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| 17:35 Uhr

Zurück nach Hause
Zurückgekehrt und trotzdem arbeitslos

Großer Andrang hat auch beim dritten Rückkehrer-Tag im Cottbuser Rathaus geherrscht. Viele der Angebote, die die Agentur für Arbeit Rückkehrern bereit hält, dürften aufgrund des in Aussicht stehenden Entgeltes wohl unbesetzt bleiben.
Großer Andrang hat auch beim dritten Rückkehrer-Tag im Cottbuser Rathaus geherrscht. Viele der Angebote, die die Agentur für Arbeit Rückkehrern bereit hält, dürften aufgrund des in Aussicht stehenden Entgeltes wohl unbesetzt bleiben. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Wegen des Fachkräftemangels versuchen viele Lausitzer Gemeinden, mit verschiedenen Angeboten qualifiziertes Personal in die Heimat zu locken. Wie das Rückkehrerprogramm in der Praxis aussieht, hat sich die RUNDSCHAU genauer angesehen. Von Jenny Theiler

Euphorisch, enthusiastisch und voller Tatendran ist Andreas Neumann 2008 in die Lausitz zurückgekehrt. Der gelernte Bierbrauer aus Cottbus hat 17 Jahre lang in Baden-Württemberg gelebt und gearbeitet – dann zog es ihn wieder in seine Heimat. Doch die vergangenen zehn Jahre werden von ständigen beruflichen Pleiten begleitet. Trotz Arbeitswillen und allgegenwärtigen Fachkräftemangels muss Andreas Neumann mehrfach den Job wechseln. Seit Mai diesen Jahres ist der 54-Jährige arbeitslos.

FOTO: LR / Jenny Theiler

In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Problem der unbesetzten Stellen kontinuierlich verstärkt. „Der Personalmangel macht sich in fast allen Branchen bemerkbar. Besonders hart trifft es die Gastronomie, das Handwerk und den Pflegebereich“, sagt Jana Frost von der Industrie- und Handelskammer Cottbus (IHK). Um freie Stellen möglichst effektiv zu vergeben, setzen viele Städte, Landkreise und Gemeinden auf Rückkehrer, also jene Fachkräfte, die einen heimatlichen Bezug zur Lausitz haben und sich vorstellen können, zu ihren Wurzeln zurückzukehren – so wie Andreas Neumann.

Der 54-Jährige hat das Bierbrauen 1982 erlernt und war in Cottbus der letzte aktive Bierbrauer des ehemaligen Getränkekombinats Cottbus. Als die Brauerei Anfang der 90er-Jahre abgewickelt wird, reagiert der damals Endzwanziger auf ein Inserat in Baden-Württemberg und startet eine Karriere als Kellner. „Ich hatte nicht vor, für immer da unten zu bleiben. Irgendwann wollte ich wieder zurück in die Lausitz“, erklärt Andreas Neumann. Aus der provisorischen Zwischenlösung werden dennoch 17 Jahre. Der Lausitzer gründet eine Familie und arbeitet weiterhin in der Gastronomie.

Private Schicksalsschläge ziehen den Bierbrauer 2008 wieder zurück nach Cottbus. Arbeit findet er in Senftenberg, als Brauer in einem Hotel. „Die Anlage war aber völlig überdimensioniert, und es kamen auch längst nicht so viele Touristen, wie erhofft“, erinnert sich Andreas Neumann. Bei der Entlassungswelle, die anderthalb Jahre später folgt, wird auch der Posten des Bierbrauers wegrationalisiert. Auf den Rückkehrer kommen drei weitere Jahre Arbeitslosigkeit zu.

Zwischendurch versucht sich Andreas Neumann 2010, mithilfe der IHK selbstständig zu machen. „Natürlich hat die IHK Interesse daran, in erster Linie bestehende Unternehmen zu erhalten, aber auch bei Neugründungen gibt es passgenaue Beratungen für jede Branche und Altersklasse“, sagt Jana Frost. Der Traum von der eigenen Brauerei scheitert jedoch an der Finanzierung. „Der Business-Plan war fertig, aber ich hatte weder Kapital noch Geschäftspartner. Niemand wollte sich auf das Projekt einlassen“, erzählt der Rückkehrer.

