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Schweinepest
„Wenn sie ausbricht, stehen alle Kopf“

Afrikanische Schweinepest. Die Schilder dürften die meisten Kreise jetzt wohl vorhalten.
Afrikanische Schweinepest. Die Schilder dürften die meisten Kreise jetzt wohl vorhalten. FOTO: Frank Rumpenhorst / dpa
Bad Liebenwerda. Experten sind sich sicher: Die Afrikanische Schweinepest wird auch Deutschland erreichen, die Frage ist nur wann. Doch wie sind Agrarbetriebe auf eine Seuche vorbereitet? Von Frank Claus

Es ist irgendwie wie das Warten auf den großen Knall. Rumst es in wenigen Tagen, Wochen oder Monaten? Sicher scheint: Der Knall kommt unverhofft. Deutschlands Landwirte und mit ihnen Tierärzte, Veterinär- und Ordnungsämter liegen im Lauerzustand. Aufmerksam werden die tagaktuellen Karten und Zahlen, die das Friedrich-Loeffler-Institut zur Entwicklung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Europa herausgibt, verfolgt. Der Trend ist eindeutig: Die Seuche rückt näher an Deutschland heran, die Zahl der positiv getesteten Wildschweine nimmt zu.

Doch was passiert, wenn eine Tierseuche ausbricht? Was bedeutet das für den landwirtschaftlichen Betrieb? Kann man sich vorbereiten? Tierarzt Dr. Michael Kreher aus Bad Liebenwerda: „Wir spüren eine große Verunsicherung in den Betrieben. Überall hören wir, dass zu wenig Informationen darüber vorhanden seien, was passiert, wenn’s passiert.“

Der Kreisbauernverband Elbe-Elster und die Tierärztliche Gemeinschaftspraxis Dr. Kreher/ Dr. Stamnitz aus Bad Liebenwerda haben reagiert und in dieser Woche zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Das Interesse ist gewaltig. Nicht nur Zuhörer aus Brandenburg sind angereist, auch aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und sogar aus Niedersachsen kommen Gäste.

Die Afrikanische Schweinepest haben alle in einem landwirtschaftlichen Betrieb noch nicht erlebt, wohl aber kennen viele von ihnen Szenarien von anderen Seuchen.

Enrico Jahre aus der Agrofarm Goßmar (Landkreis Dahme-Spreewald) und Rainer Wendland aus der Landboden Agrar Bronkow (Oberspreewald-Lausitz) berichten sehr detailliert. In Goßmar mussten nach der Seuche BHV1 (Rinderherpes) 300 Rinder der Schlachtung zugeführt werden. Langfristige Quarantänemaßnahmen waren nötig. Der Schaden für den Betrieb war immens, wurde später teilweise reguliert.

Noch schlimmer die Situation in Bronkow: Dort mussten 1100 Schweine nach positivem Brucellose-Befund – eine auch auf den Menschen übertragbare Krankheit “ auf dem Betriebshof gekeult werden. „Das war ein emotionaler Ausnahmezustand“, sagt Rainer Landboden noch heute über die Tage im Juni 2017. Erst jetzt hat sich der Betrieb so langsam von den Konsequenzen der Seuche erholt, kann den eigenen betrieblichen Verwertungskreislauf wieder schließen.

„Ich weiß es noch genau. Es war an einem Freitag, als wir den positiven Laborbefund erhielten und zunächst nicht in die Anlage durften.“ Erst langsam drehte sich das Rad, um  der Seuche zu begegnen. Mitarbeiter im Urlaub, Ämter übers Wochenende schwer zu erreichen. Die Anlage, Teile des Dorfes wurden polizeilich abgeriegelt. Viele Fragen waren zu klären: Wer keult die Schweine, wo passiert das, wie werden die Tierkörper entsorgt? Sichtschutz war herzustellen. Auch, um sich vor „sensationsgeilen Fotografen mit ihren großen Objektiven“ abzuschotten. Schätzer mussten bestellt, die Tierseuchenkasse und Versicherungen informiert werden.

Über allem schwebte eine „Anordnung zum sofortigen Vollzug“. Rainer Wendland: „Heute weiß ich, das ist ein juristischer Begriff. Ich rate jedem, im Seuchenfall erst jeden Schritt sorgfältig zu durchdenken, alle Fragen abzuklären. Denn wenn gekeult werden muss, muss es schnell gehen.“

Es war eine außergewöhnliche Situation für alle Beteiligten, „eine seelische Belastungsprobe, die sich kaum jemand vorstellen kann. Da ist die ersten drei Stunden kein Wort gefallen. Am Ende haben mir die Mitarbeiter gesagt, dass diese Arbeit keiner noch mal macht und mich gefragt: Bei den Schweinen habt ihr Blutproben entnommen. Und wer kontrolliert uns jetzt? Haben wir uns trotz Schutzmaßnahmen angesteckt?“

Der Geschäftsführer berichtet: „Ich konnte damals nicht antworten, habe mir meine Informationen aus dem Internet geholt. Das Gesundheitsamt hatte damals versagt, war viel zu spät mit rausgekommen.“ Kurz danach waren alle Mitarbeiter untersucht worden. Infiziert hat sich niemand.

Als er seine Erinnerungen schildert, herrscht Totenstille im Raum. Aus Fehlern zu lernen, ist Sinn dieses Nachmittags. Brandenburg nehme die mögliche Seuche sehr ernst, heißt es gestern sowohl aus dem Justiz- als auch aus dem Landwirtschaftsministerium. In Ersterem ist der Verbraucherschutz angesiedelt. Das Land wolle zum Beispiel Unternehmen finden, die für die Keulung von Tieren eingesetzt werden können. Umfangreiche Maßnahmen seien eingeleitet, um den Wildschweinbestand zu dezimieren und schnell zu Laborbefunden von tot aufgefundenen Wildschweinen zu kommen. Der Tierseuchenbekämpfungsdienst des Landes werde um zwei Tierarztstellen verstärkt. Das Bundesministerium habe Radiospots in Osteuropa geschaltet, an Autobahnen gebe es großflächige Hinweisschilder.

Und trotzdem werden Landwirte und Tierärzte an diesem Tag das flaue Gefühl nicht los: „Wenn die Seuche ausbricht, stehen alle erst einmal Kopf.“