Von Andrea Hilscher

Es sind gespenstische Szenen, die sich auf den Wahlkampfveranstaltungen und Demonstrationen der AfD im Osten abspielen: Transparente mit dem Slogan „Wende 2.0“ zieren die Bühnen, die Teilnehmer skandieren „Wir sind das Volk“ und „Wir vollenden die Wende.“ Die AfD vereinnahmt die friedliche Revolution und spricht gleichzeitig von „Merkel-Diktatur“. Ein Phänomen, das inzwischen auch die Forschung beschäftigt.

In diesem Wintersemester widmet die BTU Cottbus-Senftenberg der friedlichen Revolution und ihren Folgen eine eigene Ringvorlesung, den Auftakt machte jetzt ein Podiumsgespräch mit zwei Menschen, die den Herbst 1989 aus sehr unterschiedlichen Positionen heraus durchlebt haben. Der eine ein Pfarrer, der in den Jahren vor der Wende den engen Austausch mit Opposition und Subkultur pflegte, der andere ein überzeugtes SED-Mitglied und Funktionär der FDJ.

Heute, 30 Jahre nach dem politischen Systemwechsel, reden sie über ihr Ängste und Hoffnungen, über Enttäuschungen. Eine ihrer zentralen Fragen: Warum instrumentalisiert die AfD die friedliche Revolution? Und warum finden rechte Organisationen ausgerechnet im Osten so viele Anhänger?

Patrice G. Poutrus von der Universität Erfurt ist Historiker und Migrationsforscher. Zu DDR-Zeiten war er überzeugter Sozialist, hat länger als verlangt in der NVA gedient und sich in der FDJ engagiert. Die Guten, das war für ihn immer klar, standen diesseits der Mauer. „Als im Oktober 1989 in Berlin und Dresden die Knüppel ausgepackt wurden, da dachte ich: Das machen doch nur die Kapitalisten im Westen.“

Der Gründungsmythos der DDR

Heute, 30 Jahre später, kennt er durch seine Forschung Phänomene, die zu DDR-Zeiten und in den Folgejahren kaum thematisiert wurden: zum Beispiel rechtsextreme Strukturen in der NVA und in den Ordnungsgruppen der NVA. „Es gehört zum Gründungsmythos der DDR, dass die Nazis alle im Westen waren“, sagt er. Die Erzählung wurde nach außen hin gepflegt. „Nach innen, das weiß ich aus der eigenen Familie, wurde ganz anders gesprochen. Da sprachen ältere Verwandte über den Einmarsch in Polen plötzlich wie über ein Abenteuer.“

Auch Christoph Polster, heute Pfarrer im Ruhestand, kennt die Szene der Neonazis in der ehemaligen DDR. Er sagt: „Das waren die Enkel derer, die die NS-Zeit nie bewältigt haben.“

Beide Männer erinnern an den Alltagsrassismus, der sich etwa im Umgang mit Vertragsarbeiterinnen äußerte, die bei Schwangerschaft zur Abtreibung gezwungen wurden oder ausreisen mussten. „All das wurde kaum irgendwo besprochen“, sagt Patrice G. Poutrus.

Diktaturen versprechen Sicherheit

Der Historiker vertritt heute die These, dass Diktaturen möglicherweise einen bestimmten Typus Mensch präferieren. Da geht es um Affinität zur Macht, um klare Strukturen, eine Abneigung gegen aufreibendes Diskutieren. „Diese Eigenschaften waren in der DDR nachgefragt“, glaubt er. „Die wirklich kritischen Antifaschisten haben in der DDR eher ein Problem bekommen als manche Neonazis.“

Der Pfarrer wie auch der Wissenschaftler haben den Angriff auf die Berliner Zionskirche 1987 als einschneidend erlebt. Damals, an einem Abend im Oktober, spielen zunächst einige spätere Rammsteinmusiker in der Kirche, später tritt Element of Crime aus dem Westen auf. Nach dem Ende des Konzerts, das rund 2000 Menschen besucht hatten, stürmen 40 Skinheads in die Kirche. Sie rufen „Sieg Heil“, „Juden raus“ und „Kommunistenschweine“. Es kommt zu Handgemengen, die Skins schlagen Menschen zusammen. Die anwesenden Polizisten schreiten nicht ein.

„Das sind Ereignisse, die ihre Wurzeln in den frühen Jahren der DDR hatten, als nie gefragt wurde, wer genau etwas hatte wissen können über die Geschehnisse der NS-Zeit“, sagt Patrice G. Poutrus. Rechtsextreme Einstellungen wurden unreflektiert weitergegeben und suggerieren heute angesichts globaler Bedrohungen Sicherheit und Klarheit.

Der Ost-Seele schmeicheln

Wenn die AfD jetzt eine Wende 2.0 propagiert, schlägt sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Die heutige Demokratie wird gedanklich mit der Diktatur der DDR gleichgesetzt. Die fremdenfeindlichen Demos der Partei profitieren von dem positiven Image der Vorwende-Demos, und die geschundenen Seele der Menschen im Osten wird gestreichelt. Nicht umsonst sprechen Spitzenfunktionäre der AfD immer wieder davon, dass der nächste Umbruch hier im Osten beginnen müsse.

Selbst extreme Gruppierungen vom rechten Rand arbeiten inzwischen mit dieser Taktik. So bezeichnet der Veranstalter des Kampfsportevents „Kampf der Nibelungen“ in Sachsen die Bundesrepublik als „Deutsches Demokratisches Regime“.

Ein Kampf mit harten Bandagen

Und die früheren Bürgerrechtler der DDR? Sie haben über Jahre hinweg zugeschaut, wie die Revolution von der AfD vereinnahmt wurde. Der erste große Protest wurde im August diesen Jahres in einer Erklärung der Havemann-Gesellschaft formuliert. Darin heißt es: „Die DDR war eine kommunistische Diktatur, und die Bundesrepublik ist eine freiheitliche Demokratie. Wer diese Unterschiede nicht anerkennt, verharmlost die SED-Diktatur.“ Weiter sagen die Autoren: „Wir lehnen Parolen wie: ‚Hol Dir Dein Land zurück – vollende die Wende!’, die etwa die Brandenburger AfD im Wahlkampf einsetzt, ab. Das ist bereits unser Land!“

Auch Christoph Polster hat die Erklärung unterschrieben. „Aber ich muss selbstkritisch zugeben, dass wir uns zu zaghaft gegen die Vereinnahmung durch die DDR gewehrt haben.“ Seine Erklärung: „Das ist ein Dialog, der nicht immer Freude macht und der oft mit harten Bandagen ausgeführt wird.“