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| 17:30 Uhr

Politik
Zukunft Heimat hat wieder demonstriert

Anne Haberstroh (Zukunft Heimat) spricht vor knapp über tausend Demonstranten auf dem Stadthallenvorplatz. Anhänger von AfD und Pegida, stadtbekannte Neonazis und Berliner Lega-Nord-Anhänger sind ebenso wie zahlreiche unorganisierte Cottbuser vor Ort.
Anne Haberstroh (Zukunft Heimat) spricht vor knapp über tausend Demonstranten auf dem Stadthallenvorplatz. Anhänger von AfD und Pegida, stadtbekannte Neonazis und Berliner Lega-Nord-Anhänger sind ebenso wie zahlreiche unorganisierte Cottbuser vor Ort. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Etwas über tausend Anhänger unterschiedlichster Lager sind am Sonntag durch die Cottbuser Innenstadt gezogen.

Acht Wochen nach ihrer letzten Demonstration haben die Akteure von „Zukunft Heimat“ erneut ihre Anhänger mobilisiert und sind mit ihnen am Sonntagnachmittag durch die Innenstadt gezogen. Nach RUNDSCHAU-Schätzungen waren etwas über eintausend Menschen auf den Beinen, nach Aussage des Vereinsvorsitzenden Christoph Berndt waren es mehrere tausend Demonstranten.

Die Mischung der Demo-Teilnehmer: Neben zahlreichen Cottbusern waren Besucher aus Mecklenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin angereist. Pegida-Anhänger halten dabei ihre Fahne ebenso hoch wie eine Gruppe von Deutschen und Italienern aus Berlin, die sich als Anhänger der rechtsgerichteten Lega Nord ausweisen. Reichsbürger mit „Freistaat Preußen“-Shirts demonstrieren neben einer Gruppe stadtbekannter Rechtsextremer. Die vom Verfassungsschutz beobachtete „Identitäre Bewegung“ ist ebenso vor Ort wie eine Gruppierung von Männern, die ein von Neonazis gern verwendetes Zitat benutzt, um der Bundesregierung zu drohen („. . . dann richtet das Volk, dann gnade Euch Gott“). Die Parolen der rechtsextremen Identitären Bewegung („Festung Europa, macht die Grenzen dicht“) wurden ebenso skandiert wie „Widerstand“, „Abschieben“, „Wir sind das Volk“ und „Volksverräter“. Männer, die in Anlehnung an die SA-Uniform komplett schwarz gekleidet sind, mischen sich ebenfalls in die Menge.

Die Redner Siegfried Daebritz (Pegida), Anne Haberstroh und Christoph Berndt (beide Zukunft Heimat) demonstrieren Einigkeit in dem Bemühen, ein Anti-Asylnetzwerk in Cottbus zu etablieren. Sie kritisieren die europäische Flüchtlingspolitik, die Bundeskanzlerin sowie die CDU Brandenburg und warnen vor angeblichen „menschenverachtenden Experimenten“, die darauf hinauslaufen, „das deutsche Volk auszutauschen“.

Die Redner betonen, Integrationsprobleme dürften nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden, berufen sich in ihren Aussagen dabei auf Zitate, die im Potsdamer Landtag und im Cottbuser Stadtparlament gefallen sind – bei Debatten über eben jene Probleme. Ähnlich kompliziert ist auch die Motivation zahlreicher Besucher der Demonstration.

Der Döbbricker Ingo Scharmacher erklärt seine Teilnahme so: „Es gibt seit 2015 keine echte Meinungsfreiheit in diesem Land mehr, das will ich anprangern.“ Einen Widerspruch in der Tatsache, dass er auf einer Demonstration seine Meinung kundtun kann, sieht er nicht. Er war regelmäßiger Besucher der Bürgerdialoge, wurde auf der letzten Stadtverordnetensitzung als sachkundiger Bürger in den Finanzausschuss delegiert.

Zwei junge Cottbuser, die ihren Namen nicht nennen wollen, machen sich vor allem Sorgen um die Kinder. „Meine Tochter geht auf die Carl-Blechen-Grundschule und dort wird zu wenig getan, um die auftretenden Probleme zu lösen“, sagt die junge Frau. Sie erhofft sich Besserung von mehr Sozialarbeit. „Es geht darum, das gegenseitige Verständnis füreinander zu wecken und auch darum, die Sprachbarrieren abzubauen.“ Ihr Begleiter sagt: „Nichts gegen echte Flüchtlinge, von denen geht keine Gefahr aus.“ Illegal eingereiste Menschen aber sollten abgeschoben werden. „Ich habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Aber deshalb demonstriere ich ja hier – damit ich keine schlechten Erfahrungen machen muss.“

Andere Besucher pflichten ihm bei, betonen aber auch, dass sie die durchgeführten Bürgerdialoge und den Besuch des Bundespräsidenten als Schritt in die richtige Richtung werten. „Wir wollen, dass man uns zuhört, sagen zwei Rentner aus Sandow. „Wir sind keine Nazis, aber wir wissen sonst nicht, wohin.“ Auch sie hätten persönlich noch keine schlechten Erfahrungen mit Geflüchteten gemacht. Ihre Sorge: „Die Zuwanderung verschlingt so viel Geld. Letztlich werden unsere Renten gekürzt, wir müssen darunter leiden.“

Eine Angst, die Zukunft Heimat immer wieder schürt. So wird in der Einladung zur Sonntags-Demonstration von einer vermeintlichen „Gleich- oder gar Besserstellung von illegalen Einwanderern gegenüber Einheimischen bei Sozialleistungen und in der Gesundheitsversorgung“ gesprochen. Derartige „Besserstellungen“ gibt es allerdings in keiner Phase des Asylverfahrens, weder für anerkannte Flüchlinge, Menschen mit Duldung oder Bleiberecht oder gar abgelehnte Asylbewerber, die vor Ausreise oder Abschiebung stehen.