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| 16:13 Uhr

Interview mit Pharmazierat Stephan Creuzburg
Ein Skandal: Fast 200 Medikamente sind aktuell nicht lieferbar

 Pharmazierat Stephan Creuzburg, Inhaber der Stadt-Apotheke Elsterwerda, zeigt nur ein trauriges Beispiel: ein fast leeres Schubfach mit dringend benötigten Schmerzmitteln für die Patienten. Im Hintergrund die Pharmazeutisch Technische Assistentin Janet Ockert.
Pharmazierat Stephan Creuzburg, Inhaber der Stadt-Apotheke Elsterwerda, zeigt nur ein trauriges Beispiel: ein fast leeres Schubfach mit dringend benötigten Schmerzmitteln für die Patienten. Im Hintergrund die Pharmazeutisch Technische Assistentin Janet Ockert. FOTO: LR / Manfred Feller
Elbe-Elster. Aufgrund von ausbleibenden Lieferungen erhalten die Patienten auch im Landkreis Elbe-Elster ihre gewohnten Medikamente immer seltener in den Apotheken. Seit Monaten entlädt sich der Frust beim Personal, das aufzuklären und zu helfen versucht. Von Manfred Feller

Seit Ende 2018 klagen Patienten zunehmend, dass wichtige Arzneimittel in Apotheken nicht ausreichend oder gar nicht vorrätig sind. Manche Medikamente können wohl auf längere Sicht auch nicht beschafft werden. Wie ist die Situation in Ihrer Stadt-Apotheke in Elsterwerda und wahrscheinlich in fast allen anderen im Landkreis und darüber hinaus?

Stephan Creuzburg Begonnen hat das Problem mit dem Blutdrucksenker Valsartan. Dieser Wirkstoff, günstig hergestellt in China, enthielt Verunreinigungen, die krebserregend gewesen sein sollen. Daraufhin ist das Medikament bis zur Klärung zeitweise aus dem Sortiment genommen worden. Die Patienten wurden mit anderen Wirkstoffen zur Blutdrucksenkung versorgt. In der Folge waren auch diese Medikamente aus Kapazitätsgründen der Hersteller nicht ausreichend lieferbar. Die Patienten konnten nicht wie gewohnt versorgt werden. Wir mussten erneut umstellen. Das hat zu einer großen Verunsicherung geführt. Wird hoher Blutdruck nicht behandelt, dann kann er zum Schlaganfall führen und tödlich enden.

Wie haben die Ärzte auf diese kritische Situation reagiert?

Stephan Creuzburg Wir Apotheker waren und sind bis heute mit den Ärzten in ständigem Kontakt, weil immer mehr Medikamente nicht ausreichend oder gar nicht zur Verfügung stehen. Bevor ein Arzt ein spezielles Medikament verschreibt, erkundigt er sich bei uns, was gerade verfügbar ist. Oder wir informieren die Ärzte, was auf Lager ist oder gerade nicht bestellt werden kann. Das kostet uns und die Ärzte wahnsinnig viel Zeit, die im Kontakt mit unseren Patienten fehlt.

Man kann sich vorstellen, dass die Patienten sehr verunsichert sind?

Stephan Creuzburg Das ist vollkommen richtig. Das Vertrauen in das gewohnte Medikament ist für die Arzneimittelwirkung von eminenter Bedeutung. Und dieses Vertrauen ist massiv gestört worden. In den Apotheken müssen die Patienten in Gesprächen beruhigt, überzeugt werden, und leider nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Obwohl das andere Medikament denselben Wirkstoff enthält, haben Patienten Probleme mit anderen Namen, Verpackungen und dem Aussehen der Tabletten. Das kann bei älteren Patienten, die sich alleine versorgen, zu Verwechslungen und Fehleinnahmen führen, die dramatische Folgen haben können. Wir haben zum Teil auch dramatische Szenen erlebt. Die Menschen wurden zum Teil laut, waren verzweifelt oder sogar resigniert. Aber die Ärzte und wir konnten jedem Patienten helfen.

 Der erste Eindruck auch in der Stadt-Apotheke Elsterwerda täuscht: Trotz der gut gefüllten Regale fehlt es an sehr vielen wichtigen Medikamenten, die die Patienten bislang verschrieben bekamen. Es muss auf andere Mittel mit den notwendigen Wirkstoffen zurückgegriffen werden. Das verunsichert viele.
Der erste Eindruck auch in der Stadt-Apotheke Elsterwerda täuscht: Trotz der gut gefüllten Regale fehlt es an sehr vielen wichtigen Medikamenten, die die Patienten bislang verschrieben bekamen. Es muss auf andere Mittel mit den notwendigen Wirkstoffen zurückgegriffen werden. Das verunsichert viele. FOTO: LR / Manfred Feller

Angefangen hatte alles mit den Blutdrucksenkern. Wie ist es dann weitergegangen?

Stephan Creuzburg Andere Arzneimittel, die ansonsten problemlos lieferbar waren und bei denen es noch nie Engpässe gegeben hat, waren plötzlich nicht mehr lieferbar. Das sind zum Beispiel wichtige Schmerzmittel gewesen, wie Diclofenac, die immer noch nicht zu haben sind. Das hat sich fortgesetzt mit Mitteln gegen Grünen Star und auch bei den Antiasthmatika sowie bei einigen Psychopharmaka.

Wo liegen die Ursachen?

Stephan Creuzburg Zum einen ist es die Konzentration auf einige wenige Wirkstoffhersteller. Wenn dann einer ausfällt, dann fehlen der Pharmaindustrie wichtige Rohstoffe für die Herstellung von Medikamenten. Das war und ist nach wie vor so bei Ibuprofen. Eine weitere Ursache ist, und das ist aus meiner Sicht besonders verwerflich, dass Arzneimittel von den Pharmafirmen in Länder exportiert werden, in denen ein höherer Preis erzielt werden kann. In Deutschland haben wir das hausgemachte Problem, ich glaube aus dem Jahr 2003, dass die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt den Krankenkassen die Einführung der Rabattverträge gestattet hat. Das heißt: Dass Firmen dafür zahlen müssen, dass deren Produkte verordnet werden dürfen. Dies hat dazu geführt, dass der Produzent ein bestimmtes Medikament gar nicht mehr produziert hat oder woanders hin verkauft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wie sähe denn eine Lösung oder Minderung des Problems aus?

Stephan Creuzburg Weil ein Arzneimittel eine Ware besonderer Art ist, dürfen nicht nur marktwirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen und das auf Kosten der Patienten und deren Gesundheit. Hier spielt die Fürsorgepflicht des Staates eine große Rolle. Die Lösung wäre, dass die Pharmaunternehmen verpflichtet werden, ausreichend nach Deutschland zu liefern. Aber das scheint mir illusorisch zu sein. Ich bin auf die Vorschläge des Gesundheitsministers gespannt.

Wie groß ist denn das Ausmaß der nicht lieferbaren Medikamente in den Apotheken bundesweit?

Stephan Creuzburg Ich kann nur für unsere Apotheke sprechen. Und da haben sich die Defekte, also die nicht lieferbaren Medikamente, aktuell auf rund 180 Positionen summiert. In der Spitze waren es um die 220. Das dürfte in vielen anderen deutschen Apotheken nicht anders aussehen. Dies betraf oder betrifft Arzneimittel zum Beispiel gegen Schmerzen, Gicht, teilweise Diabetes und bei Herzproblemen, aber auch manche Impfstoffe. Das ist ein unhaltbarer Zustand.