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| 18:33 Uhr

Cottbus
„Das war der schlimmste Unfall“

Am 14. März 1989 fuhr ein Personenzug auf dem Betriebsbahnhof von Tauer auf einen abgestellten Güterzug auf. Das Foto zeigt den Moment, als der Lokführer gerettet wird. Ein Panzer war an die Unglücksstelle herangefahren, der Verletzte wurde auf einer Trage durch ein Fenster der Lokomotive herausgehievt.
Am 14. März 1989 fuhr ein Personenzug auf dem Betriebsbahnhof von Tauer auf einen abgestellten Güterzug auf. Das Foto zeigt den Moment, als der Lokführer gerettet wird. Ein Panzer war an die Unglücksstelle herangefahren, der Verletzte wurde auf einer Trage durch ein Fenster der Lokomotive herausgehievt. FOTO: Ulrich Jänckner
Cottbus. Nach dem verheerenden Zugunglück vom 13. März 1989 in Tauer rückte Ulrich Jänckner mit einem Hilfszug samt Besatzung aus Cottbus an. Die Männer sollten die Strecke freiräumen. Sie brauchten zwei Tage. Von Peggy Kompalla

Ulrich Jänckner ist vermutlich der einzige Zivilist, der Fotografien von dem verheerenden Zugunglück von Tauer im Jahr 1989 in seinem Privatbesitz hat. Schließlich ereignete sich der Unfall auf damals sensiblem Terrain. Der Betriebsbahnhof Tauer war der Verladebahnhof für den sowjetischen Truppenübungsplatz Lieberoser Heide. „Es war alles so furchtbar geheim“, erinnert sich der Cottbuser. Er drückte trotzdem auf den Auslöser. Als ihn einer der vielen Uniformierten am Unfallort fragte, antwortete er: „Die sind für Unterrichtszwecke.“ Gelogen war das nicht. Er besaß sogar eine offizielle Foto-Erlaubnis. Ulrich Jänckner war damals als Technischer Leiter im Bahnbetriebswerk der Chef des Aufräumtrupps. Er hatte Unfallbereitschaft und erreichte die Unglücksstelle mit seinem Hilfszug. An Bord waren mehrere Schlosser aus dem Bahnwerk Cottbus und schweres Gerät.

Einen Satz wiederholt der 77-Jährige immer wieder: „Unsere Aufgabe war es, die Strecke schnellstmöglich zu räumen.“ Für ihn stand also die Technik im Mittelpunkt, nicht der Mensch. Der Cottbuser und seine Männer rückten immer dann aus, wenn es auf der Strecke Unfälle oder Havarien gab. Dafür stand ein Hilfszug damals auf dem Bahngelände an der Sachsensdorfer Straße immer auf Abruf bereit. Der Einzugsbereich des Cottbuser Bahn-Räumtrupps reichte von Horka bis Königs Wusterhausen. Wenn er zum Einsatz kam, hatte der Hilfszug immer Vorfahrt. „Sogar vor einem Schnellzug.“

Ulrich Jänckner rückte in seiner Dienstzeit zu drei ernsthafteren Unfällen aus. „Das war der schlimmste“, sagt er und zeigt auf die Bilder. Drei Menschen starben. Als Jänckner den Unglücksort erreichte, herrschte dort bereits Getümmel. „Da haben sie gerade den Lokführer rausgeholt“, erzählt er und zeigt ein Foto, das die Szene festhält. „Ein Panzer war rangefahren. Die Leute – ich vermute, es waren Soldaten – holten den Mann mit einer Trage über ein Fenster raus.“ Eine Tür gab es nicht mehr. Das beweist ein weiteres Bild. Die Zugmaschinen waren mit so viel Kraft aufeinander geprallt, dass es die Führerhäuser zusammenschob. Der Lokführer des abgestellten Güterzugs hatte das Unglück kommen sehen und war rechtzeitig abgesprungen.

Ulrich Jänckner und seine Truppe räumten die Strecke nach dem Unfall frei.
Ulrich Jänckner und seine Truppe räumten die Strecke nach dem Unfall frei. FOTO: LR / Peggy Kompalla

Der Betriebsbahnhof Tauer bestand aus einem durchgehenden Gleis und einem Überholgleis. Am 13. März 1989 stand ein Kohlezug auf dem Bahnhof. Ulrich Jänckner erzählt: „Noch bevor die Weichen umgestellt waren, kam der Personenzug.“ Er rauschte mit voller Geschwindigkeit auf den Güterzug. „Das waren mindestens 60/70 Sachen“, mutmaßt er. „Ansonsten wäre der Schaden nicht so groß gewesen.“ Die Wucht des Aufpralls war besonders groß, weil der Güterzug angebremst war, erklärt der Bahner.

Beide Lokomotiven sprangen aus dem Gleis. Der erste Waggon des Personenzugs schob sich auf die Lok, der zweite noch einmal oben drauf. Vom ersten Waggon blieb nur zusammengepresstes Material übrig. Nach dem Unfall stand damit der Wagen direkt hinter der Lok, der in der Wagenfolge eigentlich an dritter Stelle kam. Der zweite Waggon blieb fast senkrecht in der Luft stehen. Dieses Materialknäuel entwirrte Ulrich Jänckner mit seinen Männern. „Ich musste entscheiden, wie dabei vorzugehen ist“, erzählt er. „Dabei hatte ich auch die Verantwortung, dass dabei niemand zu Schaden kommt.“ Also konzentrierten sich die Männer auf ihre Arbeit.

Durch den heftigen Unfall waren die zwei völlig ineinander verkeilt. Der Güterzug stand im Betriebsbahnhof und war angebremst.
Durch den heftigen Unfall waren die zwei völlig ineinander verkeilt. Der Güterzug stand im Betriebsbahnhof und war angebremst. FOTO: Ulrich Jänckner

„Um die Personenrettung haben sich andere gekümmert“, betont der Cottbuser. Er erinnert sich: „Da kam ein Mann, der sagte: ,Ich suche meinen Sohn.’ Wir konnten ihm nicht helfen.“ Doch als sich die Männer zum ersten Waggon vorgearbeitet hatten, entdeckten sie einen leblosen Körper. Der dritte Tote dieses Tages. „Das war wahrscheinlich der Sohn“, sagt Jänckner und schiebt den Gedanken beiseite. „Den haben die Rettungskräfte in der Nacht rausgeholt.“

Bis zum Abend – der Unfall hatte sich gegen 13.10 Uhr ereignet – traf dann auch der angeforderte Kran ein. Anders ließ sich das Trümmerfeld nicht entzerren. Der Großteil wurde vor Ort verschrottet. „Wir haben zwei Tage gebraucht, um die Strecke freizubekommen.“

Zwei Waggons des Personenzugs haben sich bei dem Aufprall auf gerichtet und sind auf die Lok gekracht.
Zwei Waggons des Personenzugs haben sich bei dem Aufprall auf gerichtet und sind auf die Lok gekracht. FOTO: Ulrich Jänckner