ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:10 Uhr

Rudolf Hentzschel aus Plessa beweist es
Auch Männer können 100 Jahre alt werden

Jubilar Rudolf Hentzschel im Kreise seiner Verwandten, die ihm heute am nächsten sind. Sie kommen vornehmlich aus dem Schwarzwald. Am meisten an seiner Seite: sein Neffe und Betreuer Joachim Richter (2.v.l.).
Jubilar Rudolf Hentzschel im Kreise seiner Verwandten, die ihm heute am nächsten sind. Sie kommen vornehmlich aus dem Schwarzwald. Am meisten an seiner Seite: sein Neffe und Betreuer Joachim Richter (2.v.l.). FOTO: LR / Manfred Feller
Elsterwerda. Rudolf Hentzschel aus Plessa hat ein Jahrhundert vollendet. Sein Leben war ganz der Arbeit gewidmet. Es gab aber auch Schicksalsschläge. Von Manfred Feller

Rudolf Hentzschel aus Plessa hat der Damenwelt bewiesen, dass auch die Herren der Schöpfung ein überaus gesegnetes Alter erreichen können. Am Freitag beging er im Seniorenzentrum Pro Civitate in Elsterwerda seinen 100. Geburtstag. Sein neues Zuhause richtete ihm eine würdige Feier aus. Viele kamen zum Gratulieren - engste, teils weitgereiste Verwandte, Freunde aus vergangenen Zeiten, Mitarbeiter des Seniorenzentrums und Offizielle.

Nicht mit Pauken, aber mit vier Blechblasinstrumenten der dem Jubilar bestens bekannten Mühlenmusikanten aus seinem Heimatort Plessa wird Ständchen um Ständchen gespielt. Rudolf Hentzschel lässt die Tränen der Rührung ob so viel Aufmerksamkeit einfach rollen.

Viele Worte macht er selbst nicht mehr. „Aber für sein Alter ist er noch gut drauf“, sagt sein Neffe und seit vier Jahren sein ehrenamtlicher Betreuer Joachim Richter aus Elsterwerda. Bis Dezember 2017 habe sein Onkel noch dank der häuslichen Krankenpflege in seinem Haus gelebt, war halbwegs gut zu Fuß, aber am liebsten mit seinem Elektroscooter unterwegs. Die Verkehrsregeln hätten ihn in letzter Zeit nicht mehr so sehr interessiert, wird in der illustren Geburtstagsrunde schmunzelnd eingeworfen.

Die Arbeit und die Landwirtschaft seien sein Leben gewesen. Er war spendabel, ein fleißiger Mensch, heißt es aus verschiedenen Mündern. „Nur schaffen, schaffen“, wirft seine Schwiegertochter Karin Hurrle aus dem Schwarzwald ein. „Er hat mit großer Umsicht die Geschicke in der Gemeinde geleitet“, erinnert ein langjähriger Freund.

Dabei verlief im Leben von Rudolf Hentzschel längst nicht alles glatt. Es gab einige Schicksalsschläge. Aufgewachsen auf dem landwirtschaftlichen Hof der Eltern, wurde er 1939 für den Krieg eingezogen. Es ging an die Ostfront. Schrecklicher konnte es nicht werden als im berüchtigten Kessel von Stalingrad mit rund 200 000 frierenden und hungernden Soldaten. Zehntausende kamen um. Rudolf Hentzschel wurde ausgeflogen, aber abgeschossen und landete hinterm Ural in einem Kohlearbeitslager in Kriegsgefangenschaft.

Im Oktober 1949 kehrte er auf den zum Kriegsende von den Russen niedergebrannten Hof zurück. Die Familie hatte von vorn beginnen müssen. Dann starb der Vater.

Als die Mühlenmusikanten aus seinem Heimatort Plessa spielen, rollen natürlich Tränen der Rührung.
Als die Mühlenmusikanten aus seinem Heimatort Plessa spielen, rollen natürlich Tränen der Rührung. FOTO: LR / Manfred Feller

Es folgte ein weiterer Umbruch. Viele Bauern waren dagegen, Rudolf Hentzschel nicht: Er gehörte nach Kenntnis seines Neffen zu den Mitbegründern der kollektiven Landwirtschaft in Plessa, arbeitete später in der Abteilung Landwirtschaft des Kreises und im Gemeinderat. Mit seiner Frau betrieb der Plessaer weiterhin eine kleine Landwirtschaft. Das Selbstversorgen mit Fleisch, Obst, Gemüse und Feldfrüchten war Notwendigkeit und Leidenschaft zugleich.

In den 1980er-Jahren verstarb seine Frau. Anfang der 1990er-Jahre verunglückte sein Sohn, der in den Schwarzwald gezogen war, beim Skifahren. Eine Tochter hatte das Ehepaar schon zeitig verloren. Es blieb eine Tochter. Auch im Ruhestand wusste sich der Rentner zu beschäftigen. Urlaub und weite Reisen kannte er nicht. Aber, so erinnert sich sein Neffe Joachim Richter, mit 98 Jahren sei er noch mit dem Nachtzug von Riesa nach Freiburg zu Verwandten gefahren.

Sein Betreuer besucht ihn nicht nur dreimal die Woche für Gespräche und Zeitungsschau, sondern kümmert sich um Bank- und Behördenangelegenheiten, Gesundheitsvorsorge und vieles mehr. Pflegerisch im Seniorenzentrum und ärztlich durch Dr. Michael Haufe werde sein Onkel bestens betreut.

Erst in diesem Jahr habe Pro Civitate in Elsterwerda nach einer unangekündigten Kontrolle durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (eine Art TÜV) die Note 1,0 erhalten. Dabei würden auch Bewohner in Augenschein genommen und befragt, informiert Einrichtungsleiter Ronny Kuhn.

Das voll belegte Seniorenzentrum gibt es seit 1985. Es besitzt 116 vollstationäre Pflegeplätze, 36 altersgerechte Wohneinheiten und zwei Kurzzeitpflegeplätze. Mehr als 80 Mitarbeiter kümmern sich um die durchschnittlich 75- bis 80-Jährigen Bewohner. Etwa acht von zehn Senioren sind Frauen.