Es ist 6.30 Uhr am Bahnhof Elsterwerda. Der IC aus Richtung Dresden rollt pünktlich ein und fährt 6.33 Uhr pünktlich ab. Heute zum letzten Mal. Ab morgen müssen die Berlin-Pendler aus dem Elbe-Elster-Land und alle die, die in diesen und weitere Züge auf dieser Strecke tagsüber zusteigen, auf andere Verbindungen ausweichen. Die Bahn hat mehrere Alternativen aufgelegt: Expressbusse, Busersatzverkehr und Umfahrungsmöglichkeiten mit Zügen. In zahlreichen Fällen wird die Fahrtzeit nur unwesentlich länger.

Um die Frühpendler aus Elsterwerda trotz Sperrung schnell nach Berlin zu bringen, wird die Bahn bis auf Weiteres von Montag bis Samstag den IC 2078 aus Dresden um 7.05 Uhr auch in Falkenberg halten lassen. Dieser IC ist durch Reisende aus Elsterwerda mit der S-Bahn, Abfahrt um 6.24 Uhr ab Elsterwerda/Biehla, bequem erreichbar. Das gelingt aber nur mit diesem Zug, da er "im Unterschied zu anderen auf dieser Strecke verkehrenden Fernzügen mit maximal sechs Wagen unterwegs ist und damit in Falkenberg halten kann. Andere Fernzüge können dort aufgrund der Zuglänge nicht halten", so ein Bahn-Sprecher.

Das ist vor allem für die Rückfahrt ab Berlin, die in vielen Fällen deutlich länger dauert, ärgerlich. Im Zweistundentakt werden Busse von Wünsdorf/Waldstadt nach Elsterwerda und Doberlug verkehren. Zudem gibt es Direktbusse zwischen Berlin Südkreuz/Schönefeld Flughafen und Luckau-Uckro mit Unterwegshalt nur am Busbahnhof Luckau.

Auf die Busse setzt Sandy Pobig, die im Bahnhof Elsterwerda das SnackEck betreibt. "Kommen da keine Leute mit, kann ich mein Geschäft zuschließen", ist sie noch skeptisch. Denn nur von den Dresden-Fahrern ab Elsterwerda könne sie nicht leben.

Von der Baumaßnahme profitieren Reisende aus Bad Liebenwerda, Falkenberg und Herzberg, die mit der günstigsten Verbindung (Abfahrt in Biehla) in zwei Stunden und zwölf Minuten am Berliner Hauptbahnhof sind. Der Zug in Richtung Berlin-Stralsund wird auf diese Strecke gelegt.

Für die Bahn gehört der Ausbau der Strecke, die auf einem der neun transeuropäischen Korridore liegt, zu den besonders wichtigen Projekten. Im Jahr 2025 sollen Reisende zwischen der Spree- und der Elbmetropole nur noch 80 Minuten Fahrtzeit benötigen. Doch das passiert erst nach Ausbau der sogenannten "Dresdner Bahn" in Berlin. Bis dahin geht es in kleinen Schritten weiter. Ab Dezember 2017 soll sich die Fahrzeit zwischen den Hauptbahnhöfen in Berlin und Dresden um neun Minuten auf eine Stunde und 47 Minuten verkürzen. Nach Inbetriebnahme des europäischen Zugbeeinflussungssystems soll sich die Reise weitere fünf Minuten schneller gehen - eine Stunde und 42 Minuten sind das Ziel.

Bis dahin muss aber erst mal richtig rangeklotzt werden. Fast 90 000 Schwellen, 121 Kilometer Schienen, Hunderte Kilometer Kabel müssen verlegt werden. 1800 Oberleitungsmasten werden aufgestellt. Etwa 840 000 Kubikmeter Erdstoffe werden bewegt. Auf Eisenbahnwaggons beladen, würde das einen Zug von Blankenfelde südlich Berlins bis zur Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen ergeben. 21 Bahnübergänge werden durch Brücken oder Tunnel ersetzt. Fast wäre die Säge da noch mal ins Klemmen geraten. Im Abschnitt zwischen Doberlug-Kirchhain und Rückersdorf hatte ein Flächeneigentümer gegen den Planfeststellungsbeschluss geklagt. Der Neubau einer Brücke wäre gescheitert. Kurz vorm Baustart habe man sich mit dem Mann außergerichtlich einigen können, so DB-Projektkoordinator Michael Bung.

Für ihn beginnt am Freitag eine ganz heiße Phase. Das Außerbetriebnehmen der Strecke heißt nämlich nicht nur, einen Schalter umzulegen. Minutiös abgestimmt werden Oberleitungen abgeschaltet, Teile von Stellwerken außer Dienst gestellt, Schalter gegen versehentliche Bedienung gesichert. Die Baufahrzeuge auf der Strecke dürfen erst ab Montag ran, wenn eine Abschlussabnahme auf allen Stellwerken stattgefunden hat.

Apropos Stellwerk: Auf zweien versehen heute Stellwerker das letzte Mal ihren Dienst - in Walddrehna und in Rückersdorf. Die Schaltstationen werden stillgelegt. Damit geht jahrzehntelange Bahngeschichte vom Netz. Zwischen Walddrehna und Rückersdorf werden ab Montag schon Gleise entfernt, bei Hohenleipisch beginnt der erste Brückenbau, zwischen Neuhof und Walddrehna sollen zuerst die alten Oberleitungsmasten entfernt und neue gestellt werden.