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| 18:50 Uhr

Anja Heinrich: Aus dem Landtag auf den Bürgermeisterstuhl
Aus Potsdam zurück in Elsterwerda

Anja Heinrich und ihr Mann, Landrat Christian Heinrich-Jaschinski, stellten sich ein Jahr nach ihrer auch auf politischer Bühne viel beachteten Hochzeit (2013) den Fragen von Moderatorin Courtina Türke (Mitte) und denen aus dem Publikum beim 3. „Kleinstadtgeflüster“ in Finsterwalde.
Anja Heinrich und ihr Mann, Landrat Christian Heinrich-Jaschinski, stellten sich ein Jahr nach ihrer auch auf politischer Bühne viel beachteten Hochzeit (2013) den Fragen von Moderatorin Courtina Türke (Mitte) und denen aus dem Publikum beim 3. „Kleinstadtgeflüster“ in Finsterwalde. FOTO: Torsten Pötzsch / Torsten P“tzsch
Elsterwerda/Potsdam. Doch im Grunde genommen war sie nie weg: Ein Gespräch mit Anja Heinrich nach dem Landtag und vorm Bürgermeistersessel. Von Frank Claus

Anja Heinrich (CDU) legt am 31. Januar ihr Mandat im Brandenburger Landtag nieder. Ab 1. Februar ist sie Bürgermeisterin der Stadt Elsterwerda. Die RUNDSCHAU bat sie um einen Rück- und einen Ausblick.

Frau Heinrich, aus dem Landtag freiwillig auszuscheiden, um künftig Bürgermeisterin zu sein: Was ist das eigentlich für Sie, Aufstieg oder Fall?

Heinrich: (Lacht) Das sagen Sie mal den Bürgermeisterkollegen! Wenn ich nach fast neun Jahren mein durch Direktwahl gewonnenes Landtagsmandat ein Jahr früher als regulär beende, um als Bürgermeisterin für fast ein weiteres Jahrzehnt zu arbeiten, ist das großartig. Wenn man die Möglichkeit hat, über Jahrzehnte  angeeignete Kompetenzen, die mit Freude erfüllen, zum Beruf zu machen, erfüllt es immer mit Stolz und ist im ganz persönlichen Leben immer ein Erfolg und ein Gewinn.

 Lassen Sie uns bitte ein wenig zurückblicken. Die ersten Kontakte in die Politik hatten Sie 1998, als Sie für die Hohenleipischer Gemeindevertretung kandidierten. Dann ging es steil nach oben: Stadtverordnetenvorsitzende  in Elsterwerda, Kreistagsmitglied, im Jahr 2009 Direkteinzug in den Brandenburger Landtag, 2012 CDU-Generalsekretärin und 2014 Wiederwahl in den Landtag mit dem besten Stimmenergebnis Ihrer Partei in ganz Brandenburg. Wie war die „Höhenluft“?

 Heinrich: Höhenluft habe ich nie geschnuppert. Hinter mir liegen viele Jahre mit einer sehr bemessenen Freizeit und viel zu wenig Zeit für Freunde und Familie. Erfolg zu haben, war kein Geschenk, was mal eben so vom Himmel fiel. Ich erinnere mich noch gut an jene Zeit, in der ich alleinerziehende Mutter war, glücklich durch eine Vollzeitanstellung für die Familie sorgen zu können. In dieser Zeit habe ich mich nebenberuflich in einem dreijährigen Studium am Berliner Institut für Familientherapie beruflich qualifiziert, trotz des Vorsitzes in der Stadtverordnetenversammlung, trotz  einer todkranken Mutter, trotz Sorgen, wie es sie in jeder Familie gibt. Ich habe mir einfach nie geleistet, den Kopf in den Sand zu stecken und habe immer den Weg nach vorn gesucht.

Und nicht zuletzt bin ich ehrgeizig, wenn ich von einer Aufgabe überzeugt bin, und halte nicht viel von Halbherzigkeiten. Meinen politischen Erfolg habe ich nicht vorhersehen können. Auch Niederlagen kalkuliert man ein – einzig am Fleiß wollte ich Herausforderungen nie scheitern lassen.

 Und dann die kniffligen Jahre 2014 und 2015. Die CDU hatte unter Landeschef Michael Schierack die mögliche Regierungsbeteiligung vermasselt, Sie traten 2015 als CDU-Generalsekretärin zurück, wurden als Fraktionsvize abgewählt.  Hatte man Sie damals kaltgestellt in der CDU?

 Heinrich: Ich bin nicht zurückgetreten, sondern nicht wieder angetreten. Wenn ich Entscheidungen treffe, wie beispielsweise nicht erneut für das ehrenamtliche Amt des Generalsekretärs meiner Partei anzutreten, dann liegt meinem Handeln immer eine gut abgewogene Entscheidungsfindung zu Grunde. Darauf dürfen Sie vertrauen! Weder bedeuten mir Titel, noch verheißungsvolle Mandate etwas. Entscheidend ist ausschließlich, ob man persönlich vertritt, was man mit dieser Funktion verbindet.

