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| 05:40 Uhr

„fontane 200“
Das vergiftete Land noch nicht aufgegeben

 Mandy Partzsch und Micha Winkler während der musikalischen Lesung.
Mandy Partzsch und Micha Winkler während der musikalischen Lesung. FOTO: Jürgen Weser
Mühlberg. Paul Böckelmanns Kunstprojekt in Altenau glänzt mit einer Lesung, Musik und einer Ausstellung. Von Jürgen Weser

„Er war nie hier?“ Ein Kunstprojekt zu „fontane 200“ von Paul Böckelmann gab es am Sonntag in den Ateliers & Galerie „Altenau 04“. Der streitbare Künstler hatte seit einem Jahr dieses Projekt vorbereitet. Das zahlreiche Publikum im ehemaligen alten Pfarrhaus konnte die malerische Antwort auf die Frage Böckelmanns in der Galerie an seinen seriellen Arbeiten zur Landschaft betrachten. Dazu vermittelte eine Lesung von Mandy Partzsch, musikalisch zugespitzt von Micha Winkler Kerngedanken und Auffassungen von Böckelmann. In zwei Bänden hat er den Bezug Fontane – Gegenwart und Landschaft umfangreich dargelegt und mit eigenen Texten, Zeitungsbeiträgen, anderen Meinungen und Bildmaterial, sowohl fiktiv als Malereien als real mit Fotografien, dokumentiert.

„Natürlich war Fontane kurz hier, also in Mühlberg als Taufpate“, weiß Paul Böckelmann, aber darum gehe es nicht. „Er hat die Umwelt wohl kaum wahrgenommen“ bei der Stippvisite als junger Mann und nicht die Frage gestellt, ob es hier lebenswert sei. Genau diese Frage stellt Böckelmann auf die Gegenwart bezogen in seiner ungeschönten und zugespitzten Art. „Meine Frau und Künstlerin E.R.N.A. und mein ‚Ich’ haben die Umwelt seit Jahren mit allen Schönheiten und Grausamkeiten wahrgenommen.“ Für das Altenauer Künstlerpaar ist das Kunstprojekt, das in zwei Bänden festgehalten ist, vor dem Hintergrund der großflächigen Kiesproduktion vor ihrer Haustür, zu der sie Position beziehen, und der damit verbundenen Probleme entstanden.

Die vorzüglich inszenierte Lesung beginnt mit einem fröhlichen musikalischen Entree, wird aber schnell konterkariert durch die Beobachtungen der „Ichs“ des Künstlers und Spaziergängers Böckelmann. So erlebt er neben einer schönen Gartenlandschaft in unmittelbarer Nähe und einer Seenlandschaft in der weiteren Region vor Ort vor allem „wirtschaftliches Effizienzdenken“, welches „Landschaft ausbeute, öde Auen, abgestorbene Pappeln und darbende Streifen an Pflanzen“ erzeuge. Diese Auen und Wälder und die nicht mehr vorhandenen Wespen säumen auf Bildern von Paul Böckelmann die Wände der Galerie als Bestätigung der vorgetragenen Texte.

 Beifall auch für Paul Böckelmann (hinten stehend) nach der Lesung.
Beifall auch für Paul Böckelmann (hinten stehend) nach der Lesung. FOTO: Jürgen Weser

Sprachlich zupackend und klar sind die Texte, wenn Mandy Partzsch von der verlassenen Furche erzählt, die uns das Fürchten lehren wird und die Hilferufe der Posaune, die den Zuhörer über Müll und Schrott statt Stock und Stein führen. Aber, so Böckelmanns Text: „Die Maus hat das vergiftete Land noch nicht aufgegeben und der apfelsinenrote Himmel auch nicht.“

Und der Mensch? Böckelmann warnt vor des Volkes Meinung, die in der Kneipe die Demokratie auf den Tisch haut und schwarze Gedanken der „Blauen“ in die Welt kriechen lässt. Dazu gibt die schelmische Posaune ihre Meinung im Namen Paul Böckelmanns ab. Natürlich zeigt das Kunstprojekt trotz aller Kritik am Zeitgeist, an „Kriecher mit gebrochenem Rückgrat“ und an selbsternannte „Verkündiger“ auch Optimistisches. „Der Mensch schafft das Überleben!“

Die Besucher der Veranstaltung beklatschen eine beeindruckende Leistung des Text- und Bildautors Paul Böckelmann und eine großartige Interpretation durch die Dresdener Schauspielerin Mandy Partzsch und den Musiker Micha Winkler, die unter anderem im „Dresdner Friedrichstadtpalast“ gemeinsam auftreten. Auch ohne die Lesung ist der Besuch der Ausstellung ein Erlebnis.

Die Bücher zu „Er war nie hier?“ können als pdf geordert werden.