Was für eine wunderschöne Überraschung. „Ich möchte noch einmal meine so lieb gewonnene Heimatstadt sehen.“ Das hat sich Irmgard Hübner zu ihrem 103. Geburtstag gewünscht. Ihr Wunsch ging in Erfüllung.
Am Dienstag, 29. November, fährt Günter Gahse vor dem Katholischen Altenpflegeheim St. Marien in Bad Liebenwerda vor. Nicht mit einer Kutsche, nicht mit einem Bus und auch nicht mit dem Auto. Mit der Bimmelbahn, damit gleich noch einige Heimbewohner mitkommen können. Irmgard Hübners Augen leuchten, als sie Günter Gahse auf den Beifahrersitz seines „Elsterbummlers“ bittet.
Freie Fahrt durch ihre Heimatstadt Bad Liebenwerda für Irmgard Hübner an ihrem 103. Geburtstag.
Freie Fahrt durch ihre Heimatstadt Bad Liebenwerda für Irmgard Hübner an ihrem 103. Geburtstag.
© Foto: Frank Claus

Als Lehrerin in Bad Liebenwerda stadtbekannt

Los geht die Fahrt. Zuerst am einstigen Reiss-Bürogebäude vorbei. Dann werden der Kreisverkehr an der Robert-Reiss-Grundschule und die ehemalige Volksschule am Rossmarkt passiert. Dort, wo die Lehrerin Irmgard Hübner einst Grundschulkinder unterrichte. Sie sei gern Lehrerin gewesen, erzählt sie. Ob sie heute noch Schüler erkennen? „Jetzt bin ich ja nicht mehr so viel in der Stadt unterwegs, aber früher haben mich viele einstige Schüler gegrüßt.“ In diesem Jahr habe sie sogar einen Brief aus Amerika bekommen. „Ein ehemaliger Schüler hat sich an mich erinnert und mir gratuliert“, berichtet sie.
Ob sie Schule noch heute verfolgt? „Eher weniger“, sagt sie und lächelt. Bis zu ihrem 60. Lebensjahr hat sie unterrichtet. „Damals“, so sagt sie, „wollten die Kinder noch was lernen, um später mal was zu werden.“ Aus Erzählungen jüngerer Lehrer-Generationen wisse sie, dass Schulalltag sich heute gewandelt habe. „Ich glaube, Lehrer haben es nicht mehr einfach“, sagt sie.
Noch einmal mit der Bimmelbahn durch die schöne Heimatstadt fahren. Das war der Wunsch von Irmgard Hübner aus Bad Liebenwerda, die am 29. Novermber ihren 103. Geburtstag feiert. Günter Gahse hat es möglich gemacht.
Noch einmal mit der Bimmelbahn durch die schöne Heimatstadt fahren. Das war der Wunsch von Irmgard Hübner aus Bad Liebenwerda, die am 29. Novermber ihren 103. Geburtstag feiert. Günter Gahse hat es möglich gemacht.
© Foto: Frank Claus

Mit 103 Jahren liest sie noch immer die Zeitung

Sie selber ist auch mit 103 Jahren noch immer am Zeitgeschehen interessiert. „Ich lese immer noch die Lausitzer Rundschau.“ Weil sie nicht mehr so gut sehe, habe ihr der Arzt ein Lesegerät verschrieben. Seit 2015 lebt Irmgard Hübner im Pflegeheim und fühlt sich dort gut umsorgt. Sie zählt den geregelten Alltag auf, berichtet, dass sie auch heute noch mit dem Rollator ein paar Schritte vor die Tür gehe. Bis vor wenigen Jahren habe sie sich mit Freundinnen noch jeden Freitag noch zum Kartenspielen getroffen. „Das war schön. Wir haben uns immer gut unterhalten und gelacht.“ Doch die Runde sei immer kleiner und schließlich eingestellt worden.
Irmgard Hübner ist im Jahr 1919 in Bad Liebenwerda als die mittlere von zwei weiteren Schwestern geboren worden. Welch geschichtsträchtiges Jahr! Die Weimarer Reichsverfassung tritt in Kraft. Aus dem Deutschen Reich wird eine föderative Republik. Friedrich Ebert Reichspräsident. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden ermordet.
Wenn sie heute an Ereignisse ihres Lebens denkt – was kommt ihr in den Sinn? „Der Krieg. Das war schlimm“, sagt sie und meint: „Möge nie wieder Krieg sein“, um angesichts der aktuellen Ereignisse in der Ukraine leise hinzuzufügen: „Aber ich glaube, die Menschen können nicht im Frieden leben.“
Inzwischen ist der Lubwartturm, Bad Liebenwerdas Wahrzeichen, erreicht. Günter Gahse erzählt übers Mikrofon aus der Entwicklung der Stadt. Irmgard Hübner hört aufmerksam zu und schaut mit wachen Augen nach links und rechts. Die Schwarze Elster wird passiert. Der Heimatfluss, zu dem die Frau, die ihr Leben allein meisterte, ebenfalls eine besondere Beziehung hat. Auf Wunsch des Direktors des Eisenmoorbades habe ihr Vater einen Ruderbootverleih dort eröffnet, später sogar selbst Boote getischlert.

Rührung und zum Abschluss ein liebevolles Lächeln

Schon vor der Abfahrt erzählt sie, wie dankbar sie sei, solange zu leben und fügt an: „Aber das hat Vor- und Nachteile.“ Sie habe viel gesehen und erlebt, aber alt werden sei – wenn Kopf und Glieder nicht mehr so wollen – eben auch beschwerlich.
Über die Bergstraße geht es am Sportplatz vorbei hinein ins Wohngebiet Dichterviertel, an der neuen Reiss-Oberschule entlang wieder in Richtung Innenstadt. Kirche und Rathaus werden passiert und schließlich ist ihr einstiges Wohnhaus erreicht. Dort, wo die Möbeltischlerfamilie Hübner ihren Sitz, später das Haushalt- und Küchengeschäft Schaffner Kunden empfing. Günter Gahse beobachtet die Frau. Ihre Rührung ist unverkennbar. Ihre Augen werden feucht. Kleine Tränen kullern. Freudentränen. In sich eingekehrt verfolgt sie die letzten Meter zurück bis ins Pflegeheim. Wo sie Günter Gahse beim Aussteigen wieder zum Lächeln bringt: „Nicht wahr, Frau Hübner, nächstes Jahr fahren wir wieder?“

Die ältesten Bürger der Verbandsgemeinde Liebenwerda

Die ältesten Einwohner der Verbandsgemeinde Liebenwerda sind allesamt Frauen.
In Bad Liebenwerda leben je eine 101- und eine 102-Jährige. Dazu sind zwei Frauen 103 Jahre alt. Die älteste Einwohnerin aller vier Städte der Verbandsgemeinde wohnt ebenfalls in der Kurstadt und wird im Februar 2023 stolze 104 Jahre alt.
In Falkenberg/Elster ist eine Frau über 100 Jahre, genau 101 Jahre alt.
In Mühlberg feiert in diesem Monat noch eine Frau ihren 100. Geburtstag.