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| 19:15 Uhr

Kultur
Zusammenhalt in schwieriger Zeit

Hanna Lindner und Daniel Ratthei spielen „Zusammenhalten“ unter der Regie von Reinhard Drogla. Das Stück über den Wert von Gemeinschaft und gegenseitigem Respekt überzeugt die jungen Zuschauer.
Hanna Lindner und Daniel Ratthei spielen „Zusammenhalten“ unter der Regie von Reinhard Drogla. Das Stück über den Wert von Gemeinschaft und gegenseitigem Respekt überzeugt die jungen Zuschauer. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Die erste Premiere nach den Angriffen der AfD auf das Piccolo Theater überzeugt Zuschauer. Von Andrea Hilscher

Ein Referendar tritt vor seine Klasse. Er will mit seinen Schülern über die Weltkarte reisen, ihnen von fremden Ländern erzählen, Meere und Kontinente gedanklich ausmessen. Herr Nowak, der junge Referendar, erzählt seinen Schülern von den unterschiedlichsten Regeln, die sich die Länder der Welt geben, kommt vom Tempolimit über die Ein-Kind-Politik schnell zu dem, was Menschen unterscheidet – und dem, was sie verbindet.

„Zusammenhalten“ heißt das Stück, dass am Dienstag im Piccolo Theater Premiere hatte. Als Theater-Chef Reinhard Drogla die Idee dazu für seine beiden neuen Schauspieler Hanna Lindner und Daniel Ratthei entwickelt hat, wusste er noch nicht, welche Brisanz Titel und Thema entwickeln würden: Die Brandenburger AfD, allen voran Fraktions-Chef Andreas Kalbitz, hat die Spielpraxis des Cottbuser Kinder- und Jugendtheaters vor wenigen Wochen in den Mittelpunkt einer Landtags-Anfrage gestellt. Er wollte wissen, wie viele Stücke mit dezidiert aktuellem gesellschaftlichen und oder politischem Bezug ähnlich dem Piccolo-Theaterstück „KRG“ in dieser Legislaturperiode inszeniert werden – und welche Fördergelder an das Theater fließen.

Die Anfrage ist Teil einer Strategie der Bundes-AfD, die derzeit „linke Förderstrukturen“ untersucht. Sie würden von Bundes- und Landesregierungen genutzt, um gezielt gegen Andersdenkende – in diesem Fall rechte Kräfte – vorzugehen, so die Aussage eines Abgeordneten.

Reinhard Drogla, zugleich Stadtverordnetenvorsteher, geht gelassen mit dem Angriff auf sein Haus um: Bisher habe er noch keinen AfD-Politiker bei sich im Theater gesehen, „wir machen hier ganz ruhig unsere Arbeit und zeigen, wie man respektvoll miteinander umgeht.“

Zurück zum aktuellen Stück. Hier sind der Referendar Nowak (Daniel Ratthei) und seine Praktikantin Hanna (Hanna Lindner) bei der spannenden Frage angekommen, was denn eigentlich das Wörtchen „fremd“ bedeutet. Spielerisch zeigen sie den Fünftklässlern der Regine-Hildebrandt-Schule aus Sachsendorf, wie langweilig ein Leben ohne „Fremdes“ wäre. Unsere Sprache funktioniert nur im Mix mit anderen. „Selbst die Gurke hat polnische Ursprünge“, erzählt der Referendar seinen Schülern und bringt sie mit seinen witzigen Ideen immer wieder zum Lachen. Was hätten sie für Kleidung am Leib, wenn sie alle Produkte aus dem Ausland ausziehen würden? Wie wäre das Leben, wenn alle Menschen gleich wären und nur Vanilleeis essen würden?

Dass viele unserer Ängste ihre Wurzel in der Steinzeit haben, heute aber das „Zusammenhalten“ viel sinnvoller ist, steht als Fazit am Ende des 30-minütigen Klassenzimmer-Stückes. Ohne es zu merken, sind die Schulkinder selbst längst Teil der Inszenierung geworden, der Übergang in ihre Alltagswelten ist fließend. „Wie helft ihr denn den Neuen in eurer Klasse, sich nicht mehr fremd zu fühlen?“, fragen Lindner und Ratthei. Die Antworten sind besser als jedes Drehbuch. „Wir spielen zusammen“, sagen die Fünftklässler. „Wir nehmen sie mit in unsere Vereine oder zu uns nach Hause.“ „Wir bringen ihnen unsere Sprache bei.“

Von den 22 Schülern dieser fünften Klasse haben knapp ein Viertel ausländische Wurzeln. „Natürlich gibt es auch bei uns, wie überall, mal Streit“, sagt Klassenlehrerin Monika Mangler. „Aber Stücke wie dieses helfen den Kindern, ihren Weg zu finden.“ Ihr sei es wichtig, den Schülern ein Motto nahezubringen. „Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Wenn die Kinder das beherzigen würden, sei schon viel gewonnen.

Die Regine-Hildebrandt-Grundschule arbeitet im Rahmen eines Kooperationsvertrages eng mit dem Piccolo Theater zusammen. Das Klassenzimmer-Stück (geeignet für die 3. bis 6. Klassenstufe) gastiert auf Anfrage in allen Schulen.