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| 02:33 Uhr

Zwölf Jahre hat Willmersdorf um Schallschutz gekämpft

Die Willmersdorfer haben viele Stärken und Schwächen zu ihrem Ort gefunden – in die Zukunft schauen sie ernüchtert.
Die Willmersdorfer haben viele Stärken und Schwächen zu ihrem Ort gefunden – in die Zukunft schauen sie ernüchtert. FOTO: Igel-Allzeit
Willmersdorf. Der Cottbuser Ostsee wird in Willmersdorf als Chance gesehen. Doch es gibt viele Fragen, und die Willmersdorfer sehen längst, dass sie mit mehreren Anrainern konkurrieren: Warum schläft die Stadt Cottbus, während Teichland längst losgelegt hat? Zwölf Jahre mussten sie auf ihre Schallschutzwand warten. Deshalb verirrten sich die Willmersdorfer in ihrer ersten Arbeitsrunde zur Ortsteil entwicklung bis 2035 auch nicht in Träumereien. Annett Igel-Allzeit

Schnell werden noch Stühle ins Gemeindezentrum geholt. Ortsvorsteherin Anke Schulz zuckt mit den Schultern und schmunzelt. Die Einwohnerzahl korrigiert sie sofort von 655 auf 656 - ein Neugeborenes haben sie in den ersten Tagen des neuen Jahres begrüßen können. Mehr als 30 Einwohner sind der Einladung des Beratungsbüros Cima gefolgt.

Seit 2009 hat der Ort ein Entwicklungskonzept. Doch damit geht es bisher so wenig vorwärts, dass die Willmersdorfer vermuten, es sei in einer Schublade des ehemaligen Bürgermeisters Frank Szymanski verschwunden. Auch die Klärung für eine Reihe von Flurstücken, zu der alle Beteiligten zuletzt 2014 an einem Tisch gesessen haben sollen, scheint wieder eingeschlafen. Besonders die Alteingesessenen bitten die Berater Martin Hellriegel und Sebastian Bresser um einen Blick in die alten Karten. Willmersdorf - der Ort im Schilf, wie ihn die Wenden nannten - habe schöne Natur rundherum. "Aber die Wege dort hinein sind uns durch den Kohleabbau gekappt."

Hellriegel nickt, Bresser macht sich Notizen. Willmersdorf ist ein lang gezogenes Straßendorf zwischen B 168 und Bahnschienen. Schnell bilden sie vier Gruppen und schnell finden sie auch Stärken: die Kirche, der Kindergarten, der Friedhof, die Feuerwehr, die gute Nahverkehrsanbindung am Morgen und am Nachmittag, der Rodelberg, die Traditionen von der guten alten Fastnacht bis zum ganz jungen Apfelfest, das Hotel, das Sportgelände. Und das Möbelzentrum Höffner will zwar mit seinem Baustil gar nicht zum dörflichen Charakter passen, ist mit über 100 Beschäftigten aber ein wichtiger Arbeitgeber und offen, wenn der Ortsbeirat mal ein Problem klären will oder Hilfe braucht.

Die Liste der Schwächen wird auch lang: Sie sind von wichtigen, international bedeutsamen Radwegen umgeben - aber die Willmersdorfer Anbindung an sie fehlt. Dabei will die Kirche anerkannte Radwegkirche sein. Viele Straßenabschnitte im Ort machen fehlende Fuß- und Radwege für die Jüngsten als auch für ältere Bürger zur Gefahr. Und nur eine Querung der Bundesstraße habe Fuß- und Radwege. Wie sollen die Einwohner und auch die Touristen später sicher zum Ostsee kommen? Und was wird die Ostseeradler ins Dorf locken?

Möglichkeiten, Lebensmittel einzukaufen, haben die Willmersdorfer im Ort nicht. Ein Friseur wäre schön, ein Bäcker - derzeit werden sie von mobilen Bäckern angefahren - und andere kleine Dienstleister. Die Sorge ist groß, dass die Gemeinde Teichland den Discounter, der mit den Ostseetouristen rechnet, schneller hochzieht.

Hellriegel und Bresser hören aus der Debatte heraus, dass die Vorstellungen doch verschieden sind. Auch einen CAP-Markt könnten sich einige im Dorf gut vorstellen. Das ist eher ein kleiner Laden mit den wichtigsten Lebensmitteln im Angebot, der zugleich gemütlicher Treffpunkt bei einer Tasse Kaffee im Ort sein kann und in dem auch behinderte Menschen einen Job finden. "Beides geht nicht. Wenn der Discounter kommt, funktioniert so ein CAP-Markt nicht mehr", gibt Martin Hellriegel zu bedenken.

Zum Schandfleck geworden ist die Ruine der ehemaligen Gaststätte. Sie soll einer Erbengemeinschaft gehören. Ein Sicherheitszaun muss inzwischen Kinder abhalten, das Gelände zu betreten. Doch Ortsvorsteherin Anke Schulz hat jetzt von der Cottbuser Stadtverwaltung mitgeteilt bekommen, dass die Ruine in diesem Jahr abgerissen werden soll. "Doch nur, um die ständige Einsturzgefahr zu bannen. Der Schutthaufen soll liegen bleiben", sagt Anke Schulz. Auch kein schöner Anblick - und was werden Gäste des Dorfes davon halten? Unmittelbar neben der Ruine liegt die Bushaltestelle.

Wie der Bereich um das Gemeindezentrum, das in diesem Jahr umgestaltet werden soll, hätte auch der Platz an der Ruine eine Chance, neue dörfliche Mitte zu werden. Mit Bäumen, Sträuchern, einem Teich und Bänken wäre das vorstellbar - aber das müsste die Erbengemeinschaft als Eigentümer wollen.

Hellriegel ermutigte die Einwohner, die Ortsteilentwicklung weiter zu begleiten. Mit ihren Ideen seien sie stets willkommen. Die zweite Runde mit den Bürgern sei nach den Sommerferien geplant. Öfter treffe sich die Lenkungsgruppe, in der alle Ortsvorsteher der Cottbuser Ortsteile mit Vertretern der Stadtverwaltung sitzen.

Die erste Runde zur Ortsteil entwicklung geht in dieser Woche weiter: Am heutigen Montag treffen sich die Einwohner in Groß Gaglow um 18 Uhr im Bürgerhaus in der Chausseestraße 55. Die Gallinchener sind am morgigen Dienstag im Feuerwehrdomizil, Feldweg 2, gefragt.