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| 18:15 Uhr

LR vor Ort in Neuburxdorf
Geplanter weiterer Kiesabbau erhitzt die Gemüter zusätzlich

 Das Interesse für die Kiesabbaupläne bei Altenau ist groß. Die Befürchtungen sind es ebenso. Von der Bank der ganz Mutigen in der ersten Reihe abgesehen, waren im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Neuburxdorf alle Plätze besetzt. Zwei Stunden dauerte die Info-Frage-Antwort-Runde.
Das Interesse für die Kiesabbaupläne bei Altenau ist groß. Die Befürchtungen sind es ebenso. Von der Bank der ganz Mutigen in der ersten Reihe abgesehen, waren im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Neuburxdorf alle Plätze besetzt. Zwei Stunden dauerte die Info-Frage-Antwort-Runde. FOTO: LR / Manfred Feller
Neuburxdorf. Die avisierte Erweiterung der Kiesförderung östlich von Altenau, der vorgesehene Bahnanschluss in Neuburxdorf und befürchteter zusätzlicher Lärm haben bei LR vor Ort für eine bestens besuchte Feuerwehrgarage gesorgt. Von Manfred Feller

Ob mit der geplanten Erweiterung des Kiestagebaus vom Unternehmen Berger Rohstoffe GmbH im Osten von Altenau oder ohne diese – der in der Bauwirtschaft heiß begehrte, weil qualitativ hochwertige Bodenschatz aus dem Südwesten von Elbe-Elster wird dort noch Jahrzehnte gefördert. Das lässt allein die aktuelle Genehmigungslage zu.

Wohl oder übel müssen die Nachbarn also miteinander auskommen. Und das über Generationen. Auf der einen Seite die Anrainer von Fichtenberg über Altenau bis Neuburxdorf-Siedlung und ­Neuburxdorf. In ihrer Heimat kehren zwei Unternehmen in der Landschaft sprichwörtlich das Unterste zuoberst. Bei LR vor Ort am Donnerstagabend im Gerätehaus der gastfreundlichen Freiwilligen Feuerwehr Neuburxdorf verlangten viele der annähernd 100 Anwesenden in der zweistündigen Informations-Frage-Antwort-Runde den Abbau vorhandener Beeinträchtigungen und möglichst keine neuen.

Auf der anderen Seite die Bergbaufirma Berger Rohstoffe GmbH. Sie plant eine Erweiterungsfläche und einen Gleisanschluss an das parallel verlaufende Gleis des Netzes der Deutschen Bahn AG. „Wir stehen zu unserer Verantwortung“, hat Matthias Neidhardt, Technischer Bereichsleiter Rohstoffe, den nicht zurückhaltenden Zuhörern ein ums andere Mal versichert und beschrieben, was alles zum Schutz von Mensch und Natur im Umfeld getan wurde und wird. Nur glauben die Betroffenen nach eigenem Bekunden aus ihrer bisherigen Erfahrung heraus nicht alles.

Die 2003 per Planfeststellungsbeschluss genehmigte Kiesabbaufläche umfasst 107 Hektar. Diese soll nach beiden Seiten auf insgesamt 250 Hektar ausgedehnt werden (zuzüglich der Sondernutzungsflächen). Gearbeitet wird keineswegs auf dem gesamten Areal. Das eigentliche Abbaufeld ist begrenzt. Ausgekieste Flächen werden verspült, rekultiviert und zum Beispiel wieder von der Landwirtschaft genutzt.

 Das aktuelle Abbaufeld der Berger Rohstoffe GmbH. Am Bildrand rechts unten - hier nicht zu sehen - schließt sich das Dorf Altenau an.
Das aktuelle Abbaufeld der Berger Rohstoffe GmbH. Am Bildrand rechts unten - hier nicht zu sehen - schließt sich das Dorf Altenau an. FOTO: LR / Jens Berger

Vorgesehen ist, dass das aktuelle Westfeld am Rande von Altenau bis zum Weg, der als Damm stehen bleibt (siehe Grafik), komplett verfüllt wird. Aus dem Ostfeld entsteht aufgrund des Massendefizites irgendwann in ferner Zukunft ein Tagebaurestsee, wie die Bergleute sagen.

Um den avisierten Jahresabsatz von einer Million Tonnen Kiese zu erreichen, müssen 1,75 Millionen Tonnen Material bewegt werden. Was nicht gebraucht wird, wird zum Verfüllen verwandt.

