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| 19:52 Uhr

Potsdam/Lausitz
Für einen Euro pro Tag in den Zug

 Vorschlag mit Nachhall: Berlins Bürgermeister Michael Müller erntete geteilte Meinungen für sein 365-Euro-Ticket.
Vorschlag mit Nachhall: Berlins Bürgermeister Michael Müller erntete geteilte Meinungen für sein 365-Euro-Ticket. FOTO: LR / Frank Claus
Potsdam/Lausitz. Ein 365-Euro-Ticket für Berlin-Brandenburg? Der Vorschlag des Berliner Bürgermeisters Michael Müller stößt in der Region auf Kritik. Vor allem die Finanzierung ist unklar. Ein Landkreis bezieht dazu eine deutliche Position.

Der Vorschlag des Regierenden Berliner Bürgermeisters Michael Müller (SPD), ein 365 Euro teures Jahresticket für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nach dem Vorbild Wiens in Berlin-Brandenburg einzuführen, hat zwar nicht gleich die Schienen verbogen, aber für heftiges Ruckeln im Gleisbett von Politik und verkehrspolitischen Gremien gesorgt.

Der Ausgangspunkt: 365-Euro-Jahresticket. Immerhin würde sich mit diesem Vorstoß der Preis der Umweltkarte von gegenwärtig 976 Euro im Tarifgebiet ABC mehr als halbieren. Bleibt die Frage, wer die Lücke zahlt.

Brandenburg drückt bei 365-Euro-Ticket auf die Bremse

Nach gut einer Woche Diskussion hält das Brandenburger Verkehrsministerium jedenfalls nichts von Schnellzugtempo in dieser Debatte. Während Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) immerhin noch von „einer interessanten Idee“ spricht, klingt eine knappe Pressemitteilung aus dem zuständigen Ressort so als wäre zwischendrin nicht mal ein Signal angegangen: Berlin und Brandenburg seien „sich einig, das Angebot im ÖPNV weiter zu verbessern, um eine klima- und umweltfreundliche, bezahlbare Mobilität in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg zu stärken.“

Dabei gehe es um „mehr Züge, mehr Infrastruktur, eine bessere Taktung und mehr Qualität“. Auch die Tarifangebote seien weiter zu entwickeln. Mit den verbundweiten Tarifangeboten VBB-Firmenticket und VBB-Abo-Azubiticket habe man „wichtige Meilensteine“ geschaffen.

VBB bei 365-Euro-Ticket gegen isoliertes Vorgehen

Ähnlich klingen die Reaktionen vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), dessen Gesellschafter die Bundesländer Berlin und Brandenburg sowie die 14 Landkreise und vier kreisfreien Städte in Brandenburg sind.

Geschäftsführerin Susanne Henckel erklärt: „Rahmenbedingungen zur Einführung eines VBB-365-Euro-Tickets werden mit den Ländern Berlin und Brandenburg und den 38 Verkehrsunternehmen im VBB abgestimmt und beschlossen. Eine Lösung nur für Berlin kann nicht isoliert betrachtet werden, denn sie hat auch Auswirkungen auf die Fahrgäste in Brandenburg.“

Ein VBB-365-Euro-Ticket für Berlin bedeute erhebliche jährliche Mindereinnahmen bei der BVG, bei S-Bahn, DB Regio, Odeg, NEB, Havelbus und den weiteren Verkehrsunternehmen, die in Berlin unterwegs sind. Dazu bedürfe es eines finanziellen Ausgleichs in Höhe mehrerer Millionen Euro durch die öffentliche Hand.

Einnahmeverluste durch 365-Euro-Ticket müssen ausgeglichen werden

In einer gemeinsam erarbeiteten Stellungnahme der Landkreise Spree-Neiße, Dahme-Spreewald, Oberspreewald-Lausitz und der Stadt Cottbus, die auch der Landkreis Elbe-Elster in seiner Erklärung teilt, setzen diese Gesellschafter zunächst auch auf vertiefende Beratungen. Sie warnen aber auch aus der Fläche: „Soweit bekannt, bezieht sich der Berliner Vorschlag zunächst nur auf den begrenzten Tarifbereich Berlin AB und ist noch nicht gegenfinanziert.

