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| 14:42 Uhr

21. Internationales Puppentheaterfestival im Elbe-Elster-Land
Puppen und Papier in Kraupa

 Das war eine besondere Aufführung in Kraupa: Das noch um 1900 mit Menschen gespielte Theaterstück „Nur ein Musikant“ wurde als Marionettentheater aufgeführt. Umgesetzt haben dies Uwe Dombrowsky und seine Schwester Kerstin Wilhelm.
Das war eine besondere Aufführung in Kraupa: Das noch um 1900 mit Menschen gespielte Theaterstück „Nur ein Musikant“ wurde als Marionettentheater aufgeführt. Umgesetzt haben dies Uwe Dombrowsky und seine Schwester Kerstin Wilhelm. FOTO: VRS
Kraupa. Das Internationale Puppentheaterfestival ist an eine seiner Wurzeln zurückgekehrt. Erstmals fanden in der Nacht zum Sonntag zwei Stücke im Saal des Landgasthofes in Kraupa statt.

Neben Saathain gilt Kraupa als Wiege des mitteldeutschen Wandermarionettentheaters. In einem kleinen Saal spüren die Besucher die Atmosphäre und den Reiz des Puppenspiels intensiv.

Über Jahrhunderte hinweg zogen die wandernden Puppenspieler mit ihren Wohnwagen und ihren filigranen, aber stabilen Bühnen durch Mitteldeutschland von Gasthof zu Gasthof. Innerhalb von zwei Stunden konnten die Gäste nun in Kraupa sogar eine historische und eine neuzeitliche Variante des Puppentheaters miteinander vergleichen.

Mit Papier Geschichten erzählen

Welch unglaublichen Zauber ein einfaches Blatt Papier entfalten kann, wissen Geometrieexperten bereits seit der Zeit der Antike, seitdem die Papyrus-Papiere in Ägypten erfunden wurden. Origamifaltungen gelten heute als eine eigene Wissenschaft. Papier eignet sich nicht nur zum Aufschreiben von Geschichte und Geschichten. Mit dem Material können auf beeindruckende Weise auch Geschichten erzählt und Emotionen vermittelt werden.

Unter den Händen von Maayan Iungman aus Israel ist zu Beginn  des 21. Internationalen Puppenspielfestivals so eine Niyar, eine Papiergeschichte an die zahlreichen Besucher im Dorfgemeinschaftshaus Kraupa vermittelt worden. Niyar kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Papier.

 Unter den Händen von Maayan Iungman aus Israel ist in der Nacht zum Sonntag den Besuchern in Kraupa eine Papiergeschichte gezeigt worden.
Unter den Händen von Maayan Iungman aus Israel ist in der Nacht zum Sonntag den Besuchern in Kraupa eine Papiergeschichte gezeigt worden. FOTO: VRS

In dem umfänglich aus diesem Material und noch dazu ganz ohne Worte erzählten Figurentheaterstück hat die derzeit in Berlin beheimatete und seit 2015 in ganz Europa tätige Künstlerin in einem wunderschönen Bühnenbild eine zeitlose Geschichte von Liebe und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung erzählt. Mit den ungewöhnlich gesichtslosen Papierfiguren wurden die Zuschauer auf eine poetische Reise entführt, mit glücklichen und traurigen und vielen magischen Momenten. In dem Aktions-Kunsttheaterstück verschwimmen die Grenzen des Visuellen mit dem erzählerischen Moment.

Die Künstlerin, die in Galiläa (Israel) Schauspiel, Theater und Bühnengestaltung sowie in Jerusalem und Tel Aviv Bildende Künste und Theater studiert hat, sitzt in dem Stück auf einem Berg aus zerknülltem Papier. Sie selbst ist in zartes Papier gehüllt und in ihren Gedanken gefangen. Mit jeder verworfenen Idee wird der Berg größer. Was würde passieren, wenn die aufgeschriebenen Ideen plötzlich zum Leben erwachen würden? Blumen, Bäume, Wolken, Gedanken, Gestalten mit menschlichen Zügen – alles aus Papier.

Theater ganz ohne gesprochenes Wort

Maayan Iungman baut auf ihre langjährigen Erfahrungen und ihr multidisziplinäres Studium auf, um Werke von außergewöhnlicher künstlerischer Substanz zu kreieren. Das eingesetzte Papier überschreitet dabei wie auch schon bei den Origamifaltungen üblich, wieder einmal seine vermeintlichen engen Grenzen. Die dabei über Völkergrenzen hinweg eingesetzte verständliche Sprache der Künstlerin, Regisseurin, Bühnengestalterin sowie Puppen- und Schauspielerin vereint verschiedene Ansätze von Theater, Puppenspiel, Musik und bildender Kunst. Der Aufbau der aufwendig gestalteten Bühne allein benötigt ein Vielfaches der im Theaterstück vor Publikum offen gezeigten Veranstaltungszeit.

 Das Publikum in Kraupa hat zwei sehr unterschiedliche Stücke gesehen.
Das Publikum in Kraupa hat zwei sehr unterschiedliche Stücke gesehen. FOTO: VRS

Als weiteres Standbein des Abends hatte Marionettenspieler Uwe Dombrowsky aus Engertsdorf eine Sonderausstellung aus Miniaturwohnwagen, Mini-Bühnen und jede Menge Infomaterial in Form von Fotos, Urkunden und Schriftstücken mit nach Kraupa gebracht. Unter den abnehmbaren Dächern der Wohnwagen konnten die Besucher einen Blick in das Schlafzimmer, die Küche und in das Wohnzimmer des fahrenden Volkes werfen.

Ralf Uschner, Leiter des Mitteldeutschen Marionettentheatermuseums in Bad Liebenwerda, und die Dresdener Puppentheatersammlung haben die Familiengeschichte der verschiedenen Puppenspieler-Dynastien detailreich erforscht. Gespielt wird mit zum Teil mehr als einhundert Jahre alten Marionetten. So konnten die Besucher in Kraupa am Samstagabend das noch um das Jahr 1900 mit echten Menschen gespielte Theaterstück „Nur ein Musikant“ in der Variante eines von Uwe Dombrowsky und seiner Schwester Kerstin Wilhelm umgesetzten Marionettentheaters erleben. Es war sehenswert.

(vrs)