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| 17:17 Uhr

Ausflugstipp für die Sommerferien
Zwischen Ringelblumen und Storchennest

Silke Dambrowsky erzählt den Gästen des Kräutergartens von der Wirkung der Heilpflanzen und gibt praktische Tipps aus ihrer eigenen Erfahrung.
Silke Dambrowsky erzählt den Gästen des Kräutergartens von der Wirkung der Heilpflanzen und gibt praktische Tipps aus ihrer eigenen Erfahrung. FOTO: Daniel Friedrich
Dissen. Im Dissener Kräutergarten tauchen Gäste bei einem Rundgang in die Kunst der Heilpflanzen ein. Von Daniel Friedrich

Lautlos lässt sich ein Schmetterling auf dem lila blühenden Lavendel nieder. Mit seinen feinen Fühlern tastet er sich vorsichtig an der Blüte hinauf. Doch die Ruhe währt nicht lange: Eine Hummel hat es ebenso auf die leuchtende Lavendelpflanze abgesehen. Mit einem energischen Brummen nährt sie sich dem Schmetterling, bis er so lautlos leicht wie er gelandet ist, davonfliegt und dem korpulenten Insekt die Blütenspitze überlässt.

Das Lavendelbeet gehört zum Dissener Kräutergarten. Ein gemeinnütziger Verein kümmert sich hier vor den Toren der Spreeaue seit zwei Jahren um den Erhalt der genetischen Vielfalt und setzt sich für Umweltbildung und gesunde Ernährung ein: „Wir haben über 600 Pflanzenarten im Garten. Dazu gehören viele spreewaldtypische Wildpflanzen aber auch kulturhistorische Nutzpflanzen, die auf den Feldern heutzutage kaum noch angebaut werden“, sagt Anne Jahn, die Vorsitzende des Vereins. So finden sich rund 40 alte Kartoffel- und ein Dutzend Getreidesorten in dem Garten.

Dass er trotz der lang anhaltenden Trockenheit so grün und gepflegt aussieht, ist Anne Jahn und ihren beiden Helfern zu verdanken: „Im Sommer sind wir jeden Tag hier draußen, da ist jede Menge zu tun. Tatkräftige oder finanzielle Unterstützer sind deshalb immer gern gesehen.“ Fast täglich hat der Kräutergarten auch für Besucher geöffnet. Sie können bei einem Rundgang erfahren, wofür die einzelnen Heilpflanzen nützlich sind und wie sie im eigenen Garten angebaut werden. Für viele Urlauber ist der Kräutergarten auch ein Ort der sinnlichen Ruhe, an dem sie fernab vom Großstadtlärm die Farben, die Gerüche und den Geschmack der Pflanzen auf sich wirken lassen können. Und die Geräusche der Natur: Während vom Storchenhorst direkt über dem Kräutergarten der ungeduldige Nachwuchs mit seinem roten Schnabel klappert, zirpen am Boden die Grillen in der sengenden Sommerhitze.

Einmal monatlich gibt es besondere Veranstaltungen. Vereinsmitglieder geben Tipps zum bienenfreundlichen Gärtnern oder stellen Heilkräuter für die Hausapotheke vor. An jenem Sonntag erwartet Silke Dambrowsky unter einem Zelt die Gäste. Sie wird Kräuter und Gewürze der Hildegard von Bingen präsentieren und erklären, wie man mit deren Hilfe einfache und gesunde Speisen zubereiten kann. Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Lehrerin aus dem Nachbarort Striesow mit den Heilpflanzen der mittelalterlichen Nonne, kocht und backt nach den historischen Rezepten: „Mich fasziniert, dass ein Großteil ihrer damaligen Erkenntnisse bis heute gültig ist“, sagt Silke Dambrowsky und verweist darauf, dass zwischen damals und heute über 800 Jahre liegen. „Hildegard von Bingen war selbst oft krank und wird als schwächlich beschrieben. Trotzdem ist sie 81 Jahre alt geworden – für die frühere Zeit ein beachtliches Alter.“

Ob es Zufall war oder an ihrem Wissen über die Naturheilkunde lag? „Schaden wird’s jedenfalls nicht“, sagt Silke Dambrowsky pragmatisch und rät dennoch dazu, bei zweifelhaften Krankheitssymptomen lieber erstmal einen Arzt aufzusuchen, als sich an Heilkräutern auszuprobieren.

Auf dem Tisch gießt sie unterdessen heißes Wasser in einer Kanne mit Fenchel auf. Aus einer anderen Kanne strömt der Duft von Kaffee. „Das ist Dinkelkaffee, hundertprozentig ohne Koffein und nur mit Kokosblütenzucker und Kakao verfeinert. Erinnert mich immer an Muckefuck aus DDR-Zeiten“, schmunzelt Silke Dambrowsky. Viele der Kräuter und Gewürze, die sie vorstellt, baut sie selbst im Garten an. Gepflückt wird nur bei zunehmendem Mond, weil sich da laut Hildegard von Bingen die Wirkung am besten entfalte.

Selbst gebacken sind auch die Plätzchen aus Dinkel, einer Urform des Weizens. Der sorgt nicht nur für ein gutes Sättigungsgefühl im Magen, sondern enthält vergleichsweise wenig Gluten und viele Mineralstoffe und Spurenelemente. „Die Plätzchen sind mit Galgant gewürzt, daher kommt eine gewisse Schärfe. Hilft bei Herzleiden, Hautausschlägen und Zahnleiden“, weiß die Striesowerin zu berichten. Zum Abschluss des Vortrags hat sie sich ein Produkt aus ihrer Bingenschen Lieblingspflanze aufgehoben: der Ringelblume. „Aus den getrockneten Blütenblättern kann man nicht nur prima Tee machen. Unter Zugabe von Kokosöl oder Schweinefett lässt sich daraus auch eine heilende Salbe herstellen, die man auf Geschwüre, Wunden und Sonnenbrand auftragen kann.“

Silke Dambrowsky (M.) berichtet Gästen im Kräutergarten Dissen über die Heilpflanzen der Hildegard von Bingen.
Silke Dambrowsky (M.) berichtet Gästen im Kräutergarten Dissen über die Heilpflanzen der Hildegard von Bingen. FOTO: Daniel Friedrich
Halten den Kräutergarten in Ordnung: Anne Jahn, Silke Dambrowsky und Edeltraut Radochla (v.l.) vom Kräutergarten Dissen.
Halten den Kräutergarten in Ordnung: Anne Jahn, Silke Dambrowsky und Edeltraut Radochla (v.l.) vom Kräutergarten Dissen. FOTO: Daniel Friedrich