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"Abschaffung des Meisterzwangs war falsch"

Stefan Pilz, Axel Thomaß, Josef Poldrack, Lukas Ehlert und No Sang Ook (vordere Reihe von rechts) erhalten aus den Händen von Knut Deutscher, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (hinten, r.), und Bürgermeister Thomas Richter (hinten , l.) ihre Meisterbriefe überreicht. Der Anlass wird ebenso genutzt, um Matthias Voigt (l.) aus Bad Liebenwerda mit dem Silbernen Meisterbrief zu ehren.
Stefan Pilz, Axel Thomaß, Josef Poldrack, Lukas Ehlert und No Sang Ook (vordere Reihe von rechts) erhalten aus den Händen von Knut Deutscher, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (hinten, r.), und Bürgermeister Thomas Richter (hinten , l.) ihre Meisterbriefe überreicht. Der Anlass wird ebenso genutzt, um Matthias Voigt (l.) aus Bad Liebenwerda mit dem Silbernen Meisterbrief zu ehren. FOTO: Frank Claus
Bad Liebenwerda. Die Genugtuung ist den fünf Männern anzusehen: geschafft. Sie halten stolz ihre Meisterbriefe im Orgel- und Harmoniumbauerhandwerk in den Händen. Seit Jahrzehnten sind es wieder die ersten im Handwerkskammerbezirk Cottbus. Dass es gleich fünf sind, ist sogar deutschlandweit ein Novum. Frank Claus

Trefflicher hätte das Ambiente nicht gewählt werden können: Stefan Pilz aus Leipzig, Lucas Ehlert aus Markersbach, Axel Thomaß aus Finsterwalde, die allesamt im Mitteldeutschen Orgelbau A. Voigt in Bad Liebenwerda ihre Ausbildung genossen haben beziehungsweise im Betrieb angestellt sind, Josef Poldrack (Chemnitz), der als Selbstständiger eine Firma führt, und der Südkoreaner No Sang Ook, der im Orgelbau Eule in Bautzen beschäftigt ist, erhalten am Sonnabend im Kammermusiksaal der Südbrandenburgischen Orgelakademie in Bad Liebenwerda ihre Meisterurkunden überreicht.

Genau dort, wo bereits mehrere Orgeln unterschiedlicher Bauart aufgebaut sind und wo künftig Orgelgeschichte bewahrt, Orgelbaukunst und -musik gefördert werden sollen. An gleich vier Orgeln wird das feierliche Eröffnungsstück gespielt. Senior-Orgelbaumeister Dieter Voigt, seine Söhne Markus, Karsten und Schwiegertochter Dorothea zelebrieren die Vielfalt des Orgelklangs und werden von Henriette Barth an der Blockflöte und Axel Thomaß an der Posaune unterstützt.

Zauberhaft das Medley bekannter weihnachtlicher Weisen. Unzweifelhaft: Die Orgel ist die Königin der Instrumente. Viele Gäste im Musiksaal, unter ihnen Kurstadt-Bürgermeister Thomas Richter, die SPD-Landtagsabgeordnete Barbara Hackenschmidt, der ehemalige Präsident des Landesmusikrates Brandenburg, Prof. Dr. Martin Neumann, und auffallend viele Bad Liebenwerdaer Stadtverordnete, schließen die Augen, genießen und werden für einen Moment zurück in die Weihnachtszeit versetzt.

Nachdem Thomas Richter kurz in die Entstehung der Orgelakademie eingeführt hat, ergreift Knut Deutscher, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Cottbus, das Wort. Er stellt anknüpfend an die zuvor gespielten Weihnachtslieder fest: "Geschenkt worden ist den fünf Meisterprüflingen nichts." Höchste fachliche Eignung und theoretisches Wissen seien nötig gewesen, um die ausgewählten Prüfungsstücke zu fertigen oder zu restaurieren. In mehreren Fällen handelte es sich um Instrumente, an dem der Verfall teils weit vorangeschritten war. Von der Ibach-Orgel in Döblitz berichtet Josef Poldrack, dass Korrosion Metallteile zerfressen hatte, enorme Wasser- und Marderschäden zu verzeichnen gewesen seien und er bis zum Neuaufbau des Blasebalgs sämtliches Zubehör aufarbeitete beziehungsweise erneuerte. Auch Stefan Pilz, der die Eule-Orgel in der Kirche St. Afra in Meißen rekonstruierte und restaurierte, schlug zu Beginn die Hände über den jämmerlichen Zustand seines Prüfungsstücks über dem Kopf zusammen und hatte dennoch nur eins im Kopf: "Wie schön muss sie klingen, wenn alles wieder funktioniert." Er hat es geschafft wie auch die anderen jetzigen Meister. Der Südkoreaner No Sang Ook hat eine neue zweimanualige Orgel mit Pedal gebaut, die künftig in einem Kammermusiksaal seines Landes Platz finden soll. "Klassische Musik hat auch in Südkorea einen hohen Stellenwert. Es gibt viele Familien, die ein Klavier oder eine kleine Orgel in einem Musizierzimmer zu stehen haben", berichtet er.

Knut Deutscher, den nach eigenen Angaben die Orgel und die Handwerkskunst des Orgelbaus immer mehr faszinieren - "das muss wohl am zunehmenden Alter liegen" - wird dann auch deutlich: "Die Abschaffung des Meisterzwangs durch die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2004 war falsch." Er berichtet, dass Qualitätshandwerk bei Goldschmieden, Uhrmachern und Fliesenlegern "nicht mehr unbedingt gesichert" sei. Zudem würde nach verschiedenen Veröffentlichungen der Handwerkskammern in Deutschland die Abschaffung ein Fachkräfteproblem nach sich ziehen. Früher hätten Betriebe mit Meisterabschluss ausgebildet. Nach Beendigung der Lehre seien die Ausgebildeten dann über mehrere Jahre in der Firma verblieben. Inzwischen sei es im Fliesenlegergewerk oft so, dass die Betriebe bis zu 25 000 Euro in die Ausbildung investieren und die einstigen Azubis nach Abschluss der Lehre selbst Firmen eröffnen. Folge: Die Altmeister verlören die Lust, es werde immer weniger ausgebildet.

Matthias Schuke, Geschäftsführer der gleichnamigen Orgelbaufirma in Werder, würdigte die Vielfalt des Orgelbauhandwerks und gab den Jungmeistern einen Spruch mit auf den Weg, den er schon gehört habe, als er seinen Meisterbrief erhielt: "Ein Meisterwerk zu bauen, ist eine große Leistung, auf die ihr stolz sein könnt. Die Kunst und das Schwere ist es aber, dieses Niveau ein Leben lang halten zu können."