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Als Geschosse über die Dächer von Hohenleipisch pfiffen

Der langjährige Vorsitzende des Fördervereins zur Sanierung der Kirche, Zahnarzt Detlef Bölke, verweist im Innern des Kirchturmes auf die Spuren des Granateinschlags vom 22. April 1945.
Der langjährige Vorsitzende des Fördervereins zur Sanierung der Kirche, Zahnarzt Detlef Bölke, verweist im Innern des Kirchturmes auf die Spuren des Granateinschlags vom 22. April 1945. FOTO: Veit Rösler/vrs1
Hohenleipisch. Vor 70 Jahren ist der Zweite Weltkrieg mit brutalster Härte auch über das Land zwischen Elbe und Elster gezogen. Unzählige Menschen haben ihr Leben verloren, Gebäude dem Erdboden gleich gemacht. Spuren des 22. April 1945 sind sogar heute noch vorhanden. vrs1

Das vor 70 Jahren Geschehene wird auch in Hohenleipisch noch immer von Mund zu Mund weitergegeben, vieles wurde in Chroniken aufgeschrieben oder muss zum Teil aufgearbeitet werden. Die Ruinen wurden beseitigt, es wieder aufgebaut, abgetragen, durch Neubauten ersetzt oder an ihrer Stelle wurde ein freier Platz gelassen. Und manche Zeugnisse sind heute noch vorhanden.

In der vom Hohenleipischer Ortschronisten Helmut Engelskircher zusammengestellten Ortschronik heißt es: "In der Nacht zum 22. April sind russische Panzer mit begleitender Artillerie in Richtung Plessa unterwegs. In Hohenleipisch schlief wohl niemand. Gegen 1 Uhr ertönt das Signal zu Sprengung der Muna (Munitionsanstalt). Schwere Detonationen sind zu hören. Dort ist die Hölle los, die Erde bebt. In einem schaurig schönen Schauspiel liegt die Kirche im Schein des aufsteigenden Feuers der Detonationen. Hell erleuchtet steigen die schwarzen Rauchwolken zum Nachthimmel empor."

Am Nordrand der Bunkeranlage werden fünf Doppelbunker und im vorderen Bereich Teile der Produktionsanlagen gesprengt. Ursprünglich standen hier 104 Bunker. Die Detonationen sind derart heftig, dass viele Gebäude im nördlichen Bereich von Hohenleipisch Risse bekommen. Einer der Bunker verschwindet nahezu vollkommen, von einem bleibt die Grundplatte erhalten, von einem stehen noch ein paar Wände. Bei zwei Bunkern ist die Decke verschwunden, die Eingangsportale stehen hier noch und ein Bunker ist nur zur Hälfte zerstört. Letzterer wurde später mit einer Mauer versehen und zu Zeiten der sowjetischen Besatzungsmacht nachgenutzt. Spuren der Sprengungen der Bunker sind bis heute erhalten.

Zu den letzten Detonationen aus Richtung Muna gesellten sich am Morgen des 22. April erste russische Artillerieeinschläge aus Richtung Döllingen. Plessa ist vollgestopft mit sowjetischen Fahrzeugen aller Art, Haus für Haus wird nach Wehrmachtsangehörigen, Uhren, Schnaps, Essbarem und Frauen durchsucht.

Auch ein Granateinschlag am Hohenleipischer Kirchturm ist noch erkennbar. Auch wenn von außen keine Schäden mehr zu sehen sind, im Innern sind noch immer die Spuren der Granate zu sehen, die den Turm am 22. April 1945 getroffen hatte. Als der Turm um 2004 umfangreich saniert worden ist, hat der damals agierende Förderverein unter dem Vorsitz von Detlef Bölke in Abstimmung mit der Kirchgemeinde die Einschlagstelle als geschichtliches Zeugnis offen gelassen. Das sagt die Ortschronik: "Am Morgen des 22. April 1945 beobachtet man in der Hohenleipischer Horst-Wessel-Straße (heute Siedlung) Ernst Thiemig, einen älteren Herren, mutig mit einem weißen Fähnlein in Richtung Döllinger Brücke abbiegen. Der erste sowjetische Spähtrupp, drei von Döllingen her kommende berittene Kosaken, verlangen von ihm auf der Brücke ,Schnaps und Uri'. Da Thiemig beides nicht hat, muss er seine fast neuen Lederstiefel gegen abgetragene Kosakenstiefel tauschen. Im Kauderwelsch der ,Kapitulationsverhandlungen' bekommt er zu verstehen, dass die Bevölkerung in den Häusern bleiben soll, das Dorf soll beschossen werden. Kurze Zeit später pfeifen die Geschosse über die Dächer." Unter dem Eindruck, selbst Ziel zu sein, überschlagen sich im Westen des Ortes die letzten Einwohner, um den Wald zu erreichen. Mit Pferdewagen, Handwagen, zu Fuß oder mit dem Rad, eben so gut es geht, versucht man, vor den sowjetischen Soldaten zu flüchten. Für andere werden angstvoll die Keller ihrer Häuser zur letzten Zufluchtsstätte. Beim Beschuss bekommt der Hohenleipischer Kirchturm neben der mittleren Schalluke der Ostseite einen Treffer ab.

Dabei muss mehrmals auf den Kirchturm geschossen worden sein, denn zeitgleich schlägt in gerader Linie hinter dem Kirchturm mehrere hundert Meter weiter eine Granate in der Küche des Wohnhauses ein. "Beim Einzug der roten Armee ist die Granate zum Küchenfenster rein und bis in den Keller vorgedrungen. Zum Glück ist sie nicht explodiert", erinnert sich Rosemarie Frank. Wird die Geschossbahn über den Kirchturm als eigentliches Ziel zurück verfolgt, muss das feuernde Geschütz am Anfang der Dresdener Straße mitten im Ortszentrum gestanden haben.

Bis in die neunziger Jahre war der zunächst grob verputzte Granateinschlag auch von außen zu sehen.