann ist 1945 als 17-Jähriger in das Speziallager verbracht worden; von beiden anderen waren die Väter dort inhaftiert. Hoffmann und Donner sind Mitglieder der Initiativgruppe. FOTO: LR / Frank Claus
Mühlberg. Gegen das Vergessen: Im Lager Mühlberg haben einstige Insassen, ihre Angehörigen und Helfer Geschichte bewahrt. Von Frank Claus

Es ist kein gewöhnlicher Arbeitseinsatz. Frauen und Männer, darunter zahlreiche um die 90 Jahre, greifen am Freitag und Sonnabend zu Harke, Schaufel, Besen und Pinsel. Sie arbeiten dort, wo sie einst selbst inhaftiert waren oder sie sind Angehörige von Menschen, die in eines der beiden Lager – entweder in das deutsche Kriegsgefangenenlager Stalag (Stammlager) IV B (1939-45) oder des späteren an gleicher Stelle eingerichteten sowjetischen Speziallagers Nr. 1 Mühlberg (1945-48) – verschleppt worden sind.

Es ist ein beklemmendes Gefühl zu sehen, wie Menschen, die zu Unrecht inhaftiert worden – meist wegen des haltlosen Vorwurfs, als „Werwolf“ Anschläge gegen die sowjetischen Besatzungstruppen geplant zu haben – heute dafür sorgen müssen, dass ihr Schicksal nicht vergessen wird. Und es ist auch gut zu wissen, dass es engagierte Nachfolgegenerationen gibt, die ihnen dabei helfen. So wie der Mühlberger Fanclub des Fußball-Bundesligisten BVB „Die Bomätscher“, die seit Jahren zum Einsatz kommen. Diesmal waren es trotz nachmittaglichem Derby mehr als 20, die wichtige Arbeiten im Lagergelände übernahmen. Zu verkennen waren sie nicht in den schwarz-gelben Farben ihres Vereins.

 Sie zählen zu den Hauptinitiatoren der Arbeitseinsätze: Heike Leonhard und Uwe Steinhoff.
Sie zählen zu den Hauptinitiatoren der Arbeitseinsätze: Heike Leonhard und Uwe Steinhoff. FOTO: LR / Frank Claus

Eberhard Hoffmann, heute 91, zählt zu jenen nahezu 10 000 Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren, die in den zehn Speziallagern der sowjetischen Besatzungszone inhaftiert waren und, sofern sie überlebten, Jahre ihrer Jugend hinter Stacheldraht verbringen mussten. 

 Mehr als 20 Mitglieder des BVB Fanclubs „Die Bomätscher“ aus Mühlberg haben geholfen.
Mehr als 20 Mitglieder des BVB Fanclubs „Die Bomätscher“ aus Mühlberg haben geholfen. FOTO: LR / Frank Claus

Im Herbst  1945 wurde er im Alter von 17 Jahren in das Speziallager Mühlberg gebracht. In einem früheren LR-Bericht wird er so zitiert: „Zwischen Altenau und Burxdorf bog unser Lkw in ein Waldstück ein, das bald darauf den Blick auf ein größeres Lager freigab. Am Lagertor begegneten wir dem ‚Jauchekommando’. Je sechs Menschen in abgerissener Kleidung zogen und schoben die fünf Wagen. Der Anblick war für mich so entsetzlich, dass ich sofort an ein Straflager dachte.“

 Roland Steinbach (90) aus Chemnitz war im Lager als 17-Jähriger von1945 bis 1948 inhaftiert und ist seit 1992 und damit seit Beginn an bei den Arbeitseinsätzen dabei. Hier bereitet er Grabkreuze auf.
Roland Steinbach (90) aus Chemnitz war im Lager als 17-Jähriger von1945 bis 1948 inhaftiert und ist seit 1992 und damit seit Beginn an bei den Arbeitseinsätzen dabei. Hier bereitet er Grabkreuze auf. FOTO: LR / Frank Claus

Für drei Jahre sollte er diesen Ort nicht wieder verlassen und – nach anschließender Haft in Buchenwald – für insgesamt viereinhalb Jahre aufgrund falscher Anschuldigungen unter unvorstellbaren Umständen gefangen bleiben.

 Sabine Alban aus Großdobritz bei Meißen – der Großvater ihres Lebenspartners war im Lager – malt die verschlissenen Zahlen der in die Erde eingelassenen Nummern der einstigen Barackenstandorte entlang der Lagerstraße nach.
Sabine Alban aus Großdobritz bei Meißen – der Großvater ihres Lebenspartners war im Lager – malt die verschlissenen Zahlen der in die Erde eingelassenen Nummern der einstigen Barackenstandorte entlang der Lagerstraße nach. FOTO: LR / Frank Claus

Ähnlich erging es Roland Steinbach (90) aus Chemnitz. Auch er war ab Oktober 1945 wegen des Werwolf-Verdachts unschuldig inhaftiert worden und wurde mit dem sogenannten Pelzmützentransport noch nach Sibirien deportiert. Die Gefangenen wurden für die wochenlange Zugfahrt mit Wattebekleidung und Pelzmützen der deutschen Wehrmacht ausgerüstet (deshalb Pelzmützentransport). 122 Gefangene aus dem Lager Mühlberg haben das nicht überlebt.

Seit es die Arbeitseinsätze in Mühlberg gibt – seitdem kommt Roland Steinbach nach Mühlberg. „Seit 1992 bin ich regelmäßig dabei.“ In Mühlberg war er vorher schon. „Wir hatten uns mit Gleichgesinnten vereinbart, uns im Stahlwerker-Hotel 1990 in Riesa getroffen und sind dann nach Mühlberg gefahren.“ Und er erinnert sich genau: „Alles war hier zugewachsen. Doch da stand damals ein dünnes, ein erstes Kreuz. Als wir laut fragten, wer das wohl hingestellt habe, antworte ein Mann, der uns zufällig entgegenkam: Das war ich.“ Später erzählte dessen Frau, dass ihr Mann nach der Wende – als endlich ans Licht kommen durfte, welche Gräuel Menschen in Mühlberg erlebten, in den Keller gegangen war und fast zwei Stunden nicht wieder kam, um jenes Kreuz zu bauen.“

Werner Jentsch (89) ist aus Rostock gekommen, Konrad Donner (80) aus Cottbus. Beider Väter haben das Lager Mühlberg erlebt und überlebt, konnten lange Zeit nicht darüber reden. „Sag bloß nichts weiter, nicht dass die mich wieder holen, hat mir mein Vater immer wieder gesagt“, berichtet Konrad Donner. Werner Jentsch, der sich in Studium und Arbeit mit dem Stoffwechsel von Mensch und Tier befasste, hat später sogar einen zwei Mal zwei Wochen dauernden Selbsttest gewagt. „Ich wollte wissen, wie lange ein Mensch und ein Rind überleben können, ohne zu essen.“

In den Arbeitspausen lauschen die jungen Leute, fragen zaghaft nach, sind tief betroffen. Und vermutlich auch ein kleines bisschen zufriedener. Haben sie wie die Arbeitseinsatz-Organisatoren Heike Leonhardt (ihr Großvater war im Lager) und Uwe Steinhoff aus Berlin doch geholfen, Hinterlassenschaften des Lagers für die Nachwelt zu erhalten. Bad Liebenwerdas Bauhof hat geholfen, Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel war persönlich vor Ort. Es waren insgesamt um die 50 Bürger, die an diesen beiden Tagen zum freiwilligen Einsatz kamen.

Hätten es nicht doch noch viel mehr sein müssen?