Neue Hoffnung schöpft der Bierbrauer 2013. Ein Hotel in Burg will eine Brauerei eröffnen, und Andreas Neumann wird beauftragt, eine Brauanlage zu organisieren, die den Rahmen von 100 000 Euro nicht überschreitet. In Österreich wird er fündig. Das Hotel bekommt eine Gasthofbrauerei und Andreas Neumann einen neuen Job – saisonbedingt aber nur auf Teilzeitbasis. „Angefangen habe ich mit 900 Euro brutto. Zuletzte hatte ich 1020 Euro brutto raus“, erzählt der Rückkehrer. Zum Leben ist das dennoch zu wenig. Andreas Neumann muss weiterhin mit Hartz IV aufstocken.

Als Kellner in Baden-Württemberg hatte der Cottbuser nie finanzielle Engpässe zu beklagen. Dass die Lausitz jedoch nicht mit anderen deutschen Wirtschaftsregionen mithalten kann, räumen sowohl IHK als auch die Agentur für Arbeit ein. „Das Arbeitsentgelt ist oft geringer als in der vorherigen Anstellung, insbesondere wenn die Interessierten aus den Altbundesländern oder den Großstädten zurückkehren wollen“, räumt Jean-Marie Ulrich vom Arbeitgeberservice des Elbe-Elster-Kreises ein.

Wenn der wirtschaftliche Anreiz kaum gegeben ist, muss die Lausitz mit anderen Vorzügen bei Arbeitswilligen punkten. „Das Angebot an die Rückkehrer ist ein funktionierendes Netzwerk, das mit konkreten Ansprechpartnern zu den Themen Arbeit, Ausbildung, Schule, Wohnen, Kinderbetreuung verbunden ist, die beim Ankommen in der Region einfach helfen“, erklärt Jean-Marie Ulrich. Dies sei vor allem für jüngere Fachkräfte ein entscheidender Punkt. „Wer beispielsweise durch ein Erbe zum Grundstück der Großeltern kommt  oder im Haus der Familie einzieht, muss sich um die Wohnsituation keine Sorgen mehr machen. Viele Rückkehrer sind dann bereit, auch Einschränkungen beim Gehalt hinzunehmen, verlangen dafür aber eine gewisse Flexibilität bei der Arbeit“, erklärt Jana Frost. Vor allem das gut ausgebaute Kita-Netz, günstige Infrastrukturen in ländlichen Gegenden und die vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten seien laut IHK und Agentur für Arbeit für viele Rückkehrer ein Anreiz, wieder in die Lausitz zu ziehen. Für Andreas Neumann ist das ein schwacher Trost. „Ich finde, dass günstige Mietpreise nicht ausreichen, um Rückkehrern die Lausitz schmackhaft zu machen, denn so günstig sind die Lebenshaltungskosten in Cottbus auch nicht mehr“, meint der Bierbrauer.

Garantien auf einen Arbeitsplatz gibt es trotz Fachkräftemangels ebenfalls nicht. „Letztlich muss der Erfolg vom Rückkehrer selbst und seiner Eigenvermarktung abhängig sein, und wie diese beim einzelnen Arbeitgeber ankommt“, betont Jean-Marie Ulrich. An Arbeitserfahrung mangelt es Andreas Neumann nicht, und die Bereitschaft, auch in anderen Branchen zu arbeiten, ist bei ihm immer da gewesen. „Es ist möglich, in der Lausitz recht schnell Arbeit zu finden, aber eben keine, von der man auch gut leben kann. Es sei denn, man hat mehrere Jobs“, sagt Andreas Neumann. Trotz 30-prozentiger Schwerbeschädigung hat der 54-Jährige in seiner Zeit in Burg zusätzliche Fahrdienste für das Deutsche Rote Kreuz gemacht. Die Zwölf- bis 13-Stunden-Schichten haben sich finanziell zwar gelohnt, brachten den Cottbuser aber nach drei Jahren an seine körperlichen Grenzen.

„Ich will nur einen Job von dem ich leben kann – mehr nicht“, sagt der gelernte Bierbrauer. Sein Auto kann sich Andreas Neumann seit dem vergangenen Jahr nicht mehr leisten, Anfang des Jahres ist seine Beziehung in die Brüche gegangen, seit Juni lebt er von Hartz IV. „Ich wollte meinen Beitrag für meine Heimat leisten, aber jetzt ist die ganze Anfangs-Euphorie von damals weg“, gesteht der Cottbuser. Aufgegeben hat sich der 54-Jährige aber nicht. „Solange ich mich noch bewegen kann, suche ich weiter nach Arbeit in meiner Qualifikation. Deswegen versuche ich, das alles nicht zu schwarz zu sehen – bringt ja auch nichts“, sagt Andreas Neumann.