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Zur Begrüßung ging es in den Arrest

Die Ausstellung zum Jugendwerkhof Torgau zeichnet eine Art Vorgeschichte des Zuchthauses Cottbus.
Die Ausstellung zum Jugendwerkhof Torgau zeichnet eine Art Vorgeschichte des Zuchthauses Cottbus. FOTO: kompalla
Cottbus. Das Menschenrechtszentrum Cottbus zeigt ab heute eine Ausstellung über den Jugendwerkhof Torgau unter dem Titel "Auf Biegen und Brechen". Zur Eröffnung im ehemaligen Cottbuser Gefängnis wird Alexander Müller erwartet. Der Zeitzeuge kam zweimal in das berüchtigte Spezialheim. Peggy Kompalla

Die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau setzt mit ihrer Wanderausstellung "Auf Biegen und Brechen" Schlaglichter auf die Geschichte der eigenen Einrichtung. Sie ist nun erstmals in der Region zu sehen - in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus. Die Schau ist einfach gehalten. Doch auch in den 13 Aufstellern wird die Tragweite dieser Disziplinierungs-Anstalt deutlich.

Was hat der Jugendwerkhof Torgau mit Cottbus und dem Zuchthaus für politisch Gefangene zu tun? Er ist praktisch die Vorgeschichte, erklärt Ralf Marten. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Menschenrechtszentrum. "Viele Häftlinge waren in Spezialheimen der DDR, wenn auch nicht zwangsläufig in Torgau", erklärt er und fügt an: "Das zieht sich wie ein roter Faden durch manche Biografie: von den Eltern nicht angenommen, dann Kinderheim, später Spezialheim. Dort ging es primär um Disziplinierung von Menschen, die außerhalb der sozialistischen Norm waren." Wer sich auch nach den Erfahrungen in solchen Spezialheimen nicht zurechtbiegen ließ, landete im Zweifelsfall irgendwann im politischen Knast - wie Cottbus. Insofern ist die Ausstellung eine wichtige Ergänzung zur Dauerausstellung im Hafthaus.

Die Fotografien aus dem Jugendwerkhof erinnern eher an ein Gefängnis als ein Erziehungsheim. Die Insassen werden sich auch genauso gefühlt haben. Oft genug schluckten sie Nägel oder Schmierfett, um wenigstens ein paar Tage ins Krankenhaus zu kommen. Schmerzen waren besser als dieser Ort, der von Drill, Zwang und Disziplinierung geprägt war. Alle Neuankömmlinge kamen zur Begrüßung in den Arrest. Dort lernten sie sofort kennen, was ihnen blühte, wenn sie gegen die Heimregeln verstießen. Der Arrest gehörte zum Alltag. Die Arrestordnung verbot den Jugendlichen Singen und Pfeifen, Lesen, aus dem Fenster sehen und jegliche Unterhaltung mit anderen Jugendlichen. Die Pritsche durfte tagsüber nicht genutzt werden. Verstöße gegen die Regeln bedeuteten Arrestverlängerung. Verschärfend konnten die Jugendlichen in Isolier- und Dunkelzellen kommen.

Die waren im Keller, kleiner und niedriger, die Lichtschächte mit Sandsäcken abgedeckt. Über seine Erfahrung erzählt René K.: "Ein kleiner dunkler Raum, man verliert darin jegliche Art von Zeitgefühl, selbst wenn es bloß 24 Stunden sind. Man weiß weder, wo links, rechts, vorn, hinten, oben, unten ist. Man hat bloß einen Gedanken: raus aus dem Ding." Die Jugendlichen nannten die Dunkelzelle in Torgau Fuchsbau. In Cottbus gab es eine Isolierzelle, die die Männer Tigerkäfig tauften. Solche Parallelen offenbaren sich zuhauf.

Alexander Müller wird bei der Eröffnung der Ausstellung heute Abend um 17.30 Uhr von seinen Erinnerungen an den Jugendwerkhof berichten. Dazu gibt Ralf Marten einen kurzen Vortrag zur Heimerziehung in der DDR. "Wir wollen aber dem Gespräch mit dem Zeitzeugen den meisten Platz einräumen", erklärt er.

Am gleichen Abend startet das Menschenrechtszentrum um 19.30 Uhr mit dem Vortrag von Margot Rothert über die "Strafrechtliche Rehabilitierung politisch Verfolgter - und was dann?" alle zwei Monate eine Beratung für politisch Verfolgte in den Räumen der Gedenkstätte.

Die Ausstellung "Auf Biegen und Brechen" ist bis zum 15. Mai in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus, Bautzener Straße 140, zu sehen. Sie ist Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr.

Zum Thema:
Der Jugendwerkhof Torgau war offiziell die einzige geschlossene Disziplinierungseinrichtung für Jugendliche in der DDR. Das Spezialheim unterstand direkt dem Ministerium für Volksbildung. Von 1964 bis 1989 wurden mehr als 4000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren zur "Anbahnung eines Umerziehungsprozesses" in Torgau eingewiesen. Sie waren zuvor in anderen staatlichen Erziehungseinrichtungen negativ aufgefallen.