Nach Angaben des Unternehmens hat die geplante Erweiterung einige Vorteile: Das Wegenetz bleibe bestehen. Die Transporte werden zum überwiegenden Teil auf die Schiene verlagert. Die Produktion erfolgt in zunehmender Entfernung von der Ortslage Altenau. Auf eine Teilabbaufläche werde wegen des zu geringen Abstandes zum Dorf verzichtet (siehe Grafik). Neben den aktuell 23 Beschäftigten sei mit weiteren Arbeitsplätzen zu rechnen. „Sie planen mit Land, das Ihnen nicht gehört“, warnt Hans-Joachim Harnack, Ortsvorsteher in Neuburxdorf, vor zu schnellem Handeln. Zudem sollen für das zu erweiternde Abbaufeld 13,5 Hektar gestandener Wald abgeholzt werden.

 Die Grafik zeigt das genehmigte Kies-Abbaufeld und die Erweiterungspläne mit dem umstrittenen Gleisanschluss.
Die Grafik zeigt das genehmigte Kies-Abbaufeld und die Erweiterungspläne mit dem umstrittenen Gleisanschluss. FOTO: GLU Geologische Landesuntersuchung GmbH Freiberg/ Bearbeitung: Lehmann/lr

Der öffentlich ausgelegte Rahmenbetriebsplan, zu dem es 40 private Einwände gegeben habe, beinhalte unter anderem Lärm- und Staubprognose, das Rekultivierungskonzept und die Umweltverträglichkeit. Die Erörterung der Einwände, darauf warten die Kritiker des Erweiterungsprojektes, solle noch in diesem Jahr stattfinden.

In mehrerlei Hinsicht ein Streitfall ist der vorgesehene Gleisanschluss an das Netz der Deutschen Bahn. Der Schienenstrang soll am Tagebau beginnen und 6,2 Kilometer parallel zur vorhandenen Strecke führen, um in Neuburxdorf in das Netz der Deutschen Bahn eingebunden zu werden. Mit dem genehmigten vorzeitigen Beginn hatten diese Arbeiten bereits begonnen.

Das wiederum bringt die Landwirte auf die Palme, über deren Acker der Schienenstrang führen soll. Uve Gliemann, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Mühlberg, ist wegen des Flächenverbrauchs gegen den Gleisanschluss. Er verweist auf rechtlichen Beistand. „Wir werden diese Meinung auch nicht ändern“, kündigt er unter dem Beifall der Einwohner an.

 Auf die Fragen der Einwohner antworteten (v. l.): Hannelore Brendel, Bürgermeisterin in Mühlberg; Susann Kirst, Koordinatorin der Kurstadtregion aus Bad Liebenwerda; Martin Kirschner, Berger Rohstoffe GmbH; Tobias Weber, Berger Rohstoffe GmbH, Jürgen Heinrich, Projektleiter GLU Geologische Landesuntersuchung GmbH Freiberg, und Matthias Neidhardt, Berger Rohstoffe GmbH.
Auf die Fragen der Einwohner antworteten (v. l.): Hannelore Brendel, Bürgermeisterin in Mühlberg; Susann Kirst, Koordinatorin der Kurstadtregion aus Bad Liebenwerda; Martin Kirschner, Berger Rohstoffe GmbH; Tobias Weber, Berger Rohstoffe GmbH, Jürgen Heinrich, Projektleiter GLU Geologische Landesuntersuchung GmbH Freiberg, und Matthias Neidhardt, Berger Rohstoffe GmbH. FOTO: LR / Manfred Feller

Das Bergbauunternehmen hält dagegen, dass bisher jedes Jahr Hunderttausende Tonnen Kies per Lastwagen durch das Land gefahren wurden. Unter den Schwertransporten leiden Straßen und deren Anwohner. Künftig, so Bereichsleiter Matthias Neidhardt, solle per Lkw nur noch die lokale und regionale Kundschaft bedient werden. Das Gros rolle auf der wirtschaftlicheren Schiene davon.

„Wo sind denn die Abnehmer?“, möchte RUNDSCHAU-Reporter Frank Claus als Moderator des von beiden Seiten diszipliniert und sachlich geführten Dialogs wissen. Laut Matthias Neidhardt werden damit vornehmlich die Mischwerke der Berger-Gruppe (mit Sitz in Passau) in Berlin und Brandenburg bedient. Der Bauboom, vor allem in der Hauptstadt, sei ungebrochen. „Aus dem Naturprodukt machen wir im Werk DIN-Produkte von hoher Qualität“, sagt der Technische Bereichsleiter Rohstoffe. Von der Förderung bei Altenau hängen allein in den Firmen der Berger-Gruppe in Berlin, Brandenburg und Sachsen mehr als 400 Arbeitsplätze ab, ergänzt Martin Kirschner vom Unternehmen.

Unmut gegen das Anschlussgleis regt sich vor allem in der Siedlung und in Neuburxdorf selbst. Befürchtet werden neben dem Hauptgleis der Bahn zusätzlicher Lärm und Erschütterungen. Schon jetzt würden Häuser Risse aufweisen. Von Wertverlust ist die Rede in der Runde und von notwendigen Lärmschutzmaßnahmen.

