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"Aber wir haben überlebt"

Lorenzkirch. Heinz Mauer aus Elsterwerda-Biehla ist heute 79 Jahre alt. Doch an den heutigen 22. April vor 70 Jahren erinnert er sich ganz genau. Exakt an jenem Tag des Jahres 1945 war der damals Zehnjährige mit seiner Mutter auf der Flucht aus Elsterwerda. Die Szenen, die sich an der Pontonbrücke bei Lorenzkirch abspielten, hat er nie vergessen.

Auf dem Friedhof in dem kleinen Ort am rechten Elbufer in Grenznähe Sachsen - Brandenburg steht ein Gedenkstein. Die Inschrift weist daraufhin, dass weit über 100 Zivilpersonen - auch Frauen und Kinder sowie Soldaten - im April 1945 umgekommen sind. Viele von ihnen stammen aus Deutschland, Russland, Italien und Frankreich. Sie fanden auf dem Friedhof in einem Massengrab ihre letzte Ruhestätte.

"Haut ab"

Was geschah am 22. zum 23.April 1945 in Lorenzkirch? Der Straßenwart der Uferstraße in Elsterwerda rief die Leute zusammen. "Volksgenossen, der Russe ist schon in Cottbus oder gar in Senftenberg. Packt eure Handwagen und haut ab, sonst geht's nach Sibirien." "In Lorenzkirch ist eine Pontonbrücke, über der Elbe seit Ihr erst mal sicher, der Ami ist nicht so schlimm!"

Die Propaganda tat ihre Wirkung. Meine Mutter packte das Nötigste auf den Wagen. Mit uns gingen mein Freund Dieter Stephan mit Mutter und zahlreiche andere Leute aus der Straße, unter anderem Helga Thom, heute Frau Kästner (lebt noch in Elsterwerda). Am Nachmittag kamen wir an der Brücke an. Die sogenannten "Kettenhunde" (Feldgendamerie) standen davor und ließen nur Wehrmachtsangehörige, die sich auf dem Rückzug befanden und sich den Amerikanern ergeben wollten, über die Brücke. Rechts und links stauten sich die Zivilisten, alte Männer, Frauen, Kinder mit Hand- und Pferdewagen, Fahrrädern und Kinderwagen. Bewachte Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene waren auch zu sehen.

Panik an der Pontonbrücke

Es war inzwischen dunkel. Plötzlich knallten einzelne Schüsse von Strehla her. Es entstand eine unvorstellbare Panik an der Pontonbrücke. "Der Russe ist da - der Russe ist da" wurde gerufen. Das Gewehr- und Machinenpistolen-Feuer wurde immer heftiger, auch von der Lorenzkircher, also Russenseite. Vermutlich wollte eine Russenvorhut die Pontonbrücke im Handstreich erobern. Es gab kein Halten mehr, die Kettenhunde wurden überrannt oder waren irgendwie verschwunden. Militärfahrzeuge gaben Vollgas und überrollten Menschen, Handwagen und ähnliches wurden in die Elbe geschoben, da das Geländer teilweise wegbrach. Die Gefangenentrupps hatten aufeinmal keine Bewacher mehr. Jeder versucht, so schnell wie möglich auf und über die Brücke zu kommen.

Geschrei und Leuchtgeschosse

Gedränge - Geschrei, wer zu Boden fiel kam nicht mehr hoch. In der Dunkelheit waren die hellen Fäden der Leuchtspurgeschosse zu sehen. Auch wir waren auf der Brücke, fast in der Mitte, der Handwagen war weg. Vermutlich lag er schon in der Elbe. Meine Mutter hielt krampfhaft meine Hand fest. Eigentümlicherweise hatte ich keine Angst, war wohl noch zu jung um alles zu begreifen.

Plötzlich gab es einen fürchterlichen Donnerschlag und Stichflammen. Auf der Strehlaer Seite flog die Brücke in die Luft - vermutlich gesprengt von deutschen Pionieren aus Russenpanik. Die Panik wurde noch größer. Die Menschen drängten zurück, jetzt war totaler Stau auf der Brücke. Alles schrie und dazu das fürchterliche Schießen von beiden Seiten. Fahrzeuge, Pferdewagen und Menschen verkeilten sich auf der Brückenmitte. Dann flog sie auch noch auf der Lorenzkircher Seite in die Luft. Die Pontons samt Brückenbelag hatten nun keinen Halt mehr und langsam trieb die Brücke auseinander. Ein Soldat schrie uns an "Springt in den Ponton, schnell, schnell!"

Wir sprangen, es war nur einen Meter tief. Meine Mutter, ich und noch mehrere Personen sowie Soldaten hatten sich in den Ponton gerettet, wir trieben nun die Elbe abwärts. Der Lärm und das Schießen wurde immer leiser, zuletzt sahen wir nur einen Feuerschein. Nach der Elbbiegung nach Kreinitz zu herrschte eine Totenstille in inzwischen pechschwarzer Nacht. Trotzdem wir aus dem schlimmsten Chaos heraus waren, hatten wir alle noch große Angst und zitterten erst jetzt richtig am ganzem Leib. Fürs erste waren wir gerettet, doch wie weiter?

