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Zwangsadoption – ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte

Cottbus. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch Katrin Behr, Leiterin einer Hilfsorganisation für Zwangsadoptierte, geht davon aus, dass von den 72 000 Adoptionen, die zu DDR-Zeiten abgewickelt wurden, rund 10 000 gegen den Willen der leiblichen Eltern vollzogen wurden. Bei einer Diskussionsrunde der Konrad-Adenauer-Stiftung im Lindner Congress Hotel klagte Katrin Behr über mangelnden Rückhalt vonseiten der Behörden. Andrea Hilscher

"In vielen Adoptionsstellen der Jugendämter sitzen bis heute Altkader, die uns den Zugang zu unseren Akten verwehren." Daher hat sie eine Internetplattform für Betroffene ins Leben gerufen, auf der Opfer von Zwangsadoptionen ihre Angehörigen suchen können. " 597 Fälle konnten wir so lösen", sagt Behr. Auch ihre eigene Mutter hat sie nach der Wende gefunden. Katrin Behr wurde selbst im Alter von vier Jahren zwangsadoptiert. "Meine Mutter wurde wegen Arbeitsbummelei abgestraft, ich kam nach einigen Pflegefamilien zu Eltern, die mich auf den Sozialismus eingeschworen haben." Bis heute leidet Katrin Behr unter den Folgen der traumatischen Erlebnisse, ihr fehlen Wurzeln und Vertrauen - obwohl sie ihre leibliche Mutter wiedergefunden hat.

Von einem anderen Schicksal weiß Viola Greiner-Willibald zu erzählen. Sie hatte schon als 19-Jährige einen Ausreiseantrag gestellt, kurz danach brachte sie ihren Sohn zur Welt. "Er war ein Frühchen, lag noch in der Klinik", erinnert sie sich. "Ich wollte meine Tochter Mandy aus der Krippe abholen, als mich die Chefin dort zu sich rief. Ich müsste unterschreiben, dass ich meinen Sohn zur Adoption freigebe, sonst würde ich Mandy nie wiedersehen." Auch Jahrzehnte später treten Viola Greiner-Willibald die Tränen in die Augen. Bis heute hat sie nach ihrem verlorenen Sohn gesucht. "Jetzt scheint es eine Spur zu geben", sagt sie. Ein Fernsehteam des MDR will den jungen Mann aufgespürt haben. "Jetzt muss er entscheiden, ob er mit mir Kontakt aufnehmen will", sagt die Mutter. Doch Adoptionsexpertin Katrin Behr warnt vor überzogenen Erwartungen. "Bei derartigen Zusammenführungen treten sich zwei fremde Menschen gegenüber, die sich erst kennenlernen müssen. Die Zwangsadoptierten sind plötzlich zwischen zwei Familien hin- und hergerissen." Bei den Zuhörern des Abends lösten die Vorträge tiefe Betroffenheit aus. Infos unter www.zwangsadoptierte-kinder.de .