Konkret stehen bisherigen Einnahmen von mindestens 728 Euro nunmehr 365 Euro gegenüber − diese Einnahmeverluste müssten ausgeglichen werden.“ Es dürfe, so heißt es aus Südbrandenburg, „vermutet werden, dass in einem Verbund auch Brandenburger Aufgabenträger und Verkehrsunternehmen unter Handlungsdruck geraten und reagieren müssen“.

Die Gesellschafter rechnen vor: Bei einer verbundweiten Gültigkeit (nach Vorbild der Azubis) von knapp 2000 Euro (1954 Euro: Jahresticket VBB-Umweltkarte Gesamtnetz) gäbe es einen „entsprechend größeren Kompensationsbedarf in Millionenhöhe“. Dazu seien die unterschiedlichen Wirkungen im berlinnahen und berlinfernen Raum zu betrachten.

 Das alles koste am Ende erhebliches Geld: „Ob der Einsatz beziehungsweise die Umschichtung von ÖPNV-Mit­teln in dieser Größenordnung und die Finanzierung von massivem Angebots- und Infrastrukturausbau in Berlin oder gegebenenfalls im Verbund umsetzbar ist“, müsse sorgfältig geprüft werden.

Elbe-Elster lehnt bei 365-Euro-Ticket Querfinanzierung ab

Elbe-Elster positioniert sich in seiner Stellungnahme deutlich: Der Landkreis lehne Ideen zur Einführung einer „dritten Finanzierungssäule, wonach auch andere Gruppen, zum Beispiel Autofahrer zur Finanzierung des ÖPNV herangezogen werden, strikt ab.

Eine sogenannte Flatrate nützt den Menschen in unserer Region nicht viel, wenn das dazugehörige Angebot fehlt.“ Vor diesem Hintergrund sei es den Menschen in Elbe-Elster „auch nicht zu vermitteln, dass sie über höhere Abgaben möglichst geringe Beförderungsentgelte im großstädtischen Raum finanzieren sollen“.

Am Ende bliebe noch der Praxistest: Fraglich sei, so die Gesellschafter aus Südbrandenburg, „wie stark überlastete Hauptverbindungen die erhofften Fahrgastzuwächse bewältigen sollen“.

Für VDV ist Angebot und Qualität entscheident

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) äußert in der 365-Euro-Ticket-Debatte, „dass der Preis, vor allem für viele Autofahrer, nicht das entscheidende Kriterium für den Umstieg auf den umweltfreundlichen Nahverkehr ist“. Flexibilität, Schnelligkeit und Komfort seien eher die Faktoren bei der Verkehrsmittelwahl.

„Wenn mehr Menschen Busse und Bahnen nutzen sollen, dann müsste zuerst das Angebot und die Qualität im ÖPNV deutlich verbessert werden.“ Das bedeute vor allem moderne und mehr Fahrzeuge, Ausbau und Modernisierung des Streckennetzes, ausreichende Kapazitäten, das heißt höhere Taktung von Bussen und Bahnen, mehr Personal etc.

 Die Ticketeinnahmen, so die stellvertretende Pressesprecherin Rahime Algan, „leisten einen wichtigen Beitrag für das ÖPNV-System. Wenn diese Einnahmen durch verbilligte Fahrpreise einbrechen, muss das durch andere Einnahmequellen aufgefangen werden – entweder durch den Steuerzahler oder durch andere Abgaben, die dann in den ÖPNV fließen müssen.“

 Mit Blick auf den ländlichen Raum sei vor allem ein deutlicher Ausbau des Schienennetzes erforderlich. Der VDV habe Ende Mai gemeinsam mit der Allianz pro Schiene ein Gutachten mit einer deutschlandweiten Liste mit stillgelegten Bahnstrecken vorgestellt, die wieder reaktiviert werden könnten (insgesamt 3000 Kilometer Streckennetz), um Verkehrswege zu entlasten, den ländlichen Raum attraktiver zu machen und vor allem den Umstieg von Pendlern auf die Schiene zu fördern.

 Vorschlag mit Nachhall: Berlins Bürgermeister Michael Müller erntete geteilte Meinungen für sein 365-Euro-Ticket.
Vorschlag mit Nachhall: Berlins Bürgermeister Michael Müller erntete geteilte Meinungen für sein 365-Euro-Ticket. FOTO: LR / Frank Claus