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Die Lausitz und Mies van der Rohe
Streit um Erbepflege der Gubiner Villa Wolf

Die Villa Wolf, hier eine Aufnahme aus den 30er-Jahren, könnte nach aktuellen Plänen in Gubin wieder aufgebaut werden. Archivfoto: privat  An den Neiße-Hängen im heutigen Gubin stand die Villa der Fabrikantenfamilie Wolf, die der Bauhaus-Architekt Ludwig Mies van der Rohe entworfen hat. Das Haus wurde 1945 zerstört.
Die Villa Wolf, hier eine Aufnahme aus den 30er-Jahren, könnte nach aktuellen Plänen in Gubin wieder aufgebaut werden. Archivfoto: privat An den Neiße-Hängen im heutigen Gubin stand die Villa der Fabrikantenfamilie Wolf, die der Bauhaus-Architekt Ludwig Mies van der Rohe entworfen hat. Das Haus wurde 1945 zerstört. FOTO: privat
Cottbus/Berlin/Guben. Wiederaufbau oder virtuelle Rekonstruktion – das Erstlingswerk des weltberühmten Mies van der Rohe entzweit die Region.

Es geht um Architekturgeschichte. Kein geringerer als der Revolutionär Mies van der Rohe hat in der Region seine Spuren hinterlassen: Oberhalb der Terrassen am Gubiner ­Neißeufer baute er 1926 für den Tuchfabrikanten Erich Wolf und seiner Familie eine Villa der besonderen Art.

Wer heute etwas über das imposante Bauwerk wissen will, muss sich mit Aufzeichnungen und wenigen Bildern begnügen. Sie reichen allerdings aus, um die Dimensionen der 1100 Quadratmeter Wohnfläche großen, von einem modernistischen Garten umgebenen Gebäude zu erahnen. Unter Kennern gilt das lange im Verborgenen schlummernde Fabrikanten-Kleinod als „Urvilla der Moderne“. Vor allem der Vorsitzende des Vereins „Architekturpreis Berlin“ Florian Mausbach wirbt seit fast zwei Jahren – beinahe weltweit – mit diesem  Synonym.

Bis hierher findet er in der Lausitz und jenseits der Neiße nur Unterstützer. Auch dafür, dass dieses Juwel der Architekturgeschichte gehoben und für den deutsch-polnischen Tourismus erlebbar gemacht werden muss. Doch Mausbach, der einstige Präsident des Bundesbauamts, kennt nur eine Option: den Wiederaufbau der Villa Wolf. Wer dagegen ist, mit dem will Mausbach nichts zu tun haben. Der Berliner Architektur-Kenner und -Liebhaber will über ein Netzwerk drei Millionen in eine Stiftung fließen lassen, um schon 2019 mit dem Wiederaufbau am Gubiner Neißeufer zu beginnen.

Der Cottbuser BTU-Professor Leo Schmidt wird von Florian Mausbach offenbar als ein „Störenfried“ auf dem Weg zur neuen Villa Wolf angesehen. Als Studenten Ende 2015 in Gubin zwölf Entwürfe für ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum und ein Mies van der Rohe-Museum auf den Grundmauern der Villa Wolf präsentierten, wollte Mausbach keinen Gedanken daran verschwenden. Auf die Einladung zur Finnisage nach Gubin hatte der Berliner mit den Worten „gute Besserung“ geantwortet.

Die Verweigerung der Diskussion über Alternativen zum Wiederaufbau der Villa Wolf setzte sich in diesem Jahr fort. Auf einem internationalen Symposium in Aachen, der Geburtsstadt des Architekten, sollte es  eine Debatte zur Villa Wolf geben. „Es war alles klar, bis Herrr Mausbach den Organisatoren mitteilte, dass er mit dem Cottbuser Professor nicht diskutieren wird“, schildert Schmidt die darauf folgende peinliche Absage. Es sei offenkundig, fügt Schmidt hinzu, dass Florian Mausbach den Eindruck erwecken will: Alle stehen hinter mir, nur Schmidt nicht.

Der BTU-Professor, der auch Gutachter für den Internationalen Rat für Denkmalpflege (Icomos) ist, hält eine sachliche Debatte über das bedeutende Denkmal jenseits der Neiße aber weiterhin für zwingend erforderlich. Viele Fragen bleiben für Schmidt mit dem Wiederaufbau-Vorhaben unbeantwortet: Wie sollen 1100 Quadratmeter Fläche gefüllt werden? Wer wird für dieses Gebäude Betriebskosten bezahlen? Keine Stiftung der Welt komme dafür auf, erklärt Wissenschaftler Schmidt. Derartige Kulturstätten hätten überall Probleme. Und: „Jede Rekonstruktion eines Gebäudes ist immer nur Interpretation“, betont Schmidt.

Die Alternative ist für den Kulturerbe-Experten, „nicht in Steinen und Material zu denken“. Schmidt erinnert an die zwölf Entwürfe von Studenten für ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum. Sie seien alle besser, als ein mehrere Millionen Euro verschlingender Wiederaufbau der Villa Wolf.

„Wir wollen mit weniger Geld mehr Pfiff erreichen“, betont der BTU-Lehrstuhlinhaber. Anstatt auf „einen  Wiederaufbau zu warten, hat es Gubin in der Hand, schnell Leben auf das Areal zu bringen“: Mit einer Begegnungsstätte, die Prozesse und temporäre Ereignisse anschieben sowie Symposien mit Experten hierher holen könnte.

Gubins Bürgermeister Bartolomiej Barczak setzt allerdings auf Wiederaufbau. Er ist wie Mausbach von der internationalen Anziehungskraft der Villa überzeugt. Sein Amtskollege auf deutscher Seite, Fred Mahro (CDU), zeigt sich eher unentschieden. Aus seiner Sicht wäre es „falsch, die Villa Wolf links liegen zu lassen. Wir müssen sie im Gespräch halten“. Doch kommunale Gelder stünden dafür nicht zur Verfügung.

Wie 100 Jahre Bauhaus und der 50. Todestag von Mies van der Rohe im Jahre 2019 auf den Gubiner Neiße-Terrassen unter einen Hut kommen sollen, scheint offen. Dass Befürworter und Gegner eines Villa-Wiederaufbaus miteinander reden, das sollte dem Vorhaben auf jeden Fall mehr nutzen als es behindern.