Die Gegenseite verweist auf die Lärmprognose. Demnach würden alle Werte eingehalten. Während auf der Hauptstrecke die Züge mit Tempo 100 und mehr vorbeirauschen würden, sollen die Kiestransporte nur 20 km/h langsam sein. „Das ist wie eine verkehrsberuhigte Zone im Straßenverkehr“, versucht Matthias Neidhardt die Wogen zu glätten. Die Rede ist von maximal sechs Zügen, die an einem Tag auf die Reise geschickt werden sollen. Maximal sechs leere Züge kämen aber auch wieder zurück, heißt es als Reaktion. „Wenn ein Kieszug fährt, dann ist das wie ein mittleres Erdbeben“, moniert einer. Diesen könne man nicht mit den modernen, leiseren anderen Güterzügen vergleichen. Laut dem Unternehmen sollen bis hin zum Rangieren perspektivisch nur noch E-Loks fahren.

 Bekenntnis in Orange: Die Bürgerinitiative lässt keinen Zweifel daran, dass sie weiterhin für die Interessen der Anrainer der Kiestagebaue im Raum Mühlberg eintreten wird.
Bekenntnis in Orange: Die Bürgerinitiative lässt keinen Zweifel daran, dass sie weiterhin für die Interessen der Anrainer der Kiestagebaue im Raum Mühlberg eintreten wird. FOTO: LR / Manfred Feller

Susann Kirst als Vertreterin des Bad Liebenwerdaer Bürgermeisters stimmt in einem Punkt den Kritikern zu: „Einige Anlieger brauchen zusätzlichen Lärmschutz.“ Ansonsten verweist sie darauf, dass nach ihrer Kenntnis südlich von Neuburxdorf die erste betriebliche Anschlussbahn im Osten seit der Wende entstehen soll. Bisher wurde nur zurückgebaut. „Wir bauen darauf, dass sich der Lkw-Verkehr deutlich reduzieren wird“, sagt sie weiter.

Falls das Anschlussgleis gebaut wird, gibt es zwischen der Siedlung und Neuburxdorf zwei Bahnübergänge: den vorhandenen der Deutschen Bahn und nur ungefähr 50 Meter weiter den des Kieswerkes. Damit das Hupen entfällt, erhalte dieser Halbschranken und Blinklicht.

„Manchmal denkt man, Mühlberg brennt“, wirft eine Einwohnerin in die Runde. Sie meint damit die zeitweise Staubbelastung und spricht auch das Grundwasserproblem an. Dieses werde durch die Trockenheit noch verstärkt. Der Wasserspiegel in Brunnen liege heute sechs bis acht Meter tiefer. Ein anderer bemerkt, dass Teiche und Wasserstellen für Wildtiere teilweise beziehungsweise ganz ausgetrocknet sind. Daran hätten die Kiestagebaue zweier Firmen ihren Anteil.

Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel bestätigt: „Ein Wassereingriff ist da.“ Die Verwaltung erwarte im nächsten Monat die in Auftrag gegebene Studie zum Einfluss des Kiesabbaus auf das Grundwasser.

 Der Kiestagebau der Berger Rohstoffe GmbH bei Altenau (im Hintergrund). Die Erweiterung der Gewinnungsfläche ist beiderseits des bislang genehmigten Abbaugebietes vorgesehen.
Der Kiestagebau der Berger Rohstoffe GmbH bei Altenau (im Hintergrund). Die Erweiterung der Gewinnungsfläche ist beiderseits des bislang genehmigten Abbaugebietes vorgesehen. FOTO: LR / Jens Berger

Befürchtet wird in der Runde, dass im Falle einer Insolvenz die Allgemeinheit auf den Hinterlassenschaften des Kiesabbaus sitzenbleibt. Dem sei nicht so, heißt es. Es seien Bankbürgschaften hinterlegt.

Wie die vom Kiesbergbau schrittweise wieder zurückgegebenen Flächen aussehen könnten, das beinhaltet laut Hannelore Brendel das Strukturentwicklungskonzept. Darin eingeflossen seien auch Ideen der Bürger.

Ein Eindruck nach LR vor Ort steht: Die Einwohner der betroffenen Orte, allen voran die Bürgerinitiative „Für eine Heimat mit Zukunft“, bleiben an allen Problemfeldern dran.

Die Bürgerinitiative lädt an diesem Sonntag um 11 Uhr in die Kulturscheune Neuburxdorf ein. Eine Rechtsanwältin, die bereits Naturschutzverbände, Kommunen und Bürgerinitiativen vertreten hat, beleuchtet zurückliegende Klagen im Zusammenhang mit der Rohstoffgewinnung in Deutschland.