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| 16:34 Uhr

Neues aus dem künftigen Erfinderdorf
Alwine könnte zu einem Produktspielplatz für Firmen werden

Kaum zu glauben, aber die stark sanierungsbedürftigen Häuser in der Siedlung Alwine sollen mit den neuesten baulichen Innovationen ausgestattet werden.
Kaum zu glauben, aber die stark sanierungsbedürftigen Häuser in der Siedlung Alwine sollen mit den neuesten baulichen Innovationen ausgestattet werden. FOTO: LR / Manfred Feller
Domsdorf. Erfinderdorferfinder umwerben kreative Menschen und innovative Unternehmen rund ums Bauen, Wohnen und Gärtnern, um im Elbe-Elster-Kreis zu forschen und zu investieren. Von Manfred Feller

Seitdem die ehemalige Kohlearbeitersiedlung Alwine verkauft, wieder zurückgegeben und erneut versteigert worden war, ist es mit der Ruhe vorbei. Die verfallenen Häuser, lange vergessen und noch verträumt im idyllischen Grün gelegen, haben als „verkauftes Dorf“ bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.

An der Aufmerksamkeit soll sich nach dem Willen der Österreicher Gerhard Muthenthaler und Marijan Jordan sobald auch nichts ändern. Die beiden in Berlin tätigen Unternehmer sind vom neuen Eigentümer aus der Hauptstadt mit ins Boot geholt worden. Nun haben sie ihre Idee von einem Erfinderdorf in die Öffentlichkeit getragen. Aufmerksame Zuhörer im Zechensaal des technischen Denkmals Brikettfabrik Louise in Domsdorf waren unter anderem Einwohner, Kommunalpolitiker  und erneut Vertreter überregionaler Medien.

Geht es nach den beiden Wahl-Berlinern, dann werden Innovationen rund um das Bauen, Wohnen, die Wärmegewinnung, Energieerzeugung und den Gartenbau die Alwine zu einem supermodernen Ökodorf der Zukunft machen. Und mittendrin 15 Einwohner, die auf dem Boden kaputter Tatsachen in die Zukunft katapultiert werden sollen. Wird es am Ende ein belebter Marktplatz für bauliche und technische Innovationen? Vielleicht sogar ein Tummelplatz für Forscher und Firmen, ein Disneyland und Pilgerort für technikaffine Bauwillige? Noch schüttelt eine Zufahrt mit knöcheltiefen Löchern jeden Besucher zurück in die unsanierte Wirklichkeit.

Die Vorstellung des Projektes „Erfinderdorf“ findet bei den Domsdorfern, den Bewohnern von Alwine und bei überregionalen Medien reges Interesse.
Die Vorstellung des Projektes „Erfinderdorf“ findet bei den Domsdorfern, den Bewohnern von Alwine und bei überregionalen Medien reges Interesse. FOTO: LR / Manfred Feller

„Das Erfinderdorf Alwine wird keine Musterhaussiedlung, sondern ein lebendiges Dorf als Begegnungsstätte und Projektionsfläche für alles rund um die Themen Erfindung und Zukunft“, versprechen Jordan und Muthenthaler, die mit ihrer Firma jmw innovation GmbH Erfindern und Erfindungen marktunterstützend unter die Arme greifen, auf der frisch angelegten Internetseite www.erfinderdorf.de.

Dass in der Nähe der Brikettfabrik Louise Einmaliges entstehen könnte, hat sich dank der medialen Aufmerksamkeit herumgesprochen. „Wir haben Anfragen von Berlinern, die hierher wollen, weg aus der Stadt“, berichtet Gerhard Muthenthaler. „Aber der Platz hier ist begrenzt.“ Es darf leicht zurückgebaut, auch neu gebaut und begrenzt Gewerbe angesiedelt werden.

