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| 19:08 Uhr

Zuwanderung
Drei Jahre Arbeit mit Flüchtlingen

Hat den Überblick: Servicebereichsleiterin Dr. Stefanie Kaygusuz-Schurmann.
Hat den Überblick: Servicebereichsleiterin Dr. Stefanie Kaygusuz-Schurmann. FOTO: Simone Wendler
Cottbus. Die Stadt Cottbus sieht deutliche Erfolge ihrer Integrationsbemühungen. Von Andrea Hilscher

Sie ist als Schnellsprecherin bekannt. Doch wenn es um eine erste große Bilanz der Flüchtlingsarbeit in Cottbus geht, dann braucht auch Dr. Stefanie Kaygusuz-Schurmann ziemlich viel Zeit, um die letzten drei Jahre Revue passieren zu lassen. Als sie dem Sozialausschuss in seiner jüngsten Sitzung ihren Migrationsreport vorstellte, zollte sogar Klaus Groß von der AfD ihrer Arbeit Respekt. „Ich bin beeindruckt, was hier seit 2015 geleistet wurde.“

Stefanie Kaygusuz-Schurmann, Leiterin des neu geschaffenen Servicebereichs Bildung und Integration, sagt zu den wichtigsten Fakten: Aktuell leben in Cottbus 100 280 Menschen, 8768 von ihnen sind Migranten. „Den Status als Großstadt hält Cottbus also nur durch die Zuwanderung“, so Kaygusuz-Schurmann.

Auf dem Höhepunkt der Zuwanderung musste die Stadt alle Kräfte bündeln, um Geflüchteten ausreichend Wohnraum zur Verfügung stellen zu können. So lebten im Jahr 2016 rund 970 Menschen in Übergangswohnungen oder Flüchtlingsunterkünften, heute sind es noch 642. „Wir bauen Kapazitäten ab“, sagt Sozialdezernentin Maren Dieckmann (parteilos). Geschlossen werden konnten Unterkünfte in der Thomas-Müntzer-Straße, in der Karl-Marx-Straße, der Karl-Liebknecht-Straße, Feldstraße, Hufelandstraße und im Gewerbeweg. Die Betreuung der Gemeinschaftsunterkünfte und Wohnverbünde im Stadtgebiet teilen sich das Diakonische Werk Niederlausitz (Nord) und das Diakonische Werk Elbe-Elster (Süd).

Die Migrationssozialarbeit hat sich nach Einschätzung der Experten  gut aufgestellt, ein dichtes Netzwerk aus Beratungsstellen und Projekten  kümmert sich um die spezifischen Belange geflüchteter Menschen. „Aber“, und darüber freut sich nicht nur der Ausschussvorsitzende Eberhard Richter (Linke): „Zum Beispiel die Willkommenstreffs in Sachsendorf und Schmellwitz werden inzwischen auch von Deutschen intensiv genutzt.“ Auch in zahlreichen Ehrenamtsprojekten engagieren sich inzwischen mehr Flüchtlinge als Alteingesessene. Migrationssozialarbeiter kümmern sich an 14 Schulen um die Probleme, die zwischen Kindern und Eltern unterschiedlicher Kulturen entstehen. Die drei Erziehungs- und Familienberatungsstellen der Stadt wurden mit Fachkräften aufgestockt, um die geflüchteten Familien zu beraten.

Zweiter großer Brocken der Integrationsbemühungen: der Arbeitsmarkt. Noch immer kämpfen die zuständigen Vermittler mit diversen Hemmnissen: Der Migrationsreport nennt die fehlende Anerkennung beruflicher Qualifikationen aus den Herkunftsländern, schwierige politische und rechtliche Rahmenbedingungen, Vorbehalte bei Arbeitgebern und gesundheitliche Probleme von Flüchtlingen. Nach Langzeitbeobachtungen, so Stefanie Kaygusuz-Schurmann, kann man davon ausgehen, dass nach vier bis fünf Jahren Aufenthalt ungefähr 50 Prozent der Zugewanderten eine Arbeit aufgenommen haben, erst nach zwölf Jahren liegt der Anteil bei 80 Prozent. „Wir müssen also Geduld haben.“

Aus dem Bereich des Jobcenters sind in diesem Jahr 363 Geflüchtete in Arbeit, Selbstständigkeit oder Ausbildung vermittelt worden, davon 94 innerhalb von Cottbus.

Hinter manchen Zahlen stehen allerdings auch kuriose Geschichten. „In Zeiten, in denen wir händeringend nach Lehrern suchen, haben wir unter den Geflüchteten tatsächlich 60 qualifizierte Pädagogen“, erzählt die Leiterin des Servicebereiches Bildung. „Diese 60 arbeiten auch – als Koch, Reinigungskräfte oder Servicemitarbeiter.“ Sven Mochmann, Leiter des Cottbuser Jobcenters, bestätigt: „Die Menschen greifen nach jedem Strohhalm, um Arbeit zu finden und sich einen Weg aus Hartz IV zu erkämpfen.“ Das Problem sei es nun, diese Menschen in den Lehrerberuf zu bringen. „In Potsdam gibt es ein Projekt für geflüchtete Lehrer, darüber konnten wir schon zwei Klassenlehrer für Cottbus gewinnen“, sagt Stefanie Kaygusuz-Schurmann.

Ein Problem, das die Betreuer gerade in den letzten Monaten verstärkt vor Herausforderungen stellt, ist die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten. „Wir merken, dass jetzt massiv Traumatisierungen aufbrechen, sowohl bei Frauen und Kindern wie auch bei geflüchteten Männern“, sagt Sozialdezernentin Maren Dieckmann.