Für mich war immer klar und einzig maßgeblich, auf wessen Vertrauen ich bauen möchte und wessen „Beifall“ mir etwas bedeutet – und das sind die Menschen in meiner Heimat, damals insbesondere in meinem Wahlkreis. Erst dann folgen Partei, Funktionen oder Mandate. Meine damalige Entscheidung war absolut richtig und die Folgen innerparteilich völlig vorhersehbar. Kaltstellen habe ich mich jedoch nie lassen!

 Die AfD ist auf die politische Bühne gekommen. Sie waren im Jahr 2017 Mitbegründerin des „Freiheitlich konservativen Aufbruchs“ in der CDU, sind Sprecherin und haben mal gesagt: „Hätte man diesem konservativen Flügel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, gebe es keine AfD.“ Sehen Sie das heute noch so? Wie sollte Politik mit der AfD umgehen?

 Heinrich: Ja, das sehe ich auch heute noch so! Die AfD ist Teil der politischen Bühne. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich hätte mir gewünscht, sich weniger am Handeln der AfD abzuarbeiten, sondern sich mit den Inhalten auseinander zusetzen, die dieser noch recht jungen Partei ein nicht gering zu schätzendes Wählerpotenzial ermöglichte. Es wird wenig Erfolg haben, Konkurrierendes zu isolieren. Um Erfolg zu haben, muss man besser sein und davon die Wähler glaubhaft durch das eigene Handeln überzeugen. Der „Freiheitlich konservative Aufbruch“, die heutige „WerteUnion“ ist keine Opposition innerhalb der Partei. Hier finden sich Mitglieder, die sich aktiv und kritisch auch mit der eigenen Partei und deren Ausrichtung auseinandersetzen.

 Zum 31. Januar legen Sie Ihr Mandat im Brandenburger Landtag nieder. Was bleibt aus dieser Zeit?

 Heinrich: Sehr viel Gutes! Es war eine Zeit, die ich sehr geschätzt habe und nicht missen möchte. Politik ist so viel mehr, als die Überschriften in den Morgenzeitungen, so viel mehr als geschliffene Rhetorik und das Für und Wider in den Themen.

In fast neun Jahren Potsdamer Landtag entstanden Freundschaften über Parteigrenzen, wunderbare Netzwerke mit Menschen in unserem Land, die so viel Gutes und Bemerkenswertes leisten und etwas können. Ich habe Brandenburg nicht zuletzt als Kulturpolitikerin - eine nicht zu unterschätzende kluge Wirtschaftsförderung – kennengelernt. Zu verstehen und zu lernen, wie Politik in jeder seiner Facetten gelingt oder scheitert, ist eine Erfahrung, die mein Leben auch zukünftig sehr prägen wird. Ich habe als Bürgermeisterin zwar  kein Namensschild mehr im Plenarsaal, die gute Zusammenarbeit mit den Kollegen, den Fraktionen und Ministerien bleibt aber auch Bestandteil für die kommenden Jahre.

 In welchem Zustand ist die Brandenburger CDU heute? Hat sie das Potenzial, bei den Landtagswahlen  2019 die Vormachtstellung der SPD zu beenden?

 Heinrich: Die CDU hat ein hervorragendes Ergebnis bei den Bundestagswahlen erzielt und ist durchaus gut aufgestellt. Keiner Partei wird der Erfolg in den Schoß fallen. Die Menschen sind keineswegs politikverdrossen oder uninteressiert. Vielmehr wird man gemessen an Glaubwürdigkeit und politischer, aber auch persönlicher Kompetenz.

Noch haben Sie meine Frage nicht beantwortet.

Heinrich: Die CDU hat das Zeug für ein sehr erfolgreiches Ergebnis.

 Widmen wir uns Ihrer neuen Aufgabe. Was überwiegt: Freude auf oder Respekt vorm neuen Job?

 Heinrich: Gewiss beides: Ohne Freude kann keine Stadt entwickelt werden. Und der gebotene Respekt diszipliniert, sich nicht nur des eigenen Engagements zu versichern, sondern auch auf  Kompetenz innerhalb und außerhalb der Verwaltung zu bauen.

Sie waren in den vergangenen Wochen lokalpolitisch bereits viel unterwegs. Mit wem haben Sie sich schon beraten?

