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Interview
Eine Million Unterschriften für die Vielfalt Europas

David Statnik bleibt Chef der Domowina.   foto: dpa
David Statnik bleibt Chef der Domowina. foto: dpa FOTO: Miriam Sch“nbach
Bautzen. Der Domowina-Vorsitzende erklärt, warum die internationale Bürgerinitiative „Minority SafePack“ eine breite Unterstützung erfahren sollte. Mirjam Schönbach

Mehr Vielfalt in Europa: Im April vergangenen Jahres hat die Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) die Kampagne „Minority SafePack“ ins Leben gerufen mit der Forderung, Angehörige nationaler Minderheiten und Sprachminderheiten besser zu schützen. Eine Million  Stimmen müssen bis zum heutigen  3. April gesammelt werden, damit sich die EU-Kommission mit dem Thema befasst. In Deutschland unterstützt die Domowina das Projekt. Die RUNDSCHAU sprach mit dem Domowina-Vorsitzenden David Statnik (34).

Herr Statnik, was verbirgt sich hinter der FUEN-Initiative?

Statnik Die Minority SafePack Initiative - im übertragenen Sinne ein „Minderheiten-Sicherheitspaket“ – ist ein umfassendes politisches Maßnahmenpaket für die Rechte nationaler und sprachlicher Minderheiten. Denn sie werden nicht immer respektiert, in vielen Fällen sind sogar in Europa Sprache und Kultur gefährdet. Einige stehen auch aus politischen Gründen stark unter Druck.   Nach   Einschätzung der Unesco ist mehr als die Hälfte der weltweit über 6000 Sprachen vom Aussterben bedroht. 200 Sprachen sind während der letzten drei Generationen ausgestorben, etwa 1700 Sprachen sind ernsthaft gefährdet, über 600 Sprachen werden kaum noch gepflegt.

 Können Sie einige Beispiele besonders gefährdeter europäischer Minderheiten nennen?

Statnik Die sorbische Sprache, besonders das Niedersorbische in Brandenburg, zählt zu den bedrohtesten Sprachen Europas. Verweisen möchte ich aber auch auf die Samen in den skandinavischen Ländern, die Okzitaner oder Bretonen in Frankreich, die deutsche Minderheit in Polen oder die Roma in osteuropäischen Ländern. Letztere leiden besonders unter der menschenunwürdigen Politik einzelner Nationalstaaten. Es ist unglaublich, doch mitten in Europa leben Menschen in Slums, haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem, zur Bildung und zum Sozialsystem.

Warum unterstützt die Domowina das Projekt?

Statnik Es ist eine der bedeutendsten solidarischen Aktionen der Minderheiten in Europa. In den 47 Staaten Europas mit 743 Millionen Menschen leben rund 340 alteingesessene Volksgruppen mit mehr als 100 Millionen Menschen. Jeder siebte Europäer ist Angehöriger einer solchen Minderheit. Es gibt in der EU neben den 24 Amtssprachen über 60 Regional- oder Minderheitensprachen, die von rund 50 Millionen Menschen gesprochen werden. Die Sorben sind wie die Friesen, Dänen oder Sinti und Roma in Deutschland Teil dessen – und wenn wir die Vielfalt Europas erhalten wollen, ist es an der Zeit, die Werte dieser Gemeinschaften im Staat anzuerkennen und zu fördern. Und davon haben nicht nur die nationalen Minderheiten in Deutschland etwas, sondern auch die deutschsprachigen Gemeinschaften in mehr als 20 europäischen Ländern.

Eine Million Unterschriften werden gebraucht, damit sich die EU-Kommission mit dem Thema befasst. Was versprechen Sie sich dann davon?

Statnik Zuerst erhalten die Organisatoren die Möglichkeit, ihre Initiative bei einer öffentlichen Anhörung im Europäischen Parlament vorzustellen. Danach veröffentlicht die Kommission eine Entscheidung, wie mit dem Antrag verfahren werden soll. Ziel ist natürlich, dass Europa bei Planungen die Regionen beachtet, in denen Minderheiten und kleine Volksgruppen leben, und  dass sich ihre rechtliche Situation europaweit verbessert. Ein praktisches Beispiel liegt dabei direkt vor unserer Haustür. In der Lausitz diskutieren wir derzeit über den Strukturwandel - schrittweise weg von der Braunkohle hin zu erneuerbaren Energien. Dieser Wandel wird die Region grundlegend verändern. Auch wir Sorben sind hiervon betroffen. Ohne politische Unterstützung wird uns der Wandel nicht gelingen. Hier müssen die Bundesrepublik und Europa helfen.

Mit David Statnik
sprach Mirjam Schönbach