Im ausgestorbenen Dorf

Einzig die Soldaten waren recht guter Dinge. Sie meinten: "Für uns ist der Krieg Gott sei Dank vorbei." Plötzlich ein heftiger Stoß, der Ponton hing an einer Buhne fest. Keiner wusste, wo wir sind, am linken oder rechten Elbufer. Die Soldaten stiegen aus, um sich kundig zu machen. "Hier ist ein Dorf." Wir gingen ins Dorf hinein, alles war wie ausgestorben. Es war das Dorf Kreinitz (In Kreinitz befindet sich am Elbufer ein Gedenkstein "Treffpunkt Russen und Amerikaner"). Im Keller eines leeren Bauerngehöftes verbrachten wir den Rest der Nacht.

Mit Stern am Turm

Im Morgengrauen rumpelte es auf der Straße. Ich sah durch ein Kellerfenster, wie langsam ein kleiner Panzerspähwagen vorbeifuhr mit russischen Buchstaben und rotem Stern am Turm. An den Häuserwänden entlang schlichen russische Soldaten. Diese durchsuchten die Gehöfte und holten uns aus dem Keller. "Dawei, dawei ruki werch" (Schnell. Hände hoch).

Wir mussten uns alle an die Wand stellen. Männer und Soldaten auf die eine, Frauen und Kinder auf die andere Seite. Es wurde nach Waffen gesucht, keiner hatte eine. Wir dachten alle, unser letztes Stündlein hat geschlagen, aber keiner schrie und jammerte, es war muxmäuschenstill. Inzwischen schoss die Artillerie von Strehla her ins Dorf. Ein Russe bedeutete den Frauen und Kindern, mitzukommen, raus aus der Schusslinie ins Hinterland. Ich sah noch, wie ein sogenannter Panjewagen einen Volltreffer erhielt. Pferd und Wagen wurden durch die Luft gewirbelt.

Tanzende Zwangsarbeiter

Im Wald deutete der Russe nach Osten. Wir konnten gehen und gingen wieder in Richtung Elsterwerda, nach Hause - ohne Handwagen. (Später erfuhren wir, dass die Männer auf dem Brückenschlachtfeld aufräumen mussten - Leichen bergen und bestatten.)

Unser Weg führte uns zurück über Jacobstal und Lichtensee, an dem großen Gefangenenlager vorbei. Vor dem Tor standen russische Soldaten, hinter dem Tor noch die befreiten russischen Gefangenen und Zwangsarbeiter. Diese tanzten und sangen. Unser Weg führte über Gröditz und Prösen bis an den Park von Elsterwerda, die Pulznitzbrücke war gesprengt. Als wir dort sahen, das scheinbar Elsterwerda brannte und dicke Rauchwolken in den Himmel stiegen, waren wir zunächst hilflos, dazu lauter Gesang und Geschrei von der Obstweinkelterei Bodak von offenbar betrunkenen Russen.

Aus Angst gingen wir zurück nach Prösen-Waldfrieden und fanden irgendwo Unterkunft. Nach ein bis zwei Tagen versuchten wir erneut, nach Hause zu laufen. An der Pulsnitz hatten die Russen Pferde im Wasser stehen und über die Pferderücken Holzbohlen gelegt, damit die Soldaten trockenen Fußes auf die andere Seite kamen. Auch wir durften diesen Steg benutzen. Über die Elster kletterten wir über die gesprengte Bogenbrücke. Daneben hatten die Russen für ihre Fahrzeuge schon eine Behelfsbrücke aus Holz gebaut, die noch lange in Benutzung war.

Das Viertel am Markt zwischen Langestraße und Hauptstraße war abgebrannt, Rauch und Brandgeruch lagen noch in der Luft. Die Geschäfte von Schuhmacher Diekmann, Galle, Weinlokal Hempel, Grünwaren Linge, die Hutmacherei meiner Tante und Oma Mauer, Lebensmittel Trandorf und Stroh-Grödel alles Ruinen, auch das Nazi-Stammlokal Ecke Wiesenstraße waren völlig zerstört.

Zu Hause ein Lazarett

Wir gingen nun natürlich zu unserer Wohnung in der Uferstraße 13. Auf den Straßen selbst sahen wir kaum russische Soldaten, außer am Denkmalsplatz, wo sich im Europäischen Hof die Kommandantur befand. Auf der Grünfläche auf dem Platz sahen wir, dass Gräber für die toten Russen ausgehoben wurden. Als wir auf das Grundstück Uferstraße 13 wollten, war der Hof voller Russen. In dem Haus war ein russisches Lazerett eingerichtet (für alkoholvergiftete Soldaten). In der Nähe Heinrich-Heine-Straße in der ehemaligen Berufsschule (jetzt Kindergarten) befand sich ein Lazerett für deutsche Soldaten, dort lagen jetzt russische und deutsche Soldaten nebeneinander und wurden von deutschen und russischen Ärzten und Schwestern betreut.

Doch zurück: Ein russischer Offizier fragte uns, was wir hier wollen. "Wir wohnen hier." Der Offizier ließ einen Raum und eine Küche räumen. Helga Thom, meine Mutter und ich hatten nun eine Unterkunft. Auf die Anfrage des Offiziers, warum wir geflüchtet sind, antworteten wir: "Wegen der Fliegerangriffe." Er aber lächelte nur.

Täglich ein Brot

Helga und meine Mutter mussten nun täglich das Lazarett säubern, dafür bekamen wir täglich ein Brot und reichlich warmes Essen. Täglich starben Soldaten an Alkoholvergiftung. Nach 14 Tagen wurde das Lazarett aufgelöst. Alle Bewohner des Hauses, die Thoms, die Götzes trafen wieder ein. Es begann das große Aufräumen und Sortieren der noch vorhandenen Habseligkeiten.

Aber wir haben überlebt !