 Heinrich: Es war tatsächlich seit der gewonnenen Wahl schon eine sehr intensive Arbeit in Vorbereitung auf das Bürgermeisteramt. Gern bin ich einer Einladung der Werbegemeinschaft Ost gefolgt, habe zahlreiche Unternehmen und Einzelhändler besucht, war bereits mehrfach in Gesprächen mit der Elbe-Elster-Klinikum GmbH. Erst am Montag war ich zugegen bei der feierlichen Übergabe des Stipendienprogramms für Mediziner, habe viele Einladungen von Vereinen wahrgenommen, mich mit künftigen Amtskollegen getroffen, mich in der Kreisverwaltung beraten lassen, die Partnerstädte kontaktiert und für die kommenden Wochen bereits einen gut gefüllten Terminplan aufgestellt. Besonders gefreut hat mich die Aufgeschlossenheit und Offenheit in den Fachbereichen der Stadtverwaltung Elsterwerda. Das empfinde ich als sehr ermutigend. 

Welche Aufgaben wollen Sie in Elsterwerda zuerst angehen? Wo beabsichtigen Sie, Pflöcke einzuschlagen?

 Heinrich: Bevor es an die kreative Arbeit und meine ganz persönlichen Ziele in der Stadt geht, bedarf es der Priorisierung vieler zurückgestellter und nicht realisierter Investitionen. Es bedarf einer Bestandsaufnahme im Kontext unserer bestehenden Unternehmen, um weitere wirtschaftsfördernde Maßnahmen, wie zum Beispiel ein Onlineportal für den innerstädtischen Handel, zu erarbeiten. Nächstes Ziel ist eine erfolgreiche Agreda als „Erntedankfest der Lausitz“, eine Strukturierung städtischer Feste, die Vorbereitungen für ein städtisches Marketing, die Eruierung unserer Stadt als Schulstandort, ein Ansiedlungskonzept für Familien und Unternehmen. Um gemeinsam erfolgreich zu sein, werde ich mich im Vorfeld mit allen Fraktionen auch zu deren Erwartungen an mich verständigen und zu Gesprächen einladen.

 Werden Sie das Rathaus umkrempeln?

 Heinrich: Selbstverständlich. (Lacht)

Geht das bitte etwas konkreter?

Heinrich: Ich schaue mir alle Bereiche an, werde meine Vorstellungen zur zukünftigen Arbeit erläutern und dann Entscheidungen treffen. Ich möchte ein sehr bürgernahes, effizientes Rathaus.

Mit Personalveränderungen?

Heinrich: Das wird sich im Zuge der Gespräche zeigen.

 Ihr Mann ist Landrat des Elbe-Elster-Kreises. Sehen Sie da nicht Interessenskonflikte oder wird das der Stadt Elsterwerda zum Vorteil gereichen?

Heinrich: Wir arbeiten beide auf unterschiedlichsten Ebenen seit Jahren professionell miteinander und das wird auch künftig so sein.

 Wer Sie kennt, weiß: Sie kämpfen und können „beißen“: Wie wollen Sie die Balance zwischen Job und Privatem finden?

 Heinrich: Wir leben in einer so schönen, attraktiven Region inmitten des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft, haben ein wundervolles Angebot an Kultur, Unterhaltung und Sport – so findet sich immer eine spannende Möglichkeit, sich auch mal zu erholen oder sich inspirieren zu lassen – allein, als Familie oder mit Freunden, aber immer mit Hund.

Mit Anja Heinrich
sprach Frank Claus

Die CDU-Landtagsabgeordnete Anja Heinrich legt zum 31. Januar 2018 ihr Mandat im Landtag nieder und ist ab 1. Februar Bürgermeisterin der Stadt Elsterwerda.  Die RUNDSCHAU hat sie am Sonntag begleitet, als sie den Lionsclub Elsterwerda-Bad Liebenwerda durch den Landtag führte und die Umzugskisten zeigte.
Die CDU-Landtagsabgeordnete Anja Heinrich legt zum 31. Januar 2018 ihr Mandat im Landtag nieder und ist ab 1. Februar Bürgermeisterin der Stadt Elsterwerda. Die RUNDSCHAU hat sie am Sonntag begleitet, als sie den Lionsclub Elsterwerda-Bad Liebenwerda durch den Landtag führte und die Umzugskisten zeigte. FOTO: Frank Claus / LR
2014: Politisch ganz oben im Land: Die einstige Brandenburger CDU-Generalsekretärin Anja Heinrich (l.) mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem einstigen märkischen CDU-Landeschef Michael Schierack.
2014: Politisch ganz oben im Land: Die einstige Brandenburger CDU-Generalsekretärin Anja Heinrich (l.) mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem einstigen märkischen CDU-Landeschef Michael Schierack. FOTO: Michael Helbig/mih1
Ins kleine Landtagsbüro mit Nummer 3.022b R zieht nun Knut Große ein.
Ins kleine Landtagsbüro mit Nummer 3.022b R zieht nun Knut Große ein. FOTO: Frank Claus / LR