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Zwei Gesichter, ein Mann

Henry Crescini – vergangenes Jahr auf dem Stadtfest.
Henry Crescini – vergangenes Jahr auf dem Stadtfest. FOTO: Reifenberger
Cottbus. Henry Crescini schafft es, zwei sehr unterschiedliche Welten miteinander in Einklang zu bringen. Er arbeitet als Referent des Oberbürgermeisters und ist leidenschaftlicher Musiker. Andrea Hilscher

Wenn Henry Crescini seine Haare zum Zopf gebunden hat, dazu noch einen Anzug trägt, kann man fast sicher sein: Gerade steht der persönliche Referent des Oberbürgermeisters vor einem, unterwegs in offizieller Mission. Sieht man ihn in Jeans und T-Shirt, hat man es eher mit dem leidenschaftlichen Sänger und Gitarristen zu tun. Henry Crescini ist ein Mann mit vielen Facetten, doch wenn er von seinem Leben erzählt, fügen sie sich zu einem stimmigen Bild.

Crescini (41) wurde in Caracas geboren, die Musik wurde ihm fast schon in die Wiege gelegt: Ein Onkel war Sänger und Gitarrist in einer venezolanischen Band, steckte seinen Neffen mit der Leidenschaft für kräftigen Rock an. Crescini lernte Gitarre, sammelte erste Band-Erfahrungen, sang ein bisschen Background. "Aber meiner Stimme habe ich damals noch nicht getraut", sagt er. Das Studium der Kunstwissenschaften hat er der Musik zuliebe unterbrochen, etwas später dann - in einer progressiven Rockband - auch als Sänger auf der Bühne gestanden. "Die Texte habe ich ohnehin schon geschrieben", erzählt Crescini, für den die englische Sprache wie geschaffen ist, um zusammen mit der Musik Inhalte und Emotionen zu transportieren.

Einige Jahre lang widmete er sich ganz dieser Leidenschaft, jobbte tagsüber in der Firma seines Vaters, arbeitete nebenbei als Radiomoderator. "Ich war schon ein bisschen bekannt in Venezuela", erzählt er, und dass es nicht unangenehm gewesen sei, auch mal auf der Straße erkannt zu werden. Höhepunkt seiner Karriere war ein Auftritt als Vorband der Metall-Band Apocalyptica. Kurze Zeit später zerbrach Crescinis Band, er widmete sich fortan wieder dem Studium und machte seinen Abschluss in Kulturmanagement - was ihn dann 2008 nach Cottbus führte, zur BTU und dem Masterstudiengang World Heritage. Innerhalb kürzester Zeit lernte er perfekt Deutsch, fand einen Musiker, mit dem er zusammen auftreten konnte, und fing an, seine Stimme nach neuen Methoden zu trainieren. "Heute habe ich viel mehr Vertrauen in meinen Gesang, kann mein gesamtes Spektrum ausschöpfen und sowohl sehr hoch als auch tief singen." Eine Zeit lang trat er als Singersongwriter mit seiner Akustikgitarre auf, doch irgendwann zog es ihn zurück zur Rockmusik. "Mir fehlten die Kraft und Energie, die man dabei spürt."

Er hatte Glück, fand mit Renée Schlender und der Sängerin Charleen Musiker, mit denen er in dem Projekt "Emotional Winter" all das verwirklichen kann, was ihm - musikalisch - am Herzen liegt. "Was wir machen, ist rockig, alternativ, auch melancholisch", erzählt Crescini. Die Texte erzählen von dem, was das Leben ausmacht: Höhen und Tiefen, gute und weniger gute Erfahrungen. "Wenn es der Musik gelingt, diese Stimmungen rüberzubringen, hilft sie vielleicht Menschen dabei, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und depressive Stimmungen zu überwinden."

Eine erste große Bewährungsprobe wird Emotional Winter am 18. Juni im Rahmen des Stadtfestes abliefern: Crescini und seine Bandkollegen spielen im Rahmen des interkulturellen Festivals "Cottbus Open" auf der Bühne im Puschkinpark. "Fünf Songs, 20 Minuten, dazu Videos. Eine kleine Version unserer normalen Show. Aber für uns eine tolle Möglichkeit, uns vor Publikum zu bewähren." Im Herbst, so hoffen die Musiker, können sie eine größere Show abliefern, mit Nebel und Lichtern. Auch eine CD soll demnächst fertig werden.

Träume? Haben Musiker wohl immer. Von großen Bühnen, Open-Air-Festivals, begeisterten Fans. "Ich kenne Bands, die kriegen all das hin und bleiben dabei ganz bodenständig. Haben Jobs und Familie und treten trotzdem auf großen Festivals auf." Henry Crescini bleibt vorerst der Stadtfest-Bühne treu. Hier hat ihm auch sein Chef schon applaudiert: Den hatte Crescini im Wahlkampf unterstützt, war dann als Referent ins Büro von Holger Kelch gezogen. "Ich kann beide Funktionen gut voneinander trennen", erzählt Crescini. Beim Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla sei es ja auch kein Problem, den Sportler und Politiker vom Theaterchef zu trennen. "Ich mag es deshalb auch nicht so sehr, wenn mich Menschen bei offiziellen Terminen fragen, ob ich meine Gitarre dabeihabe. Eins hat mit dem anderen nichts zu tun." Sein Lächeln wird auch dann einen Hauch kühler als gewöhnlich, wenn ihn Menschen nach "seiner Heimat Venezuela" fragen. "Meine Heimat ist hier, ich bin Cottbuser, bin mit einer Frau aus Cottbus verheiratet."