Firmen würden bereits Interesse zeigen. Der Österreicher sagt, wie er sich mit diesen frei nach dem Werbemotto „Costa fast gar nichts“ die Zusammenarbeit vorstellt: „Wir wollen Partner finden, die hier das Neueste investieren - ohne Geld als Gegenleistung. Dafür bieten wir mediales Interesse.“ Ob diese Rechnung aufgeht? „In drei Jahren soll das Erfinderische da sein“, ist Gerhard Muthenthaler überzeugt.

Bürgermeister Andreas Claus (l.) wirbt für die Region, bevor Gerhard Muthenthaler (2. v. l.) und Marijan Jordan (4. v. l.) sprechen.
Bürgermeister Andreas Claus (l.) wirbt für die Region, bevor Gerhard Muthenthaler (2. v. l.) und Marijan Jordan (4. v. l.) sprechen. FOTO: LR / Manfred Feller

Gleich zwei Firmenvertreter haben die Erfinderdorfmacher und der ebenfalls anwesende Eigentümer nach Domsdorf mitgebracht. Einer bietet eine nach eigenen Angaben wohnmedizinisch zertifizierte Fassadenbeschichtung an, die Dämm- eigenschaften erfüllen soll. Weil die Dämmlobby in Deutschland so stark sei, werde zunächst der Markt im fernen China bearbeitet, sagt er.

Alwine könnte auch alternativ mit Wärme versorgt werden und Elektroenergie selbst produzieren. Solarpaneele auf dem Dach seien von gestern. Werden es Fotovoltaikdachziegel sein? Oder Solarglas aus Asien? Bei Letzterem handelt es sich um zwei Schichten Verbundsicherheitsglas mit einer Solarbeschichtung dazwischen. Damit könne sogar im Schatten und bei Vollmond Energie erzeugt werden, versichert Kai Warther. Dieses bald in mehreren Farben erhältliche und nur teiltransparente Glas eigne sich als Terrassendach, Balkongeländer, Fassadenverkleidung oder Gestaltungselement im Freien, so der Geschäftsführer der Berliner Firma Sunglass-Solarterrassendach. Mit seinem Geschäftspartner Maoliang Wu hat er Produktbeispiele mitgebracht.

Demnach könne ein gläsernes Terrassendach von sechs mal vier Metern Fläche die Stromkosten eines Haushaltes um bis zu 60 Prozent reduzieren. Die Kosten samt Ständerbauwerk und Aufbau seien nicht höher als herkömmliche verglaste Terrassendächer. Nur werde hier der Mehrwert der Stromerzeugung geboten. „Uns interessiert das Projekt Erfinderdorf. Wir können uns vorstellen, in Alwine zu investieren, aber nicht unter allen Bedingungen“, hält sich Kai Warther noch zurück.

Während die optimistischen Ideengeber mit kommunaler Unterstützung das Dorf der Zukunft entwerfen, plagen sich Einwohner nach vielen Jahren des Stillstandes nach wie vor mit Grundlegendem herum, wie mit löchrigen Dächern. „Bei mir ist der Ofen kaputt, seit zwei Jahren“, sagt einer. Andere Wohnungen stehen leer, weil darin kein Mensch leben kann. Bei aller Erfinderei sollte die Lebensqualität nicht vergessen werden, ebenso die Daseinsvorsorge vom Bus bis zum Arzt, bleibt auch Pfarrer Michael Seifert ganz nah bei den elementaren Bedürfnissen der Menschen.

Die Macher versichern, dass zuerst die grundlegenden Bauprobleme gelöst werden. Alles werde mit den dort Lebenden geschehen. „Wenn ich die Bewohner gegen mich habe, habe ich die Medien gegen mich. Dann stirbt das Projekt“, sieht Gerhard Muthenthaler nur ein gemeinsames Handeln.

Können sich vorstellen, im Erfinderdorf Alwine Solarglas zur Stromerzeugung zu verbauen: der Chinese Maoliang Wu und Kai Warther aus Berlin.
Können sich vorstellen, im Erfinderdorf Alwine Solarglas zur Stromerzeugung zu verbauen: der Chinese Maoliang Wu und Kai Warther aus Berlin. FOTO: LR / Manfred Feller