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Zurück ins Flüchtlingsheim

Applaus für Monica Ooro (vorn rechts, auf dem Foto mit ihrer Freundin Samira Johannes) für ihre abgeschlossene Erzieherausbildung.
Applaus für Monica Ooro (vorn rechts, auf dem Foto mit ihrer Freundin Samira Johannes) für ihre abgeschlossene Erzieherausbildung. FOTO: Helbig/mih1
Cottbus. Dienstagabend, eigentlich Probenzeit im Bürgertheater "Die nicht schlafen" im Cottbuser Familienhaus. Doch an diesem Abend soll vor allem gefeiert werden. Renate Marschall

Manch einer hat Pakete mit Grillfleisch und Würsten in der Tasche. Christina Wilke bringt einen großen Blumenstrauß mit. Während sie ihn auspackt, formieren sich Theaterleute und Mitarbeiter des Familienhauses zum Halbkreis um Monica Ooro. Die hat gerade ihre Ausbildung zur Erzieherin erfolgreich abgeschlossen. "Ich habe das Zeugnis gesehen", erzählt Uschi Busch. "Ganz viele Zweien waren darauf. Monica ist richtig gut, sehr fleißig."

Sie ist beliebt in der Theatergruppe und das nicht nur wegen ihrer vielen Talente - singen, spielen, musizieren - sondern wegen ihres Wesens. "Monica ist unser Sonnenschein, bringt viel Schwung mit. Außerdem ist sie ein Goldkehlchen, was unsere Programme bereichert", schwärmt Theaterleiter Ronne Noack. "Sie ist eine offene, fröhliche, tolerante junge Frau", beschreibt Samira Johannes. "Ich liebe es, mit ihr zu lachen und zu tanzen. Wir tanzen manchmal einfach so hinter der Bühne, um uns zu entspannen. Monica ist mega kinderlieb. Ich finde es bewundernswert, dass sie bei allem, was sie erlebt hat, nichts von ihrem Lebensmut, von ihrer Fröhlichkeit eingebüßt hat." Monica Ooro stammt aus Kenia.

Sie muss schon überlegen, wie lange sie in Cottbus ist, so viel ist in den fast neun Jahren nach der Flucht aus ihrer Heimat passiert. "Aus politischen Gründen, sagt sie, musste sie weg, mag nicht ins Detail gehen, nicht zurückschauen. Nur ihren Freunden hat sie von ihren schlimmen Erlebnissen erzählt, jetzt, nachdem sie das kann.

Kein Wort Deutsch konnte sie, als sie ankam im Flüchtlingsheim in Sachsendorf. "Um irgendetwas anfangen zu können, muss ich die Sprache lernen", war ihr klar. Damals aber gab es keinen Sprachkurs für Flüchtlinge. Die junge Frau nahm ihr bisschen Taschengeld, half in einer Familie beim Putzen. So verdiente sie etwas Geld dazu und bekam außerdem noch Sprachunterricht. Das Geld reichte irgendwann für einen Deutschkurs. Sie nutzte alles, um zu lernen, Zeitungen zum Beispiel. Dort las sie vom DNS-Theater, das Mitstreiter sucht. Das ist übrigens bis heute so. Obwohl ihre Deutschkenntnisse noch dürftig waren, wurde sie aufgenommen - im Wortsinn. Hier fand sie Menschen, die sich um sie kümmerten, halfen, Freunde wurden. "Durch das Theater habe ich viele Menschen kennengelernt", sagt Monica Ooro. Eine Mitstreiterin vermittelte ihr beispielsweise einen Auftritt in der Schule des Zweiten Bildungsweges Cottbus. Monica Ooro erzählte der Leiterin von ihrem Wunsch, die 10. Klasse nachzuholen und, dass das Schulamt sie abgelehnt hatte. "Frau Krestin hat mir geholfen", erinnert sie sich. 2014 hielt sie das Zeugnis in den Händen. Und hatte auch schon einen Ausbildungsplatz - bei der AWO Lübbenau. Ein Traum ging in Erfüllung, sie würde Erzieherin werden, mit Kindern arbeiten. Inzwischen hat sie es geschafft. Und die junge Frau, der - während der Praktika und in vielen Projekten erprobt - die Kinderherzen nur so zufliegen, hat auch schon einen Arbeitsplatz. In Sachsendorf, in jenem Flüchtlingsheim, in dem sie selbst einst voller Angst und Hoffnung gestrandet war.

"Die Liste der Menschen, denen ich danken muss, ist so lang", ist sie ein bisschen ratlos, wie sie das anstellen soll. Zuerst ist da Familie Watzlawik. "Ich sage Mama und Papa zu ihnen, sie sind meine Ersatzeltern. Sie haben mir, nachdem ich eine schwere Herzoperation hatte, sogar die Schultasche getragen. Die beiden sind 89 und 76 Jahre alt." Es sind die Leute in der Theatertruppe, in den Schulen, im Seniorentreff und im Kinder- und Jugendensemble "Pfiffikus", wo sie ehrenamtlich tätig war. "Ich würde gerne noch viel öfter in meiner Freizeit mit Jugendlichen und Kindern arbeiten", bekennt sie.

Weil Monica Ooro eine Vision hat: Sie möchte erzählen von ihrer Heimat Afrika, den Kindern ein Gefühl geben, wie es wäre, wenn sie dorthin kommen würden, schildern, wie die Kinder dort leben, womit sie spielen und dass viele nicht mal einen Stuhl zum Sitzen haben. Vor allem möchte sie zeigen, Menschen mit schwarzer Hautfarbe sind nicht böse, sie sind nicht schlechter als ihr, nur anders. Und den Flüchtlingen sagt sie: "Es geht nicht ohne die Sprache zu lernen, nicht ohne Integration. Das schafft man nicht von heute auf morgen, man muss kämpfen."

Nun stehen an diesem Dienstagabend die Mitglieder ihrer Theatergruppe um sie herum, gratulieren. Ein bisschen ist ihr das peinlich, so im Mittelpunkt zu stehen. Schnell reiht sie sich wieder ein, schließlich gibt es ja was zu tun. Neben der Feier soll über das nächste Theaterprojekt gesprochen werden. Ronne Noack möchte schnell noch einen Vor-Ort-Termin in der IHK machen, wo zur Nacht der kreativen Köpfe die Laienschauspieler für Überraschungen sorgen wollen. "Manch Prominenter wird dort auftreten", verrät er schon mal.