ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:42 Uhr

Zwölfjähriger mit Alkoholvergiftung in der Cottbuser Notaufnahme

Cottbus. Vier betrunkene Teenager haben vor zwei Wochen Autos in der Vetschauer Straße demoliert – die jüngsten Beteiligten waren 13 Jahre. Und unter den Patienten, die am vergangenen Wochenende mit einer Alkoholvergiftung in die Cottbuser Notaufnahme gebracht wurden, war ein Zwölfjähriger. Alkohol enthemmt die Pubertierenden, sagt Norbert Nicolaus vom Verein Jugendhilfe Cottbus. Annett Igel-Allzeit

Ist Schülern in den Ferien so langweilig, dass sie zur Flasche greifen? "Unter den 249 Patienten, die 2013 mit der Hauptdiagnose Alkoholintoxikation in die Notaufnahme kamen, waren 19 Patienten jünger als 25 und vier jünger als 18 Jahre. Das Jahr 2014 ist erst zur Hälfte rum und wir haben bereits zwölf unter 25 Jahre und vier unter 18 Jahre bei den Alkoholvergiftungen", sagt Dr. Olaf Konopke, Chefarzt der Notaufnahme im Carl-Thiem-Klinikum.

Wie Norbert Nicolaus vom Verein Jugendhilfe Cottbus bestätigt, ist nicht nur der Puschkinpark bekannt dafür, dass es dort Drogen und Alkohol für Teenager gibt. "Inzwischen hat jeder Stadtteil eine Ecke, wo sich Jugendliche unbeobachtet fühlen", sagt Anne Barth, Sozialpädagogin im Jugendhilfe-Verein. "Ein 16-Jähriger, der nach dem Jugendschutzgesetz für alle Bier holen kann, ist meist dabei. Und nicht jeder Händler achtet darauf."

Nach den Erfahrungen in der Notaufnahme sind es tatsächlich die Ferien, die Osterfeuer und der Himmelfahrtstag, wo sich verstärkt jüngere Patienten mit Alkoholvergiftung in die Notaufnahme kommen. Das habe zwei Gründe: "Früher hat man dem betroffenen Kumpel unter die Arme gegriffen und ihn nach Hause gebracht. Die Jugendlichen heute sind bequem und unbeholfen, aber jeder hat ein Handy und kann von überall die 112 wählen", so Olaf Konopke. Zudem dürfe die Polizei nur noch dann Betrunkenen in Gewahrsam nehmen, wenn der Atemalkohol unter 1,3 Promille liegt. Ist der Wert 1,3 und höher, rufen die Polizisten den Rettungsdienst.

Das erste Glas Sekt zum Anstoßen zur Jugendweihe oder zum Geburtstag? Sogar das Verfeinern von Soßen oder Dessert mit Alkohol sollten sich Eltern überlegen. "Auch wenn der Alkohol verkocht, bleibt doch der Geschmack, an den wir unsere Kinder gewöhnen. Das Einstiegsalter liegt nach unseren Erfahrungen bei etwa zwölf Jahren. Der Jüngste, den ich alkoholisiert erlebt habe, war sechs", sagt Anne Barth. Doch nicht jeder 14-Jährige, der sich einmal mit zwei Freunden aus Neugier eine Flasche Whisky teilt, wird Alkoholiker. Für viele ist der "Kater" danach ein Erlebnis, das sie vorsichtiger mit Alkohol umgehen lässt. Norbert Nicolaus: "750 000 Bundesbürger trinken laut Statistik im Jahr zum ersten Mal im Leben Alkohol. Darunter werden auch viele Teenager sein. Für 90 Prozent ist das nur eine Erfahrung. Zehn Prozent aber sind gefährdet."

Die Alarmglocken sollten bei Eltern schellen, wenn Sohn oder Tochter wiederholt betrunken nach Hause kommt. "Aber auch dann muss man das nicht sofort dramatisieren, sondern das Thema ansprechen, fragen, wie es Junior dabei geht und was das Motiv ist", sagt Nicolaus. Alkohol ist billig zu haben und enthemmt, macht mutig bei der Partnersuche, lässt den Druck der Eltern, Sorgen in der Schule oder Ausbildung für einen Moment vergessen, so Anne Barth. Mit den Jugendlichen gleich zur Suchtberatung zu laufen, davon rät Norbert Nicolaus ab: "Wenn es nötig ist, lieber erst einmal zu einer Erziehungsberatungsstelle."

Dass Betrunkene einen Schutzengel haben, kann Olaf Konopke nicht bestätigen. "Man kann sich alkoholisiert schlimme Verletzungen zuziehen. Und einen noch wachsenden Körper schädigt das Gift Alkohol erheblich. Es verändert die Zellen und macht krank. Diese Erkrankungen treten um so eher ein, je eher jemand mit dem Alkoholkonsum begonnen hat. Schlimmstenfalls wird man erwerbsunfähig oder stirbt jung", warnt der Mediziner.

Kommentar: Wenigstens Hilfe rufen

Zum Thema:
Mit der Hauptdiagnose Alkoholintoxikation wurden im Jahr 2013 genau 249 Patienten in die Notaufnahme des Carl-Thiem-Klinikums gebracht. 2014 waren es bis zum 27. Juli bereits 161 Patienten. Allerdings bleibt auch im Krankenhaus eine Dunkelziffer, wie Olaf Konopke, Chefarzt der Notaufnahme, erläutert. Hat sich der alkoholisierte Patient verletzt, so geht diese Verletzung als Hauptdiagnose in die Statistik ein.